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: Wie imperial ist Amerikas Politik?

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Die Vereinigten Staaten werden quer durch das ideologische Spektrum als ein Imperium wahrgenommen. Das Thema der imperialen Herrschaft findet auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften zunehmend Aufmerksamkeit. Herfried Münkler hat in seinem Buch "Imperien. Die Logik der Weltherrschaft vom Alten ...

          Die Vereinigten Staaten werden quer durch das ideologische Spektrum als ein Imperium wahrgenommen. Das Thema der imperialen Herrschaft findet auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften zunehmend Aufmerksamkeit. Herfried Münkler hat in seinem Buch "Imperien. Die Logik der Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten" versucht, die aktuelle Politik Amerikas entlang der Kategorie des Imperiums aufzuschließen (F.A.Z. vom 8. August 2005). Der in Harvard lehrende Historiker und publizistische Tausendsassa Neill Ferguson machte vor allem in der englischsprachigen Welt mit einem Werk Furore, in dem er das britische Empire als Modell für Washingtons Außenpolitik empfahl. Michael Hardts und Antonio Negris Buch "Empire" wurde rasch zur Bibel der Globalisierungsgegner. Die beiden Autoren behaupten, das postmoderne Empire sei kein "historisches Regime, das aus Eroberungen hervorgegangen ist, sondern eine Ordnung, die Geschichte suspendiert". Ihr "Empire" ist dabei nicht das Produkt amerikanischer Macht, sondern eine Struktur des globalen Kapitalismus, für den die Vereinigten Staaten den Hauptantrieb liefern, ohne selbst der autonome Protagonist zu sein. Die historischen Imperien bilden in dieser Zeitdiagnose nur eine Folie, von der sich die Gegenwart radikal abhebt.

          "413 Seiten voller Plattitüden", so urteilt der New Yorker Historiker Matthew Connolly in seinem Beitrag "The New Imperialists" über das Opus von Hardt und Negri. Abgedruckt ist dieses Diktum in einem Band, der die Beiträge einer vom Social Science Research Council organisierten Tagung versammelt ("Lessons of Empire". Imperial Histories and American Power. Herausgegeben von Craig Calhoun, Frederick Cooper und Kevin W. Moore. The New Press, New York 2006. 342 S., br., 19,95 $).

          Die Herausgeber dieser anregenden Anthologie fragen, ob "Imperium" eine hilfreiche Kategorie ist, um Amerikas wirtschaftliche, kulturelle, politische und militärische Macht zu verstehen. Was können uns die Erfahrungen vergangener Imperien über die Gestalt und die Folgen globaler Macht sagen? In welchem Verhältnis stehen die Ziele und Strategien der Vereinigten Staaten zu den klassischen imperialistischen Projekten der Herrschaft über andere, sei es zum Zwecke ökonomischer Ausbeutung oder zur Durchführung einer Zivilisierungsmission?

          Jüngere historische Forschungen zu Imperien betonen häufig die Grenzen imperialer Macht, die Kompromisse mit lokalen und regionalen Herrschaftssystemen, die Bedeutung von kommerziellen Netzwerken, von denen imperiale Stabilität abhing. Aktuelle politische Schriften unterstreichen hingegen vor allem den - je nach Standpunkt positiv oder negativ konnotierten - Aspekt der imperialen Machtausübung. Der Fall Irak zeige jedoch, so Craig Calhoun, wie wichtig die historische Einsicht in die Grenzen imperialer Macht sei. Denn wie frühere Kolonialmächte hätte auch Amerika lernen müssen, daß Eroberung leichter ist als Herrschaft: "Die einzig verbliebene Supermacht muß einen riesigen militärischen Aufwand treiben und sieht sich konfrontiert mit einer enormen Belastung des Staatshaushaltes und einer Öffentlichkeit, die sich über die Verwaltung eines Territoriums von bescheidener Größe und minimalen politischen Ressourcen bitter entzweit hat."

          Die Autoren glauben nicht, daß sich etwa im Irak nur ein Muster wiederholt. Zugleich sind sie skeptisch gegenüber Behauptungen, unsere gegenwärtige Situation sei völlig neu und beispiellos. Die amerikanische Besatzung des Iraks ist, folgen wir den Herausgebern, keineswegs der erste Fall, bei dem die Eroberung den einfachsten Teil bei der Okkupation eines Territoriums darstellt. Die Erfahrungen von Imperien von Babylon bis Britisch-Ostafrika zeigten, wie zentral die Begegnungen vor Ort für die Gestaltungsmöglichkeiten imperialer Kontrolle sind. Das Wiederaufleben von Guerrilla-Aktivitäten nach einem vermeintlichen militärischen Sieg, die komplexen Spaltungen innerhalb der irakischen Gesellschaft, die Schwierigkeiten einer Besatzungsarmee, auf seiten der lokalen Eliten kooperationswillige Kräfte zu finden, auch die Skepsis eines Großteils der irakischen Gesellschaft angesichts der neuen Konstellationen sind für Historiker der Imperien vertraute Themen. Vertraut ist der Geschichtswissenschaft auch der, wie Frederick Cooper ihn nennt, "Prozeß der schleichenden Kolonisation": Sobald die Eroberung, selbst wenn gar nicht die Absicht einer langfristigen Integration besteht, mit gesellschaftlichen Reformen verknüpft wird, sinken die Chancen, ein "Empire on the cheap" aufrechtzuerhalten, drastisch.

          Der Wert, sich in historischer Perspektive mit Imperien auseinanderzusetzen, besteht, so das Fazit dieses Bandes, nicht so sehr darin, in der Vergangenheit Modelle für die Gegenwart zu finden. Die Lektionen aus der Geschichte der Imperien sind ambivalent und komplex. Sie machen uns auf die Notwendigkeit aufmerksam, verschiedene Arten der Machtausübung über einen größeren Raum sorgfältig zu konzeptualisieren, anstatt Begriffe wie "Imperium" nur als Metapher oder Epitheton zu benutzen. Einige Beiträger machen das provokante Argument, daß es weniger darauf ankomme, die heutige Situation mit Hilfe von Analogien zu vergangenen Imperien zu analysieren, sondern systematisch über Macht "nach dem Empire" nachzudenken. Denn erstmals in der Weltgeschichte sei ein Imperium keine realistische Option der Politik mehr.

          ANDREAS ECKERT

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2006, Nr. 95 / Seite 39

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