10.09.2010 · Werner Dahlheims Buch über Augustus fragt nach den Umständen, die dem Begründer der römischen Monarchie einen Platz in der Heilsgeschichte sicherten.
Von Uwe WalterWelchen Stempel drückt Werner Dahlheim seinem Protagonisten Augustus auf? Zum Glück versucht er nicht, durch extravagante Thesen hervorzutreten. Über Augustus hat sich so etwas wie ein wissenschaftlicher Konsens herausgebildet; Dahlheim klammert deshalb die strittigen Fragen aus, bietet eine durchaus konventionelle Gliederung und vermeidet die verfremdende Intellektualisierung. Sein Hauptinstrument ist die Sprache. Der friedlosen, heroischen, von höchsten Ansprüchen und grenzenloser Egomanie ihrer Führer gekennzeichneten Welt einer sich vulkanisch verausgabenden und dabei die halbe Welt in Brand setzenden Republik verwandelt er den Stil an. Er schreibt hart, nüchtern, wie für die Ewigkeit und zugleich gespickt mit brillanten Aperçus über ein Rom, „das ein Weltreich gewonnen, aber die Fähigkeit verloren hatte, sich darin zurechtzufinden“.
Die kenntnisreichen, doch narrativ nicht ausufernden Kapitel folgen zunächst den Etappen der Machteroberung und Machtsicherung durch alle Krisen hindurch; daran schließen sich eher thematische Stücke: „Die Gesichter der Macht“, „Die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters“, „Herr über Krieg und Frieden“, „Das Reich und seine Diener“. Ein kurzes Stück berichtet von den letzten Jahren, dann weitet sich der Blick wieder. Dahlheim, der immer wieder den Princeps als Heiland - im Horizont dessen, was der Begriff für Menschen der damaligen Zeit bedeuten konnte - herausgestellt hat, skizziert nun, wie die Christen aus dem zeitlichen Zusammenfallen von Augustus' Herrschaft und Jesu Geburt einen Sinn destillierten, der dem Begründer der römischen Monarchie einen Platz in der Heilsgeschichte sicherte.
Die Geschichte saß ihm im Nacken
Dahlheim urteilt als ein Historiker, der sein herrscherliches Temperament weder verleugnen kann noch will. Nicht verschwiegen wird die Bigotterie des monarchischen Sittenwächters, dessen stets waches Misstrauen biographisch erklärt: Augustus habe „vom ersten Tag seines politischen Aufstiegs an lernen müssen, Haken zu schlagen, Mord und Totschlag zu planen, kalten Herzens Terror zu üben und zu lügen und zu betrügen, wann immer es ihm nützlich erschien“. Die Geschichte saß ihm im Nacken, weil die alte Ordnung zwar gescheitert, aber keine neue denkbar war, der die alte nicht mindestens als Referenz diente. Deshalb war die rechtliche Einkleidung der Herrschaft auch „kein Akt mildtätiger Heuchelei“.
Am Ende eines Herrscherlebens Bilanz zu ziehen, also die Zeit kurz anzuhalten, ist gewiss nicht weniger willkürlich, als dies in einem beliebigen anderen Moment zu tun. Es ist aber auch nicht unvernünftig. Doch die Wertungen, die Tacitus als Sprecher einer in seinen Augen gekrümmten Aristokratie im bekannten „Totengericht“ den Zaungästen von Augustus' Begräbnis in den Mund legte, verfehlen das Gros der Wirklichkeit.
Den kleinen Leuten räumt der Autor wenig Ehre ein
Dahlheim hört auf die vielen in Rom, Italien und dem Reich, die am Ende den zu den Göttern erhobenen Princeps ehrlich betrauerten, und spricht in ihrem Namen von einem kaum zu messenden Erfolg, nämlich der lange währenden Befriedung der römischen Welt, welche die Usurpation der Macht auf lange Sicht annehmbar machte. Immer weniger Menschen zweifelten daran, dass der Friede und das allgemeine Glück für immer auf die Erde zurückgekehrt waren. Dieses Maß an Zustimmung beantwortet für den Autor die Frage nach der Legitimität der Herrschaft des Augustus eindeutig. Doch bevor solche Urteile sub specie aeternitatis formuliert werden, entfaltet Dahlheim ein Leben, dessen einzige gerade Linie der nie zu brechende Wille des Hauptakteurs war, sich zu behaupten.
