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: Zauberer im Luftzug des Jenseits

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Es wäre eine lohnende Aufgabe, eine Typologie der Dichter aufzustellen, die ihre Leser zur Gemeindebildung motivieren. Ein in Deutschland besonders beliebter Typus ist derjenige des kunstreligiösen Welterneuerungsartisten (etwa Stefan George), ein anderer der des formvollendet die Sau herauslassenden Verwerfungsvirtuosen ...

          Es wäre eine lohnende Aufgabe, eine Typologie der Dichter aufzustellen, die ihre Leser zur Gemeindebildung motivieren. Ein in Deutschland besonders beliebter Typus ist derjenige des kunstreligiösen Welterneuerungsartisten (etwa Stefan George), ein anderer der des formvollendet die Sau herauslassenden Verwerfungsvirtuosen (unübertroffen: Thomas Bernhard), ein dritter der des form- und bildungsstrengen Stilisten, der sich die an sich selbst gerichteten Kunstansprüche durch Ironie erträglich macht (also etwa: Thomas Mann). Autoren wie diese, die im Leben gern die Aura der Unnahbarkeit um sich verbreiten, bilden stabile Gemeinden, die sich darin einig sind, dass sie in dem Dichter die Orientierungsfigur des Lebens erkannt haben, und gerade deshalb dazu neigen, sich untereinander zu zerstreiten.

          Ein im angelsächsischen Raum prominent etabliertes Genre literarischer Gemeindebildung ist das der Nabokovianer. Mittlerweile breiten sie sich auch in der deutschsprachigen literarischen Landschaft rapide aus, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil Vladimir Nabokov dem von Thomas Mann repräsentierten Typus form- und bildungsbewusster Sprachartistik - bei allen gravierenden Unterschieden - durchaus nahesteht, wie sich bereits daran erkennen lässt, dass Nabokov seiner Verachtung für Thomas Mann bei jeder Gelegenheit ressentimentgeladen Ausdruck verliehen hat.

          "Genaue Kenntnis und Überbietung der Konkurrenz" gehören nun einmal, wie Michael Maar in einem aufschlussreichen Vergleich von Thomas Manns Erzählung "Der kleine Herr Friedemann" (1897) mit Nabokovs "Der Kartoffelelf" (1924) zeigt, zur geistigen Physiognomie Nabokovs. Die gemeinsame Schnittfläche zwischen den deutschen Nabokovianern und den Verehrern Thomas Manns dürfte also groß sein. Man darf vermuten, dass diese ihre an den Büchern Thomas Manns erprobten Interpretations- und Dechiffrierkünste mangels Werkzuwachs nun auf die Romane des merkwürdig wesensverwandten Nabokov übertragen und auch in seinen Texten all die Seejungfrauen und Schneeköniginnen identifizieren, die sie bereits bei Thomas Mann ihr seltsames Wesen treiben sahen. Und so darf man sich auch auf manchen Deutungsstreit freuen, denn die Nabokovianer sind, wie man hört, nicht zu besonderer Friedfertigkeit geneigt.

          Einen Grund dafür nennt Michael Maar gleich im zweiten Absatz seines, wie wir gleich sagen wollen, höchst anregenden und lesenswerten Buches über Vladimir Nabokov: "Nabokov erzieht seine Deuter zu Kabbalisten." Wo Interpreten ihr Geschäft wie Kabbalisten betreiben, ist tatsächlich Vorsicht geboten; denn für Kabbalisten geht es im Akt des Lesens, worum es in der literaturwissenschaftlichen Interpretation nie gehen kann: um letzte Wahrheiten. Was aber sagt es über einen Autor, dass er seine Deuter zu Kabbalisten "erzieht"?

          Maar nennt Nabokov bereits im Vorwort einen "Juwelier", der über einen "lässigen, beiläufigen Reichtum an Einfällen und Details" verfüge und aus ihnen seine "schillernden" und "glitzernden" narrativen Preziosen zusammenfüge, in denen er seine "kleinen harten Wahrheiten" verberge. Dieser Juwelier ist für Maar also kein Virtuose des Kunstgewerbes, wie es seine Metaphorik nahezulegen scheint, sondern ein "Moralist", und um den Moralisten Nabokov geht es Maar in diesem Buch. Dass ihm dabei die eigentümliche Affinität des Nabokovschen Erzählens zum Kunstgewerbe, zu "Veilchenparfum" und "zart Verkitschtem", nicht entgeht, kann man dem reichen Anmerkungsteil - man muss ihn unbedingt mitlesen: Er enthält manche der besten Einsichten des Buches - entnehmen: "ein leichtes Leoncavallo-Air, das ihn manchmal knapp an die Grenze des Kunstgewerbes führt".

