Treten Sie näher, schauen Sie selbst: In einer Ortschaft südlich von London bringt Mary Toft neun Kaninchen sowie verschiedene Katzenbeine zur Welt. Der ortsansässige Drucker gibt die Sensationsgeschichte heraus, zwei Ärzte, der Dorfgeistliche, ja, Experten aus London befassen sich mit dem Fall, der sich ihnen bald als Betrug darstellt. Das war 1726. Wer glaubt, dass es damit sein Bewenden hatte, irrt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Geschichte in dem Band "The Mysteries of History" wieder aufgegriffen, und sie lebt im Internet fort unter dem Stichwort "Rabbit Breeder". Der Glaube an verborgene Kräfte ist bis heute keineswegs ausgestorben. Im Gegenteil.
Oder ist diese Welt etwa doch nicht so, wie sie scheint? Die Augsburger Ethnologin und Kulturhistorikerin Sabine Doering-Manteuffel hat sich auf der Grundlage eines breiten und intensiven Quellenstudiums in ganz Europa in das Halbdämmer der Moderne begeben, wo unter dem Baum der Aufklärung ein wucherndes Schattengewächs des Okkulten gedeiht. Allerdings ist die Angelegenheit komplizierter, als diese Metapher unterstellt. Deshalb wählt die Autorin eine andere Metapher, nämlich die vom Schatten des Okkulten, der der Aufklärung beharrlich folgt. Das Problem: Sobald man den Schatten ausleuchtet, ist er verschwunden. Er löst sich auf in Aberglauben und Unfug und tarnt sich mit Gegenstandslosigkeit. Das mag ein Grund dafür sein, warum sich Historiker mit dieser Angelegenheit wenig befassen. Sie scheint sehr weit weg von allem, was man sich sonst unter historischen Potenzen vorstellt. Dabei müsste stutzig machen, dass wir nicht nur erleben, wie unter großer öffentlicher Anteilnahme soeben "The next Uri Geller" gesucht (und gefunden) wurde, sondern dass allenthalben der Glaube an Geister oder sonstige Wesen der anderen Art sich der modernsten Kommunikationstechnologien bedient. Fernsehen und Internet sind ein Tummelplatz von Scharlatanen, die der Menschheit Erlösung versprechen.
Sabine Doering-Manteuffel lässt ihre fulminante Geschichte des Okkulten aus gutem Grund mit der Gutenbergschen Revolution beginnen. Denn die Erfindung des Buchdrucks in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts war die Voraussetzung für die "Erfolgsgeschichte des Okkulten". Wenn aufklärerische Geister hofften, der Buchdruck werde den Sieg der Vernunft über den Aberglauben herbeiführen, sollten sie sich getäuscht sehen. Denn gleich nach der gedruckten Heiligen Schrift entstanden "Ersatzbibeln", in denen alle Spielarten des Aberglaubens in einem bis dahin nicht gekannten Maß verbreitet wurden: "Die Geburt der modernen Esoterik lässt sich in derselben Zeit verorten, in der Bildung und Wissenschaft aufblühten", schreibt Sabine Doering-Manteuffel und weist nach, wie mit der Lesefähigkeit und dem Bildungsgrad der Menschen der Bedarf an Okkultem stieg.
Sabine Doering-Manteuffel ist es gelungen, die kulturhistorische Dialektik der Aufklärung aufzuspüren: In dem Maß, in dem Wissenschaft und Rationalität sich als Organisationsprinzipien des modernen Lebens durchsetzen konnten, stieg auch das Bedürfnis nach dem Unerklärlichen. Dieses Bedürfnis ist Teil der Informationsgesellschaft und der Unterhaltungsindustrie und "partizipiert an globalen Wertschöpfungsverfahren und am digitalen Kapitalismus". Das Besondere des Buchs liegt darin, dass es nachweist, dass das Unerklärliche aus historischen Gründen konstitutiv für die Neuzeit ist. Was das für unseren Begriff vom Menschen in sozialer, ästhetischer und politischer Hinsicht unter den Bedingungen des Medienzeitalters bedeutet, ist noch nicht durchdacht. Hierin liegt eine Herausforderung, die das Werk genau umreißt. Man darf gespannt sein, wie Politik, Pädagogik und Wissenschaft reagieren werden.
