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: Wer war ich früher?

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Der Stammbaum des Lebens ist ein knorriges, ungezähmtes, widerspenstiges Geschöpf. Der Weg von den frühesten selbstreplizierenden organischen Makromolekülen zur gegenwärtigen Vielfalt der Lebewesen ist voller Sackgassen, kleiner Dramen und großer Katastrophen. Die Evolution des Lebens auf der Erde besteht ...

          Der Stammbaum des Lebens ist ein knorriges, ungezähmtes, widerspenstiges Geschöpf. Der Weg von den frühesten selbstreplizierenden organischen Makromolekülen zur gegenwärtigen Vielfalt der Lebewesen ist voller Sackgassen, kleiner Dramen und großer Katastrophen. Die Evolution des Lebens auf der Erde besteht aus solchen Geschichten, die keinem Ziel, keinem "Plot" folgen, sondern deren Spielregeln allein den von Charles Darwin identifizierten ziellosen Mechanismen von blinder Variation, Vererbung und variationsabhängigem Fortpflanzungserfolg gehorchen.

          Wie kann diese unübersichtliche Geschichte des Lebens anschaulich gemacht und nacherzählt werden? Bildliche Repräsentationen des Stammbaums bestimmen mit, welche Form eine solche Erzählung annehmen kann. Die Betonung des verwinkelten, unregelmäßigen Wachstums schließt einfache, zielgerichtete Erfolgsgeschichten aus. Richard Dawkins' im Original bereits vor vier Jahren erschienenes Buch hat sich Søren Kierkegaards Diktum zu eigen gemacht, dass das Leben nur rückwärts verstanden werden kann, um der evolutionären Geschichte des Lebens eine narrative Struktur zu verleihen.

          Dawkins richtet den Blick in die Vergangenheit und führt seine Leser auf eine in die Tiefe der Zeit führende und von Geoffrey Chaucers Canterbury-Erzählungen inspirierte Reise durch vier Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte. Dawkins folgt dabei einem einzigen Pfad durch das dichte Geäst des Lebensbaums, dem Weg vom heutigen Menschen zum Ursprung des Lebens. Dieser Pfad führt an vierzig Treffpunkten vorbei, an denen Begegnungen mit den gemeinsamen stammesgeschichtlichen Vorfahren stattfinden. Bei Begegnung Nummer drei lernt der Leser beispielsweise den letzten gemeinsamen Vorfahren des Gorillas auf der einen Seite und von Menschen, Schimpansen und Zwergschimpansen auf der anderen Seite kennen. An jedem Treffpunkt stoßen neue Tiere und Organismen als "Pilger" zur Truppe hinzu, die Dawkins den Anlass zum Erzählen von Geschichten geben.

          Seine Geschichten von Maus, Biber, Sandwurm und mehr als fünfzig anderen Lebewesen sind ausgezeichnete, anschauliche und nüchterne Wissenschaftsprosa - aber nicht mehr. Dawkins ist kein Fabulierer, der die Möglichkeiten des narrativen Rahmens auszuschöpfen vermöchte. Keine erkennbare Logik steuert, welche Geschichte um welches Tier gesponnen wird. Es ist indes wohltuend, Dawkins nicht abermals als verbissenem - und bisweilen verbohrtem - Kämpfer für wissenschaftliche Rechtgläubigkeit zu begegnen, sondern ihn endlich wieder als abgeklärten Autor lesen zu können. Das bedeutet freilich nicht, dass Dawkins' wissenschaftstheoretische, soziopolitische oder metaphysische Überzeugungen nirgendwo durchscheinen.

          Dawkins bietet nur eine, nicht die einzig wahre Lesart der Evolutionsgeschichte des Lebens an. Für ihn sind Einmaligkeiten in der Evolution selten, während wiederkehrende, aber unabhängig voneinander entstandene Strukturen wie das Auge, die Echoortung oder Giftstacheln weitaus häufiger seien. Wie bedeutsam solche Konvergenzen für das Evolutionsgeschehen sind, bleibt aber umstritten. Kaum etwas zu sagen hat Dawkins über neue Theorien, welche die Wirkungskraft der natürlichen Selektion nicht auf die Ebene der Gene beschränkt sehen, sondern die Evolution der biologischen Hierarchie - Gene, Chromosomen, Zellen, Organismen, Gruppen - problematisieren und behaupten, Auslese könne auf jeder dieser Ebenen geschehen. Das mag daran liegen, dass diese Theorien die ernsthafteste Herausforderung von Dawkins' "egoistischen Genen" und ihrer explanatorischen Sonderstellung sind.

          Im Ganzen behandelt er aber Vertreter anderer Schulen, sogar den Zufallsapologeten Stephen Jay Gould, mit Fairness und Achtung. Gänzlich ablegen kann Dawkins seinen Konfrontationskurs dennoch nicht. So stichelt er wieder bis zum Überdruss gegen Schöpfungsgläubige und Vertreter des Intelligent Design. Dawkins bietet keinen großen konzeptuellen Wurf. Dies ist möglicherweise eine Stärke des Buches.

          THOMAS WEBER

          Richard Dawkins: "Geschichten vom Ursprung des Lebens". Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Ullstein Verlag, Berlin 2008. 928 S., Abb., geb., 29,90 [Euro].

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