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Wer war Stuart Shorter?

12.10.2006 ·  Ohne Aussicht: Alexander Masters erzählt von einem Obdachlosen

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Der Obdachlose, Straßenpenner oder auch Clochard ist seit der Romantik eine beliebte Figur der Literaturgeschichte. Bedeutet doch jemand, der kein Dach über dem Kopf hat, eine soziale Provokation, weil er sich von allen Konventionen losgesagt hat. Dieser Außenseiter in einer bürgerlichen Gesellschaft von Seßhaften verheißt mit seinem Blick von unten eine völlig andere Perspektive auf die Welt. Das macht ihn für Autoren so faszinierend, die eine Straßenexistenz nicht selten heroisch überhöhten, indem sie das Herumstromern zur angemessenen Lebensweise des wahren Künstlers stilisierten - man denke etwa an Knut Hamsuns umherstreifenden Zeitungsschreiber in "Hunger".

Alexander Masters, ein promovierter Physiker aus der britischen Elite-Universitätsstadt Cambridge, tritt dieser romantisierenden Verklärung der Obdachlosigkeit nun mit seinem ersten Buch entgegen, das kein Roman ist, sondern eine Biographie, die vor allem eines zeigen soll: wie elendig das Leben auf der Straße ist. Dazu dient dem Quereinsteiger der authentische Fall des mehrfach vorbestraften, drogensüchtigen Stuart Clive Shorter, der am 6. Juli 2002 von einem Schnellzug erfaßt wurde und mit nur dreiunddreißig Jahren starb.

Was war es, so fragt Masters immer wieder, was Stuarts Leben dermaßen "in die Binsen" gehen ließ? Schließlich ist er überzeugt davon, daß "der Moment des Übergangs eins der großen Rätsel der Obdachlosigkeit" darstellt. Über dreihundert Seiten lang beobachtet der Autor, der eine Zeitlang als Pressesprecher in einem Obdachlosenheim gearbeitet hat, seinen Schützling akribisch, zeichnet noch einmal ganz genau dessen Werdegang nach, macht in Reportermanier Interviews mit Stuarts Familie und Bekannten und wühlt in der britischen Obdachlosenstatistik. Aber trotz einer Unmenge von zusammengetragenen Fakten kann Masters bis zum Schluß keine letztgültige Antwort auf die Frage finden, warum aus dem "lieben Jungen" plötzlich jenes "Ungeheuer" Stuart wurde, das ein fatales Faible für Drogen, Alkohol und Messerstechereien entwickelte. "Die Ermordung von Stuarts Unschuld darzustellen", schreibt Masters noch nach über der Hälfte seiner Chronik, "ist verwirrend schwierig." Das klingt kokett. Denn tatsächlich ist Stuarts Fall keineswegs so rätselhaft, er entspricht vielmehr geradezu der Musterbiographie eines auf der Straße lebenden Gewalttäters. Der behinderte Sonderschüler wird verspottet und von seinem älteren Bruder, seinem Babysitter und später auch noch von einem Heimleiter sexuell mißbraucht. Mit elf Jahren reißt Stuart das erste Mal von zu Hause aus. Mit fünfzehn schnüffelt er Klebstoff und verfügt bereits über ein mehrseitiges Vorstrafenregister. Auf die Lösungsmittelsucht folgt die Heroinsucht, die den jungen Mann noch tiefer in den Teufelskreis der Gewalt hineinreißt, aus dem er sich dann nie mehr ganz befreien kann.

Masters' kurzes Leben des Stuart Shorter weist somit vordergründig alle gängigen Stereotypen auf, die man auch aus jeder Fernsehreportage aus dem Obdachlosenasyl kennt: ein prügelnder Vater, eine überforderte Mutter, ein übergriffiger Bruder, Kinderheim, Sucht, Beschaffungskriminalität und Gefängnis. Und eigentlich wäre Masters' preisgekröntes Debüt nur eine weitere Standardchronik des Scheiterns, hätte er nicht eine ungewöhnliche Erzählkonstruktion dafür gewählt. Der Autor läßt nämlich den Porträtierten selbst mit Kommentaren zum Manuskript zu Wort kommen. Dadurch erhält die Beurteilung des Falles nicht nur eine Gegenstimme, sondern es entspinnt sich auch schon bald ein interessanter Dialog zwischen Masters und seinem "Chaoten", der weniger um die Frage nach dem Warum als nach dem Wie kreist - um jene soziale Gretchenfrage also, wie man einem traumatisierten Obdachlosen wie Stuart am besten helfen kann. Und: ob es für einen Kriminellen wie ihn, der schon viele soziale Tabus gebrochen hat, überhaupt noch einen Weg zurück in die Normalität gibt.