In einem der faszinierendsten Kapitel verfolgt die Autorin die Genese des modernen Okkultismus aus dem Geist der Alchimie und aus der Furcht vor der Pest. Seit dem zwölften Jahrhundert verbreiteten sich aus dem arabisch-islamischen Spanien kommend in Europa alchemistische Anleitungen zur Verwandlung unterschiedlichster Stoffe, die Vorläuferinnen der modernen Chemie, wenn man so will. Unter dem Eindruck der großen Seuchen und der Hilflosigkeit der Ärzte entstand mit den Pestbüchern, Ratgebern und Verordnungen eine Literaturgattung. Sie reichte nun über den engen Kreis der Gelehrten weit hinaus und bot einer breiteren Bevölkerungsschicht die Aussicht auf Erklärung und Abhilfe von der Not. Der Leser begegnet hier der Frühgeschichte populäresoterischer Weltbilder.
Dass die christliche Religion durch den Aufschwung einer Praxis wissenschaftsgestützten Aberglaubens in eine schwierige Lage kam, liegt auf der Hand. Das Wunder und das Wunderbare waren nicht länger Privileg der Kirche. Lorraine Daston und Katharine Park haben vor einigen Jahren in ihrer Studie über "Wunder und die Ordnung der Natur" diesen Sachverhalt, freilich aus einem anderen Blickwinkel, beschrieben.
Sabine Doering-Manteuffel verfolgt nun, wie sich im Verlauf der Jahrhunderte bis hin zur völkisch-esoterischen Mythologie des zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder ein Überschuss an Glaubenswilligkeit aufbaut, der die Dämme nicht nur der Vernunft, sondern auch des schlichten Maßhaltens durchbricht - mit dem Versprechen, in die Erlösung eines allumfassenden Verständnisses. An einem "Poltergeist" des frühen sechzehnten Jahrhundert werden die konfessionellen Verschiedenheiten und Gegensätze im Umgang mit den Erscheinungen des Okkulten ebenso unterhaltsam wie gelehrt entwickelt. Dabei stellt die Autorin immer wieder die zentrale Rolle der Medien heraus: Das Teuflische wird zur Nachricht und gedeiht aus ihr heraus.
Die "Wissenschaft von den verborgenen Dingen" kulminiert folgerichtig im Zeitalter des Siegeszugs der empirischen Wissenschaften. Hatte sich schon, wie die Autorin treffend formuliert, das Jahrhundert der Aufklärung als ein Segen für den "Teufel" erwiesen, so stand seine Glanzzeit noch bevor: Der Geist wurde zum Inbegriff der Neuzeit - aber in der doppelten Wortbedeutung. Doering-Manteuffel bringt zusammen, was dem Okkulten zur Heimstatt wird - sie bezieht neben der diffusen und genuinen Gattung okkultistischer Anleitung ebenso Literatur, Kunst und am Ende auch die "verteufelte Wissenschaft" selbst mit ein. Es ist atemberaubend, die Genese des nationalsozialistischen Weltbildes, der Stilisierung des Auratischen zu Lasten des Politischen aus dem Geist einer Okkultistin wie Petrowna Blavatsky mitsamt ihrer "Geheimlehre" von den "Wurzelrassen" oder eines Hanns Hörbiger mit seiner "Glacial-Kosmogonie" zu verfolgen. Diese erst haben dem Amalgam des nationalsozialistischen Weltbildes jene raunende Dignität verliehen, die so lange suggestiv wirken sollte. Dass mit dem Internet und seinem immensen Informationspotential das Okkulte nicht verschwindet, sondern wächst, liegt nach alledem auf der Hand. Sabine Doering-Manteuffel ist ein großer Wurf gelungen: Die Vernünftigen sollten auf der Hut sein. Die Entzauberung der Welt war am Ende vielleicht auch nur ein Traum.
Sabine Doering-Manteuffel: "Das Okkulte". Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web. Siedler Verlag, München 2008. 352 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].
Selbsterkenntnis statt Armageddon
Frank Reitemeyer (Wahrheitssucher)
- 14.03.2008, 13:51 Uhr