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Wolf-D. Beecken: Das kleine Buch vom Krebs : Was tun, wenn es einen trifft?

Bild: Scoventa Verlag

Jeder zweite Deutsche trägt das Risiko für ein bösartiges Tumorleiden in sich: Wolf-D. Beecken hat ein Buch geschrieben, das Patienten und Angehörigen hilft, auf Augenhöhe mit dem Medizinbetrieb zu agieren.

          Dass einer die richtige Einstellung zum Krebs mitbringen sollte, ist leicht gesagt. Die Krankheit, die uns wie kaum eine zweite unmittelbar auch mit den Themen Sterben und Tod konfrontiert, macht es niemandem leicht, dem Schicksal mit der puren Vernunft beispielsweise einer wissenschaftlichen Medizin gegenüberzutreten. Auch den Ärzten nicht und den anderen Heilern. Es gibt Hunderte Beispiele von medizinischen Büchern und Ratgebern, die entweder wissenschaftlich über das Ziel hinausschießen, um für den Hausgebrauch nützlich zu sein, oder die pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreiten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In diesem Umfeld ist das vorliegende Buch, das sich fast selbstironisch ein „kleines Buch“ nennt, ein wirklich großes, hilfreiches Buch. Es ist von einem Urologen geschrieben und deckt doch fast die gesamte Breite der heutigen Krebsmedizin, der Onkologie, ab. Wolf-Dietrich Beecken ist ein noch verhältnismäßig junger Arzt und Wissenschaftler, der die klinische Ausbildung von A bis Z absolviert hat. Er ist Lehrbeauftragter an der Universitätsklinik und wäre in seiner Frankfurter Facharztgemeinschaftspraxis genug ausgelastet, um vielen Patienten zu helfen. Das alles ist ihm allerdings offenbar nicht genug.

          Persönlich betroffen

          Beecken hat in seinem Leben und in seiner Praxis Erfahrungen gesammelt, die seinen missionarischen und publizistischen Eifer angestachelt haben. Da wäre zum Beispiel der Krebstod seines Vaters in den achtziger Jahren. Es war die erste prägende Begegnung mit dem Krebs. Beecken hat erlebt, „wie ein geliebter Mensch trotz unterschiedlicher Therapien von ihr (der Krankheit) aufgezehrt wurde“. Eine Erfahrung, an der heute schon kaum jemand vorbeikommt - sei es als Betroffener oder als Angehöriger. Und als Arzt entkommt man ihr erst recht nicht: Jeder Zweite von uns trägt das Risiko für ein bösartiges Tumorleiden in sich, mehrere hunderttausend Menschen sterben jedes Jahr allein in Deutschland.

          Der Tod seines Vaters, Internist und dennoch machtlos, war allerdings nur der Auslöser für Beeckens Schreiben. Der andere Grund ist ein für ihn noch triftigerer: Es ist die sehr zutreffende Beobachtung, dass die meisten Menschen, ob Betroffene oder Angehörige, gerade in den ersten Tagen und Wochen nach der Diagnose völlig überfordert sind, das eigene Schicksal medizinisch einzuordnen. Tausend Fragen türmen sich vor ihnen auf: Wen noch fragen, was tun, wenn die erste Therapie die Geschwulst nicht beseitigt, welche Perspektiven und Alternativen gibt es?

          Es gibt kein Patentrezept

          Selbst wenn wir die sogenannten komplementären, wissenschaftlich gelegentlich auf dünnem Eis wandelnden Heilkundigen ausnehmen, ist die Krebsmedizin ein schwer durchschaubares, extrem heterogenes Fachgebiet geworden. Tumorzentren, zertifiziert oder mehrfach zertifiziert, onkologische Fachkliniken - wer soll da herausfinden, was gut für ihn persönlich ist?

          Der Autor weist den Patienten zu Recht darauf hin, wie wichtig es gerade heute ist, „sich genau auszusuchen, von welchen Personen er sich beraten und behandeln lässt“. Das gewählte Krankenhaus ist bei allen Qualitätsoffensiven der Fachgesellschaften immer noch der größte Risikofaktor für einen schnellen Krebstod. Beeckens Ideal ist es, dass der Patient und seine Angehörigen „verstehen lernten“, was Krebs ist, denn: „Ohne profundes Wissen ist es kaum möglich, richtige Entscheidungen zu treffen und eine eigene ,Krebs-Strategie‘ zu entwickeln.“

          Natürlich darf man bezweifeln, dass es von Anfang an so etwas wie eine ideale Behandlungsstrategie mit Erfolgsgarantie überhaupt gibt. Das schließt Beecken eigentlich auch schon mit seiner Bemerkung aus, dass Tumore „nahezu intelligent“ wirkten.

          Aufklärung im Sinne der Patienten

          Tatsächlich hat es den in den sechziger Jahren angekündigten Sieg über den Krebs aus diesem Grund noch immer nicht gegeben. Jeder Krebs ist anders, und jeder Tumor entwickelt sich unterschiedlich, jeder hat auch andere Schwachstellen. Und um diese Schwachstellen im System Krebs wie im System Krebsmedizin offenzulegen, geht es Beecken auf vielen Seiten. Er versetzt den Patienten damit annähernd in die Lage, praktisch auf Augenhöhe mit dem Arzt zu kommunizieren - zumindest im Hinblick auf die Aktualität der medizinischen Informationen.

          Ob es nun darum geht zu zeigen, wie der Krebs grundsätzlich funktioniert oder das „Pharma-Onkologiebusiness“, ob es um Diagnosetechnik oder Früherkennung geht oder um die unterschiedlichen Behandlungsoptionen - der Autor versucht den Leser möglichst entlang einer modernen onkologischen Praxis durch das Labyrinth der Möglichkeiten zu führen. Und davon gibt es immer mehr; immer mehr auch von der nahezu unbezahlbaren oder der fragwürdigen Sorte.

          Der Fehler im System

          Beecken ist kein Gegner der Naturheilverfahren, einige der sogenannten komplementären Therapien hält er schon deshalb für nützlich, weil sie die Einstellung der Patienten zur schweren Krankheit positiv beeinflussen und damit wie ein wertvolles Placebo wirken können. Ganz nebenbei, ohne dass das als Lernziel des Buches angekündigt worden wäre, begreift der Leser auf einigen bedenkenswerten Seiten, weshalb unser Gesundheitssystem der zunehmenden onkologischen Belastung durch die demographische Entwicklung bisher nahezu hilflos ausgeliefert ist.

          Es geht um die schwer prognostizierbare Bezahlbarkeit moderner, durchweg teurer Antikrebstherapien. Natürlich ist seine gesundheitspolitische Bestandsaufnahme in dieser Hinsicht gefärbt von seiner persönlichen Perspektive, wenn er etwa schreibt: „Unser Gesundheitssystem sieht eine Vergütung der Ärzte vor, die vielleicht bei Knopfproduzenten funktionieren könnte, nicht aber im Falle einer individuellen ärztlichen Leistung.“ Sein Eigeninteresse macht den Satz leicht verständlich, es macht ihn dennoch nicht weniger wahr.

          Wolf-D. Beecken: „Das kleine Buch vom Krebs“. Die Krankheit verstehen Scoventa Verlag, Bad Vilbel 2013. 250 S., geb., 19,95 €.

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