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Historischer Briefwechsel : Wie viel Politik verträgt die Theologie?

Jesusfigur in der evangelischen Friedenskirche in Frankfurt Bild: Patrick Junker

Ein Briefwechsel Rudolf Bultmanns gibt tiefe Einblicke in die Entwicklung der evangelischen Kirche nach 1945. Wer die Prozesse verstehen will, sollte zu diesem Buch greifen.

          Beim Neuaufbau der evangelischen Kirche und Theologie nach dem Krieg suchten die Anhänger Karl Barths wie jene Rudolf Bultmanns ein Wörtchen mitzureden. Der Briefwechsel Bultmanns zeigt, wie sich beide Seiten nach dem gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus argwöhnisch beäugten. Wer den Protestantismus nach 1945 verstehen will, wird hier reichlich fündig.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der nun erschienene Briefwechsel Rudolf Bultmanns mit Götz Harbsmeier und Ernst Wolf in den Jahren 1933 bis 1976 ist mehr als ein editorischer Lückenschluss. Wer den Band zur Hand nimmt, bekommt fast alle Fäden in die Hand, die theologiegeschichtlich und kirchenpolitisch Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gesponnen wurden, sowie einen bunten Flecken allgemeiner (Nach-)Kriegsgeschichte obendrein. In der Korrespondenz der drei Professoren lässt sich beobachten, wie der deutsche Protestantismus nach 1945 auf jene Gleise gesetzt wurde, auf denen er sich mehr oder minder bis heute bewegt. Die Politisierung der Kirche oder den andauernden Streit über die Bekenntnisfrage – vieles versteht man nach der Lektüre genauer.

          Übergreifen der nationalsozialistischen Ideologie auf Kirche und Universität

          Im Zentrum steht Rudolf Bultmann (1884–1976), dessen bestechende Urteilskraft in politischen Fragen schon Konrad Hamann in seiner beeindruckenden Biographie herausgearbeitet hat. Die Briefpartner sind sein früherer Assistent Götz Harbsmeier, der 1962 nach Göttingen berufen wurde, und der Göttinger Kirchenhistoriker Ernst Wolf. Harbsmeier verstand sich dabei als Mittler zwischen Bultmann und den Anhängern Karl Barths. Die Konkurrenz dieser beiden Schulen mit all ihren Implikationen und Konsequenzen ist der eigentliche Angelpunkt des Bandes. Anders als Harbsmeier begreift sich Ernst Wolf dabei weniger als vermittelnde, sondern eher als stellvertretende Instanz: Der Göttinger Kirchenhistoriker galt als das Sprachrohr des Schweizers Barth in Deutschland.

          Die Bedeutung, die Wolf damit nach 1945 einnahm, wurde Theologiehistorikern erst allmählich bewusst. Denn viel stärker als durch Veröffentlichungen wirkte Wolf hinter den Kulissen. Er formte die Zeitschrift „Evangelische Theologie“ zum publizistischen Organ des Barthianismus und beeinflusste das Programm des Christian Kaiser Verlags in dessen Sinne. Vor allem aber zog Wolf, wie sein im Bundesarchiv lagernder Briefwechsel dokumentiert, bei unzähligen Berufungen die Strippen im Sinne der Barthianer.

          Die von Wolf vertretenen Interessen deckten sich dabei, wie der Briefwechsel zeigt, in einigen Fragen mit denen der Bultmannianer. Bis 1945 hatte man in gemeinsamer Opposition gegen die „Deutschen Christen“ und den Nationalsozialismus gestanden. Wolf war von Bonn nach Halle strafversetzt worden. Bultmann durfte zwar in Marburg bleiben, setzte dem Übergreifen der nationalsozialistischen Ideologie auf Kirche und Universität aber zwölf Jahre lang ebenfalls ein nüchternes, offenes Nein entgegen.

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