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Wolfgang Matz: Eine Kugel im Leibe : Für das Dichteramt war kein Kandidat mehr tauglich

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Bild: Verlag

Zwischen Walter Benjamin und Rudolf Borchardt und immer mit Blick auf Stefan George: Wolfgang Matz zeigt, wie musterhafte intellektuelle Biographik aussieht.

          Als vor drei Jahren Ulrich Raulffs Studie zum Nachleben Stefan Georges erschien, fühlten wir uns über weite Strecken wie im Gruselkabinett. Wenn die manischen Enthusiasten, die da aus dem Dunkel des Vergessens heraufgeführt wurden, tatsächlich Georges gespenstische Nachhut waren, konnte man nur drei Kreuze schlagen. Ein bisschen unwohl fühlte man sich zwar schon bei dem Gedanken, dass die Erben der steilsten aller deutschen Dichterphantasien ausgerechnet jene griechenbegeisterten Bildungsreformer sein sollten, deren pädagogische Bemühungen direkt in die Dachkammern der Odenwaldschule führten. Aber da Raulff der Frage, wie sich Nachfolge eigentlich legitimiert, beharrlich aus dem Weg ging und sich auch auf eine Diskussion des Begriffs Wirkungsgeschichte nicht einließ, waren methodische Einwände von vornherein fehl am Platz.

          Einen ganz anderen Weg Georgescher Rezeption beschreitet jetzt Wolfgang Matz. Strenggenommen ist „Eine Kugel im Leibe“ zwar kein Buch über George, ja, George kommt nicht einmal im Untertitel vor, aber „der Name Stefan George grundiert als basso continuo alle in Rede stehenden Dokumente“ dieser so schmalen wie aufregenden Studie. In ihrem Mittelpunkt steht Walter Benjamin. Mit seiner radikalen Neuinterpretation der geistigen Koordinaten dieses Denkers führt Matz mustergültig vor, was eine „intellektuelle Biographie“ zu leisten vermag, wenn ein Autor sich auf das Wagnis einlässt, vom Hauptweg abzuweichen und ein wenig durchs Unterholz zu streifen.

          Platte Durchhalteparolen und menschliches Versagen

          Die dramatis personae neben Benjamin sind: Gerhard Scholem, Werner Kraft, Rudolf Borchardt und Hugo von Hofmannsthal. Am Anfang steht der gemeinsame Kampf von Scholem und Benjamin um den jungen Werner Kraft, den sie im Juli 1915 in Berlin kennen lernten. Als der neunzehnjährige Kraft wenig später zum Sanitätsdienst eingezogen wurde, geriet er in eine tiefe Krise und wandte sich hilfesuchend an Rudolf Borchardt, den er nicht nur für den größten deutschen Dichter hielt, sondern auch für den Einzigen, der ihm den Sinn des Krieges erklären konnte. Borchardt warf sich in Pose und formulierte ein paar platte Durchhalteparolen. Benjamin und Scholem waren entsetzt: Borchardt habe „statt des Herzens eine Kugel im Leibe“.

          Für Benjamin lag hier nicht einfach nur menschliches Versagen vor. Er konstatierte vielmehr eine „objektive Verlogenheit“, die darauf zurückzuführen sei, dass Borchardt einen Rang beanspruche, der ihm nicht zukomme. Sein ganzes Werk erweise sich als der Versuch, so etwas wie den öffentlich bestellten Verwalter des deutschen „Geist- und Sprachguts“ zu geben. Dieses Amt aber könne vorläufig nicht besetzt werden, und deshalb sei alles an Borchardt Lüge. „Er hat sich auf einen Turm von Lüge gestellt, um von der verlogenen Menge seiner Zeit gesehn zu werden.“ Der Einzige, dem Benjamin zugetraut hätte, den Deutschen wieder „einen Typus hinzustellen, den sie nicht haben, noch nicht haben können“, wäre Stefan George gewesen. Aber seit dieser sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges zum Propheten seiner selbst ausgerufen und damit den gleichen Fehler begangen hatte wie Borchardt, nämlich sich der Geschichte als eines Organs zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu bedienen, kam er in Benjamins Augen als Kandidat für das Amt des Dichters als Führer nicht mehr in Frage.

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