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: Wo ist hier die Lücke?

  • Aktualisiert am

Ist das, was wir Bewusstsein nennen, überhaupt theoriefähig? Ist Bewusstsein - das Haben von Gedanken und Gefühlen - nicht ein derart subjektives Phänomen, dass es sich auf keine Weise objektivieren lässt? John Searle ist ein prominenter Philosoph, der diese Ansicht vertritt. Er fordert nicht weniger als ein neues Verständnis von naturwissenschaftlicher Erklärung.

          Ist das, was wir Bewusstsein nennen, überhaupt theoriefähig? Ist Bewusstsein - das Haben von Gedanken und Gefühlen - nicht ein derart subjektives Phänomen, dass es sich auf keine Weise objektivieren lässt? John Searle ist ein prominenter Philosoph, der diese Ansicht vertritt. Er fordert nicht weniger als ein neues Verständnis von naturwissenschaftlicher Erklärung. Nur so bestünde eine Chance, erklären zu können, wie die Neuronen unseres Gehirns den subjektiven, qualitativen Charakter unseres bewussten Erlebens hervorbringen. Schließlich bestehe genau darin das Rätsel des Bewusstseins.

          Wo Searle sich angesichts des "harten" Problems der Erklärung von Bewusstsein nur noch mit einer "anderen" Wissenschaft zu behelfen weiß, da sieht Daniel Dennett absolut kein abgründiges Problem, das andere als normalwissenschaftliche Methoden erfordern würde. Bewusstsein ist für ihn kein zutiefst rätselhaftes Phänomen, es wird bloß recht schnell zu einem, wenn man ein paar Schritte in die falsche Richtung tut. In diesem Sinne argumentiert Dennett in seinem neuen Buch ("Süße Träume". Die Erforschung des Bewusstseins und der Schlaf der Philosophie. Aus dem Amerikanischen von Gerson Reuter. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 216 S., geb., 24,80 [Euro]).

          Am Beginn dessen, was Dennett einen Irrweg nennt, stehe die Intuition, dass Bewusstsein etwas Subjektives und Inneres ist, das von außen und für andere höchstens indirekt oder gar nicht zugänglich ist. Nur mir selbst ist demnach bekannt, wie es sich anfühlt. So wie auch nur ich selbst diese meine bewusste Rotempfindung haben kann, die eben nicht einfach in die auch von Dritten feststellbare Reizung meiner Retina und die Verarbeitungsprozeduren dahintergeschalteter Neuronenverbände konvertiert werden kann. Denn - so beispielsweise die Frage Searles - lässt sich ein größerer Unterschied denken als der zwischen Erregungssequenzen von Neuronen und meiner Empfindung von Rot? Wie also diese "Erklärungslücke" überwinden? Und schon sieht man sich vor das Dilemma gestellt, das laut Dennett nur beschworen wird, in Wirklichkeit aber gar keins ist. Dieses Dilemma lautet: Bewusstsein sei entweder gar nicht oder nur mit verzweifelt anmutenden theoretischen Einsätzen zu erklären.

          Gegen solche Vorstellungen tritt Dennett mit der gewohnten Verve an. Und weil er weiß, dass tiefsitzende Intuitionen kaum direkt angegangen werden können, tut er es im spielerischen Variieren von Gedankenexperimenten, die diesen Intuitionen eher merkwürdige Folgerungen abgewinnen. Solche therapeutischen Lockerungsübungen sollen den verführerischen Schein der Evidenz zerstreuen, auf die Philosophen wie Searle bauen.

          Searle und Dennett vertreten entgegengesetzte Positionen. Trotzdem sind sie vor einiger Zeit beide unter Beschuss gekommen, in einem viel beachteten Buch, das der Philosoph Peter Hacker gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Max Bennett verfasst hat ("Philosophical Foundations of Neuroscience". Blackwell, Oxford 2003. 461 S., br., 36,- [Euro]). Man findet darin eine detailreiche, im Wittgensteinschen Geiste verfahrende Kritik an Explikationsansprüchen der Neurowissenschaften. Deren Ansprüche auf Erklärung unseres gewohnten psychologischen Vokabulars - wie etwa "denken", "glauben", "wissen", "fühlen", "bewusst sein" - könnten nur dann triftig sein, wenn die Worte in ihrer üblichen Bedeutung expliziert und also auch verwendet werden.

          Sieht man sich den Gebrauch dieser Wörter unbefangen an, wird hinreichend klar, dass sie nur auf Menschen als Ganzes - allgemeiner auf Tiere einer gewissen Entwicklungsstufe -, nicht auf deren Teile angewendet werden können: Es ist nicht etwa empirisch falsch, vom denkenden, fühlenden, bewussten Gehirn zu sprechen: Es ist vielmehr eine begriffliche Verwirrung. Und dieser Verwirrung erliegen in den Augen Bennetts und Hackers nicht nur eine Reihe von Neurowissenschaftlern, sondern auch ansonsten so gegensätzliche Philosophen wie Searle und Dennett, die in separaten Anhängen gnadenlos gezaust werden.

          Nun kann man nachlesen, wie sich die beiden gegen ihre Kritiker zur Wehr setzen (Max Bennett, Daniel C. Dennett, Peter Hacker, John R. Searle: "Neuroscience & Philosophy". Brain, Mind & Language. Columbia University Press, New York 2007. 215 S., geb., 25,95 [Euro]). Searle gibt sich in der Form konziliant und in der Sache unbeeindruckt. Dennett holt dagegen zu einem breit angelegten Gegenangriff aus, der die Berufung auf eine eingespielte und durch keine Empirie veränderbare angebliche Ursprungsbedeutung unseres psychologischen Vokabulars aushebeln soll: Selbstverständlich dürfe man die Bedeutung von Wörtern wie "denken", "glauben", "fühlen" auch auf andere als die eingespielte Weise begreifen. In den Kognitions- und Neurowissenschaften werde es auf legitime Weise vorgemacht.

          Wer daraufhin schon die Waage zu Dennetts Gunsten sich senken sieht, den muss die geschliffene Replik von Hacker und Bennett erst recht beeindrucken. Sie wissen ihr Projekt begrifflicher Klärungsarbeit an den Fundamenten der kognitiven Neurowissenschaften mit einer Verve zu verteidigen, die jener Dennetts um nichts nachsteht. Kurzweiliger und auf anregendere Weise als mit diesem Band kann man sich zentrale Fragen der Debatte um Neurowissenschaft und Philosophie kaum vor Augen führen.

          HELMUT MAYER

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