Gar keine Einwände? Doch. Bestrebt, den Akteuren möglichst nahezukommen, zugleich dann aber doch die Urteilssouveränität eines wenn nicht alles, so doch vieles wissenden Historikers beanspruchend, vergaloppiert sich Dahlheim hier und da. „In der Brust des kaltschnäuzigen neuen Caesar begann in seinem 28. Lebensjahr ein Herz zu schlagen, das sich für das Wohlergehen seiner Mitbürger erwärmte.“ Woher weiß er das? Den kleinen Leuten räumt der Autor wenig Ehre ein. Vor Zeiten hatten bürgerliche Historiker vielleicht noch Anlass, in den Massen vergangener Epochen das rote Gespenst oder die entfesselte Soldateska ihrer eigenen Zeit zu bekämpfen.
Stutzen, spontanes Nicken, Nachdenken, am Ende geklärte Zustimmung
Aber heute? Bei Dahlheim gibt es noch Soldaten- und Offiziersräte, und als der Lärm der Waffen nach dem Bürgerkrieg verstummt war, hörte man „über lange Jahre hin das Schmatzen der Sieger, die ihren Raub verzehrten“. Das hauptstädtische Proletariat „war überzeugt, Kaiser, Senatoren und Notabeln seien dazu da, ihm das Leben angenehm, unterhaltsam und sorgenfrei zu machen“ - abgesehen davon, dass diese Behauptung sachlich unhaltbar ist, liest sie sich vor dem Hintergrund aktueller Debatten etwas seltsam.
Doch an anderer Stelle wieder mit das Beste, was ein Historiker beim Leser auslösen kann: Stutzen, spontanes Nicken, Nachdenken, am Ende geklärte Zustimmung: „Von der Sonne Andalusiens bis zu den Nebeln des Nordmeeres hatte das römische Schwert nicht die stolzen Pforten eines Paradieses, sondern die morschen Türen eines Armenhauses gesprengt.“ Genau. Aber ist das nicht ein ideologischer Satz, der jeden Imperialismus zu rechtfertigen geeignet ist? Stimmt auch wieder. Aber falsch ist es trotzdem nicht. Für diesen Moment der Irritation - und viele andere - verdient Dahlheim großen Dank. Zumal er ihn fand, ohne zu verbrennen.
Doch ungeachtet mancher Anverwandlung durch Begriffe im Stile Mommsens (von Soldatenräten ist die Rede, von Agrippa als erstem Seelord, der Großen Armee des Partherfeldzugs und der Propaganda der Dichter und Denkmäler) - sichtbar wird, wie eigenartig, kalt auch diese römische Welt der Adligen und Legionäre war und wie Siege, Beute und der sich aus beidem speisende Ehrgeiz die aristokratische Republik zerstörten.
Frage nach der Legitimität der Herrschaft des Augustus
Der Autor folgt der gängigen Evolution: Der junge Caesar ist Aufrührer und Terrorist „mit höllischer Präzision“, doch gelingt es ihm, seine nach dem Bürgerkrieg gewaltige, gleichwohl nicht ungefährdete Macht in anerkannte Herrschaft zu verwandeln, um am Ende mit Geschick und Glück, durch Inszenierungen gezielt befördert, doch ohne Anker in der Wirklichkeit undenkbar, für das Reich zum Heiland zu werden. „In einer Mischung aus Glauben und Zuversicht zweifelten immer weniger Menschen daran, dass er den Frieden und das allgemeine Glück für immer auf die Erde zurückgebracht hatte. Dieses Maß an Zustimmung beantwortet auch die Frage nach der Legitimität der Herrschaft des Augustus.“
Dessen Bemühungen, die Geschichte Roms und des Erdkreises zur Heilsgeschichte zu erhöhen, spiegelt Werner Dahlheim in der christlichen Geschichtsdeutung, die Augustus einen wichtigen Platz zuwies: Die Gnade, Zeitgenosse Jesu gewesen zu sein, konnte zum Zeichen der Erwählung durch einen anderen, dem Kaiser fremden Gott werden. Auch wer bisweilen mit dem Autor streiten möchte, etwa wegen allzu abschätzigen Redens über die Soldaten und die kleinen Leute, legt doch dieses glänzend geschriebene und mit meist wenig bekannten Bildzeugnissen der Rezeptionsgeschichte illustrierte Buch reich belehrt und dankbar aus der Hand.