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: Wir treffen viele harmlose Spinner

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Im Wissenschaftsblatt "New Scientist" war vor kurzem ein Spezial über die Vernunft zu lesen. Sieben Koryphäen, vom Erzbischof bis zum Mathematiker, versuchten etwas Vernünftiges darüber zu schreiben. Der Mathematiker, der berühmte Roger Penrose, wagte es nicht einmal zuzugeben, dass zwei plus zwei gleich vier ist.

          Im Wissenschaftsblatt "New Scientist" war vor kurzem ein Spezial über die Vernunft zu lesen. Sieben Koryphäen, vom Erzbischof bis zum Mathematiker, versuchten etwas Vernünftiges darüber zu schreiben. Der Mathematiker, der berühmte Roger Penrose, wagte es nicht einmal zuzugeben, dass zwei plus zwei gleich vier ist. Auch die anderen sechs Autoren taten ihr Bestes, doch insgesamt hatte man das Gefühl, dass sie alle im Nebel stocherten.

          Woher wusste also James Webb, der Autor von "Das Zeitalter des Irrationalen - Politik, Kultur und Okkultismus im 20. Jahrhundert", so genau, was irrational oder okkult ist? Vielleicht hat er es letztlich so gemacht wie Potter Stewart. Dieser amerikanische Richter ist berühmt für seinen Ausspruch, dass er Pornographie zwar nicht definieren kann, doch er kennt sie, wenn er sie sieht.

          Im 19. Jahrhundert, nach der Niederlage Napoleons, begann die "Flucht vor der Vernunft". Mit dem Ersten Weltkrieg beschleunigte sich die Krise. Viele hielten die pragmatische, materialistische und rationale Methode für gescheitert und suchten ihr Heil in vorurteilsvollen, idealistischen und irrationalen Ideen. Das "Okkulte" ist "verworfenes Wissen". Wer dieses Wissen eigentlich verworfen hat, das kann man nicht immer genau sagen. Im betrachteten Zeitraum hatten diese Denkweisen oft großen Einfluss. Deshalb heißt das Buch im Original "The Occult Establishment", während der Vorgängerband "The Occult Underground" betitelt war. Das Hauptbeispiel sind die Nationalsozialisten. Ihr Antisemitismus war und ist eine okkulte Idee. Das Irrationale hat im Dritten Reich aber auch auf banalerem Niveau Eingang gefunden. Rosenberg, Himmler, Heß und auch der Führer selbst beschäftigten sich mit allerlei Spökenkiekereien.

          Ein besonderes Anliegen Webbs war es, zu ergründen, inwieweit der Nationalsozialismus von okkulten Vorstellungen geprägt wurde. Einerseits wurde die Bewegung ursprünglich von mystischen Ideen inspiriert. Andererseits war das Entscheidende, die Macht zu gewinnen und zu behalten. Zu viel Okkultes war da lästig.

          Manche Bücher sind eng mit der Biographie ihres Autors verknüpft. Dies ist eines davon. James Webb (1946 bis 1980) war ein brillanter schottischer Historiker und Autor, den man in die Tradition der schottischen Aufklärung (David Hume, Adam Smith etc.) einordnen kann. Seine Werke wurden sehr gerühmt, aber er verdiente damit wenig Geld. Vielleicht führte auch dies zu seinem Selbstmord. Sein Hauptthema als Autor und Herausgeber war der Okkultismus. Er beschäftigte sich mit Dingen, die die akademische Forschung damals wenig interessierten. Das vorliegende Buch zeugt von seiner ungeheuren Fähigkeit, Informationen zu komprimieren. Webb sprach Deutsch, Französisch und Russisch. Deshalb war er auch mit den Ereignissen in Berlin, Paris und St. Petersburg wohlvertraut. Wir Leser werden auf jeden Fall von ihm gut bedient.

          Dieses Buch kann sogar eine Quelle des Vergnügens sein. Wir treffen viele harmlose Spinner. Webb ist sozusagen der Direktor einer Freak Show, der uns mit stiller Freude die Frau mit Bart und den Zyklopenjungen zeigt. Er selbst ist kein Freak, aber man spürt sein Interesse und sein Verständnis. Immer wieder schafft er es, uns zum Lächeln zu bringen, indem er geschickt auswählt. Über Wassilij Rosanow (1856 bis 1919), einen besonders originellen Denker, schreibt er etwa: "Als Rosanow seinen sexuellen Mystizismus im engsten Familienkreis diskutierte, wurde eine seiner Töchter regelmäßig hysterisch, aber seine Frau schlief für gewöhnlich dabei ein."

          Da dieses Buch bereits 1973 in England erschienen ist, erstreckt sich der betrachtete Zeitraum nur bis in die frühen siebziger Jahre. Die Einleitung "Der Kampf um das Irrationale" definiert den schon beschriebenen Rahmen des Werks. Im Schlusskapitel "Die Grammatik der Unvernunft" wird dann das Nachdenken über das Okkulte an sich wiederaufgenommen und der Bogen zu Science-Fiction und Fantasy geschlagen. Von der Science-Fiction ist es nicht weit zu Scientology. Auch die Ufos gehören zum Großraum Science-Fiction.

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