Die Blockaden dafür, das zeigen Stuarts Aussagen schnell, beginnen im Kopf. Je länger das Gespräch zwischen ihm und seinem Biographen voranschreitet, desto mehr wird darin die Tragödie eines gebrochenen Menschen ablesbar, der einerseits zu intelligent ist, als daß er seine eigene Situation nicht treffend einzuschätzen wüßte, andererseits aber innerlich zu zerrüttet wirkt, als daß er sich daraus lösen könnte. Stuart weiß, was andere ihm angetan haben. Und er weiß auch, daß er von seinem Unglück nicht loskommt, indem er wiederum anderen ähnlich schlimme Dinge antut. Immer wieder wird er gewalttätig, auch wenn er seine Untaten hinterher schrecklich bereut. "Die Wut und die verdrehte Biestigkeit", räsoniert er einmal, "ich bin noch nicht fertig damit. Werde irgend etwas Dummes anstellen. Und jemandem weh tun, das macht mir angst." Soviel Eingeständnis eigener Ohnmacht bis hin zur Selbstaufgabe liest sich ebenso anrührend wie schockierend.

Wie soll man mit jemandem wie Stuart umgehen, den selbst andere Obdachlose aus Furcht meiden, der das erlittene Unrecht so verinnerlicht hat, daß er sich stets als Opfer eines willkürlich waltenden "Systems" empfindet? Nicht ohne Grund plädiert Stuart gleich am Anfang dafür, daß Masters seine Geschichte doch "wie so eine Mordgeschichte" aufschreiben solle. ("Wer hat den Jungen umgebracht, der ich mal war? Schreib es rückwärts.") Brav macht er sich zwar Tagespläne, als ihm von der Obdachlosenhilfe eine eigene Wohnung zugewiesen wird. Einen normalen Alltag aber kriegt Stuart einfach nicht hin.

Wie auch? Sein Peiniger-Bruder hat sich umgebracht. Der pädophile Heimleiter sitzt zwar für achtzehn Jahre im Gefängnis, sein vergewaltigender Babysitter von einst aber läuft immer noch frei herum. Auf Rache oder zumindest auf eine Entschuldigung für sein verpfuschtes Leben kann Stuart nicht hoffen. So entlädt sich sein unbändiger Haß entweder an Schwächeren oder in Selbstverletzungen. Zweimal in den fast fünf Jahren, in denen Masters an seiner Biographie arbeitet, versucht sich Stuart die Halsschlagader mit einer Glasscherbe aufzuschneiden; beide Male ohne Erfolg. Ein drittes Mal möchte er sich mit einem goldenen Schuß ins Jenseits befördern - und wacht doch wieder nach vierundzwanzigstündigem Koma auf: diesmal, weil er als Junkie vor lauter Zittern die falsche Vene getroffen hat.

Sogar als Selbstmörder bleibt Stuart noch der ewige Verlierer. Und das Erschütternde ist nicht, daß man ihn nicht verstehen oder keine Rettung sehen würde. Das Erschütternde daran ist vielmehr, daß man Stuart schon bald viel zu gut versteht, um nicht zu ahnen, daß die Chance auf ein Happy-End in seiner Leidensbiographie denkbar gering ist. Ebenso perplex wie ratlos betrachtet man als Leser mit dem Autor zusammen den ständig neu bruchlandenden Helden, immer wieder hin und her gerissen zwischen Mitleid und Wut.

"Chaoten (wie Stuart)", entfleucht es Masters an einer Stelle, "brauchen keine Wohnung und keine Arbeit - sie brauchen ein neues Gehirn." Auch das kann natürlich keine Lösung sein. Doch es sind solche tabuisierten Sätze einer political incorrectness, die die Stärke seines Buches ausmachen, das im vergangenen Jahr mit dem renommierten Guardian-Preis für das beste Nachwuchsdebüt ausgezeichnet wurde. Masters zeigt sich darin weniger als ein außergewöhnlich guter Schriftsteller denn als ein außergewöhnlich mutiger Chronist, der aus seiner eigenen Hilflosigkeit nie einen Hehl macht. Es ist dieselbe Hilflosigkeit, die im gesellschaftlichen Umgang mit Obdachlosen ansonsten nur allzugern verschwiegen wird.

GISA FUNCK

Alexander Masters: "Das kurze Leben des Stuart Shorter". Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch. Verlag Antje Kunstmann, München 2006. 319 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2006, Nr. 237 / Seite 38
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