          Meister der Tricks und Finten Deshalb ist das Bild vom Erzähler als Juwelier auch so treffend: Ein Juwelier muss nun einmal ein artistischer Virtuose sein, der mit Tricks, Finten und Effekten - nicht seltene Begriffe in Maars Buch - zu arbeiten hat, um seinen kostbaren Materialien die größten Wirkungen abzugewinnen, und dass Nabokov ein Meister der erzählerischen Tricks, Finten und Effekte sowie der "elegantesten Intrigen" ist, weiß jeder seiner Leser: ein Zauberer also auch er. Umso mehr muss es Maar darum gehen, hinter all dem Glanz die substanzstiftende Moral zu identifizieren, einfacher gesagt: die menschliche Wahrheit, auf der die Haltbarkeit aller Kunst beruht und ohne die auch Nabokovs erzählte Preziosen zerfallen müssten.

          Maar erfasst die seelisch-sittliche Substanz von Nabokovs Werk, indem er sich ihm auf sympathisch altmodische Weise nähert: über die Persönlichkeit des Dichters und die Charakterisierung von dessen "Seelen- und Einbildungskraft", die sich in seiner Kunst "kristallisiere". Er geht also nicht den Weg über die Biographie - es wäre auch schwer, im Rahmen eines schmalen Buches mit dem Autor von "Speak, Memory" oder Brian Boyds großer, zweibändiger Nabokov-Biographie konkurrieren zu wollen -, sondern er fragt nach dem inneren Nabokov, dem "wahren inneren Ich" des Dichters, das sich nur über das Werk erschließe. Maar sucht nach der Persönlichkeit im Werk, nach der Summe all der seelischen Prägungen und Antriebskräfte, die die poetische Einbildungskraft stimulieren und nicht zur Ruhe kommen lassen und denen das Werk seinen inneren Gehalt und seine spezifische Problemstruktur verdankt.

          Natürlich kennt Maar die methodischen Einwände, die sich gegen eine solche Erschließung des "wahren Nabokov" aus dessen Werk erheben lassen; in einer Anmerkung stellt er ausdrücklich fest, dass die "Nicht-mehr-Auflösbarkeit" der Verbindung aus Erlesenem, Erlebtem und Einbildungskraft ein Merkzeichen großer Literatur sei. Aber außer durch seine souveräne Kenntnis des Werks darf er sich durch dieses selbst zu seinem Verfahren legitimiert fühlen. Das große Thema von "The Real Life of Sebastian Knight", Nabokovs erstem in englischer Sprache verfassten Roman, bildet, so Maar, "das Spiegeln des Lebens in die Fiktion", und dass sich der Leser dabei auf eine Fülle von Verzerrungen, Transformationen und Verschiebungen einzurichten hat, führt der Roman ebenfalls auf berückende Weise vor Augen.

          Ebendies begründet die Affinität der Literatur zum Traum; in seiner Analyse von "Lolita" zeigt Maar, wie alles in diesem Roman "die leichte Neigung und Verbiegung des Traums" an sich trägt. Maar hebt denn auch (wiederum in einer Anmerkung) Nabokovs "Neigung" hervor, "die Kunst als die Traumdeuterin des Lebens zu sehen". Deshalb darf sich sein Leser als der Traumdeuter der Kunst begreifen, der in ihr das wahre innere Ich des Autors erkennt.

          Nabokovs "Urtragödie" ist für Maar der Tod des Vaters, der 1922 in der Berliner Philharmonie einem von zaristischen Offizieren vollführten Attentat zum Opfer fällt. Aus dieser traumatischen Erfahrung speist sich nicht allein lebenslang Nabokovs Schreibenergie - "er erzählte für ihn, den Verstorbenen" - , sondern auch das Metaphysik- und Transzendenzverlangen des Werks, jener "Luftzug des Jenseits", der durch Nabokovs Prosa weht und den Maar mit großer Sensibilität erspürt. Die Metaphysik habe, so kann Maar zeigen, für Nabokov "etwas bedrängend und furchtbar Ernstes" besessen, und so ist es denn kein Wunder, dass er, der genaue Kenner des Werks von Thomas Mann, auch bei Nabokov eine markante Schopenhauer-Spur ausmacht.

