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Veröffentlicht: 07.11.2005, 12:00 Uhr

Wer vergaß hier die Anerkennung?

Axel Honneth läßt sich die Verdinglichung nicht nehmen

Manche sagen, daß die Gesellschaftskritik verstummt sei. Die Gegenentwürfe zur bürgerlich-kapitalistischen Welt seien zerschlissen, alles rebellische Aufbegehren habe sich als wirkungslos erwiesen, man habe sich arrangiert. Nach Kapitalismusdiagnose und Utopie bestehe kein Verlangen mehr. Das ist sicherlich falsch.

In der Selbstverständigung der Gesellschaft sind viele kritische Stimmen vernehmlich, und sie predigen keinesfalls tauben Ohren. Die ökonomische Globalisierung, die nationalstaatliche Verantwortlichkeit verwischt, der Vorstoß des Physikalismus, kulturelle Deutungshoheit zu erlangen, die Auslieferung der Reproduktionsbiologie und Genetik an die Gesetze des Marktes, all das bereitet Unbehagen und beschwört Kritik herauf. Ein Gefühl breitet sich aus, daß die Welt aus den Fugen gerät und richtiges Leben nicht mehr möglich scheint.

Die gegenwärtige Gesellschaftskritik ist nicht sprachlos, jedoch begriffslos. Sie findet viele Worte, jedoch ist sie analytisch hilflos und kategorial diffus. Die marxistischen Theorien haben ihren theoretischen Kredit eingebüßt und ihre moralische Legitimität verloren. Niemand spricht heute mehr von Verdinglichung und Entfremdung. Axel Honneth ist jedoch der Überzeugung, daß diese "Pathologiebegriffe" der marxistischen Traditionen gerettet werden können und ein Verzicht auf sie die theoretischen Mittel, das Leiden der Menschen an der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Sehnsucht nach einer richtigen, authentischen sozialen Praxis zu begreifen, unnötig einschränkt.

Natürlich ist er sich darüber im klaren, daß der Sozialphilosophie und der Gesellschaftskritik nur dann der Begriff der Verdinglichung zurückgegeben werden kann, wenn alle semantischen Bezüge zur marxistischen Kapitalismusanalyse gekappt werden. Wie eine solche ideologische Entgiftung vonstatten gehen und der marxistische Verdinglichungsbegriff in einen anerkennungstheoretischen Verdinglichungsbegriff verwandelt werden kann, versucht Honneth in seinen hier überarbeitet vorliegenden Tanner Lectures zu zeigen.

Die klassische Verdinglichungsanalyse findet sich in Lukács' Aufsatzsammlung "Geschichte und Klassenbewußtsein" von 1925. Lukács schildert, wie der Mensch im Kapitalismus zum kapitalistischen Menschen wird, der die Fähigkeit verliert, zwischen Jemand und Etwas, zwischen Person und Ding, zu unterscheiden und sich, seine Mitmenschen und die umgebende Welt ausschließlich nach dem Muster dinglicher Objekte wahrnimmt. Das normative Gegenstück dieses deformierten praktischen Weltbezugs erblickt Lukács in einem Hegel und Fichte angenäherten identitätsphilosophischen Praxiskonzept, das Subjekt und Objekt in eins fallen läßt und das Authentizitätserlebnis an den Sonderfall produzierender Tätigkeit bindet. Diese Marxismusrekonstruktion führt zurück in den objektiven Idealismus und gibt damit dem Verdinglichungskonzept eine fragwürdige Rückendeckung. Es bedarf einer von metaphysischen Absonderlichkeiten unbelasteten Vorstellung gelingender Lebenspraxis, um bei der Erfassung sozialer Pathologiephänomene den Verdinglichungsbegriff sinnvoll verwenden zu können. Honneth wendet sich darum von Lukács ab und Heidegger und Dewey zu.

Die Verdinglichungswirkungen, die die lebenweltlichen Grundverhältnisse verstellen, sind für den Autor von "Sein und Zeit" Folgen der Vorherrschaft des ontologischen Deutungsmusters der Vorhandenheit und der damit gesetzten Subjekt-Objekt-Spaltung. Ein falscher Objektivismus herrscht, der die Perspektive des teilnahmslosen Betrachters verabsolutiert und die Menschen zukommende und für ihr Zusammenleben bekömmliche Haltung teilnehmender Sorge überlagert, aber auch die affektiv gestimmte, vertrauensvoll bejahende Einstellung den bedeutungsvollen Dingen des täglichen Umgangs gegenüber zerstört.

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