29.09.2008 · Der nächtliche Wind, der durch die Lücken der heruntergekommenen Wohnung pfeift, hat wahrscheinlich Mitleid mit dem armen Bäckergesellen gehabt. Kam der doch eigentlich, um im Auftrag der herrschenden Politklasse Druck auszuüben auf sein vermeintliches Opfer, den unliebsamen Autor mit dem Hang zur ...
Der nächtliche Wind, der durch die Lücken der heruntergekommenen Wohnung pfeift, hat wahrscheinlich Mitleid mit dem armen Bäckergesellen gehabt. Kam der doch eigentlich, um im Auftrag der herrschenden Politklasse Druck auszuüben auf sein vermeintliches Opfer, den unliebsamen Autor mit dem Hang zur eigenen Meinung - doch der dreht den Spieß mit seinen nikotinvergilbten Fingern einfach um und poltert, was die Buchstaben hergeben. Fast fünf Jahre brauchte Adolf Endler in den achtziger Jahren, um seinen Unmut über die eigene Unterdrückung in der DDR zu Papier zu bringen, weitere vier Jahre, bis der kurze Text im Westen publiziert wurde, und seitdem sind wieder 19 Jahre ins Land gegangen, bis der Verfasser selbst sich seiner "Fortsetzungs-Züchtigung" erinnerte und sie wieder aufgelegt wurde. Dass die textgewordene Tirade wider die Repressionen nicht während der SED-Herrschaft veröffentlicht wurde, erklärt sich von selbst. Heute ist der Text von neununddreißig Seiten, in dem Endler ununterbrochen und energisch gegen System, Einzelpersonen und Zustände wettert, künstlerisches Zeitzeugnis und Dokument der persönlichen Befindlichkeit in einem - und in seiner Heftigkeit zudem durchaus noch unterhaltend. (Adolf Endler: "Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen". Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 39 S., br., 12,- [Euro].) scht