          Überhaupt scheint ihm Nabokovs gesamtes Werk durch eine "verdeckte Spannung aus Weltliebe und Weltdegout" charakterisiert, die sich bis zu einer gnostischen Weltsicht zu steigern vermochte. Die Welt als Werk eines bösen Schöpfers (eines "evil designer"), in das nur noch seltene Lichtfunken fallen: Wie sehr diese Deutungsfigur Nabokovs erzählerischen Weltentwurf prägt, zeigt Maar in einer glänzenden Deutung des sich als Nebenwerk tarnenden "Meisterwerks" "Pnin", dem seine besondere Sympathie gehört.

          Und dann sind da Nabokovs "tiefsitzende Homophobie" und sein kompliziertes Verhältnis zu dem jüngeren Bruder Sergej, dem Homosexuellen, der 1945 elend im Konzentrationslager Neuengamme starb. Schuldgefühl, so sagt Maar, ist "ein geradezu idealer Antrieb" für die Literatur, und so ist denn das Schicksal des Bruders auf vielfache Weise gegenwärtig in Nabokovs Werk - besonders kompliziert gebrochen und seitenverkehrt gespiegelt in dem Bruderverhältnis des Romans "The Real Life of Sebastian Knight", an dessen Ende Nabokov das Kunststück fertigbringt, die beiden Brüder ineinander verschmelzen zu lassen.

          Wo bleibt der Witz?

          Den glanzvollen Schluss dieser aus dem Werk erschlossenen Physiognomie Nabokovs bildet die Annäherung an den Eros des Autors. Sie erfolgt, wie niemand wundern wird, über Nabokovs populärsten, für Maar aber "rätselhaftesten" Roman: "Lolita". Hier, in der Deutung dieses Romans eines glühenden Begehrens, führt Maar die Motive seines Buches zusammen. Er zeigt, wie viele Schwestern - "verschämte Vorläuferinnen" - die begehrte Kindfrau Lolita von Anbeginn in Nabokovs Werk besessen und wie Nabokov schon in jungen Jahren in dem Gedicht "Lilith" den Begriff der Hölle an die ewig unerfüllte Lust gebunden hat. "Himmel und Hölle sind die Geschlechtslust, und über beiden wacht die Scham." So Maar, der durchaus die Frage zulässt, ob ein "so festsitzendes Thema" "seine Wurzeln nicht im Herzgrund" Nabokovs geschlagen habe; immerhin bleiben auch nach "Lolita" in dessen Werk die begehrten Frauen Kindfrauen.

          Aber Maar zeigt auch, dass es in Nabokovs gnostisch konstruierter schöner böser Welt, in der es Sexualität "nie ohne dämonischen Schatten und Schuld" gibt, keine klaren Rollenzuweisungen geben kann. Der Autor hat die Komponenten seines Ich sorgfältig zwischen Humbert Humbert, den er hasst, weil er ihm zu nahesteht, und der Nymphe Lolita verteilt, denn er ist der eine wie die andere: der die Nymphe Begehrende und zugleich sie selbst - einer, den als Kind ein Onkel "zu lang auf den Schoß gepresst hielt. Mit Ich-Anteilen, so scheint es, sind beide gefüllt, die Schöne und das Tier; und vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis des Romans."

          Michael Maar hat mit sicheren und eleganten Strichen ein so kluges wie konzentriertes Porträt des Vladimir Nabokov und eine Orientierungskarte für das nicht immer leicht überschaubare Textgelände von Nabokovs Welt entworfen. Zu den besonderen Vorzügen des Buches, einer Schule des genauen Lesens, gehört neben dem reich ausgebildeten Beziehungssinn seines Autors die durchgehende Textnähe der Argumentation. Und doch will dem Leser dieses reich abschattierte Porträt des Moralisten und Metaphysikers Nabokov gelegentlich ein wenig, nun ja, deutsch vorkommen, denn eine wichtige Komponente des Werks bleibt in ihm unterbelichtet: sein Witz. Bis heute werben im angelsächsischen Sprachraum die Taschenbuchausgaben von "Lolita" mit Kritikerurteilen, die vor allem eines an dem Buch rühmen: den schwarzen Humor, die Komik und wilde Heiterkeit des Romans - mit Recht, wie bereits jeder Leser des Vorworts aus der Feder des (fiktiven) John Ray, Jr. wissen wird, der seine Kompetenz im Falle Humbert Humbert/Lolita dadurch legitimiert, dass er sich als Verfasser des Werks "Do the Senses make Sense?" vorstellt. Glücklicherweise hat diese Frage bis heute keine Antwort gefunden, und so darf man der Literatur weiterhin eine große Zukunft voraussagen.

          - Michael Maar: "Solus Rex". Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov. Berlin Verlag, Berlin 2007. 205 S., geb., 22,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2008, Nr. 10 / Seite Z5

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