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Veröffentlicht: 12.01.2009, 12:00 Uhr

Wie hältst du's mit dem Glauben?

Der Name Frank Westerman steht für eine neue Art von Literatur, für die es im Deutschen noch keine passende Bezeichnung gibt - anders als in der angelsächsischen oder romanischen Welt, wo die Grenze zwischen Fiction und Non-Fiction seit jeher durchlässiger war als bei uns. Westermans in Holland preisgekrönte, ...

Der Name Frank Westerman steht für eine neue Art von Literatur, für die es im Deutschen noch keine passende Bezeichnung gibt - anders als in der angelsächsischen oder romanischen Welt, wo die Grenze zwischen Fiction und Non-Fiction seit jeher durchlässiger war als bei uns. Westermans in Holland preisgekrönte, in mehrere Sprachen übersetzte Bücher pendeln zwischen Journalismus und Literatur, Sachbuch und Roman, ohne in einer dieser Kategorien ganz aufzugehen: Auch der aus der russischen Avantgarde stammende Begriff Faktenliteratur oder das deutsche Wort Tatsachenroman bezeichnet die spezifische Eigenart seines Schreibens nur ungenau. Aufschlussreicher als derlei Zuordnungen ist der Hinweis auf literarische Vorbilder: Es genügt, an dieser Stelle die Namen Bruce Chatwin und Ryszard Kapuscinski zu nennen oder den diesjährigen Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio: Nomadisierende Schriftsteller, deren Werk Gattungsgrenzen wie geographische Horizonte überschreitet und sich mit souveräner Selbstverständlichkeit durch fremde Kulturen bewegt.

Das gilt auch für Frank Westerman, der in seinem Buch "El Negro" die Odyssee eines zu Ausstellungszwecken präparierten Leichnams von Kapstadt über Paris nach Barcelona sowie dessen Rückführung nach Südafrika schilderte, wo er hundertfünfzig Jahre nach seinem Tod endlich in heimatlicher Erde bestattet wurde. Der Folgeband "Ingenieure der Seele" verknüpfte Leben und Schicksal prominenter Sowjetschriftsteller mit gigantischen Wasserbauprojekten, in denen der marxistische Ketzer Karl August Wittfogel - und nicht nur er - Stalins despotische Herrschaft gespiegelt sah: Der größenwahnsinnige Eingriff in die Natur führte zu einer ökologischen Katastrophe, bei der dann auch die Literatur auf der Strecke blieb.

Der dritte Teil der Trilogie - wenn es denn eine ist - peilt ein noch größeres Thema an: Es geht um die Sintflut, um nicht mehr und nicht weniger. Westerman schildert den Einbruch der vorschnell für tot erklärten Religion in unsere säkulare Lebenswelt: Nicht am Beispiel des Terroranschlags vom 11. September - das wäre zu vordergründig -, sondern anhand der eigenen Biographie, die typisch ist für Westeuropäer der zweiten Nachkriegsgeneration - und nicht nur für sie. Die Geschichte beginnt mit einer Kindheitserinnerung an Ferien in Österreich, wo der kleine Frank mit Spielkameraden einen Gebirgsbach einzudämmen versucht und sich in letzter Sekunde vor einer Sturzflut in Sicherheit bringt. Ein Felsvorsprung rettet ihm das Leben; die Warnung der Wasserbehörde vor dem Öffnen der Schleusen eines Stausees hatte den Campingplatz zu spät erreicht. Das Buch endet mit der Besteigung des Berges Ararat, wo der Autor orthodoxen Mönchen aus Moskau und evangelikalen Christen aus Amerika begegnet, die auf der Suche nach versteinerten Überresten der Arche Noah sind, misstrauisch beäugt von kurdischen Schafhirten, türkischen Soldaten und Kämpfern der PKK. Der im Grenzgebiet zu Armenien und Iran gelegene Berg, früher ein Horchposten im Kalten Krieg, steht an der Wiege dreier Weltreligionen und beschäftigt seit dreitausend Jahren die menschliche Phantasie, denn Überlieferungen von einer verheerenden Flut gibt es nicht nur im Zweistromland oder am Mittelmeer, sondern fast überall auf der Welt.

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