http://www.faz.net/-gr3-rquj

: Wer vergaß hier die Anerkennung?

  • Aktualisiert am

Manche sagen, daß die Gesellschaftskritik verstummt sei. Die Gegenentwürfe zur bürgerlich-kapitalistischen Welt seien zerschlissen, alles rebellische Aufbegehren habe sich als wirkungslos erwiesen, man habe sich arrangiert. Nach Kapitalismusdiagnose und Utopie bestehe kein Verlangen mehr. Das ist ...

          Manche sagen, daß die Gesellschaftskritik verstummt sei. Die Gegenentwürfe zur bürgerlich-kapitalistischen Welt seien zerschlissen, alles rebellische Aufbegehren habe sich als wirkungslos erwiesen, man habe sich arrangiert. Nach Kapitalismusdiagnose und Utopie bestehe kein Verlangen mehr. Das ist sicherlich falsch.

          In der Selbstverständigung der Gesellschaft sind viele kritische Stimmen vernehmlich, und sie predigen keinesfalls tauben Ohren. Die ökonomische Globalisierung, die nationalstaatliche Verantwortlichkeit verwischt, der Vorstoß des Physikalismus, kulturelle Deutungshoheit zu erlangen, die Auslieferung der Reproduktionsbiologie und Genetik an die Gesetze des Marktes, all das bereitet Unbehagen und beschwört Kritik herauf. Ein Gefühl breitet sich aus, daß die Welt aus den Fugen gerät und richtiges Leben nicht mehr möglich scheint.

          Die gegenwärtige Gesellschaftskritik ist nicht sprachlos, jedoch begriffslos. Sie findet viele Worte, jedoch ist sie analytisch hilflos und kategorial diffus. Die marxistischen Theorien haben ihren theoretischen Kredit eingebüßt und ihre moralische Legitimität verloren. Niemand spricht heute mehr von Verdinglichung und Entfremdung. Axel Honneth ist jedoch der Überzeugung, daß diese "Pathologiebegriffe" der marxistischen Traditionen gerettet werden können und ein Verzicht auf sie die theoretischen Mittel, das Leiden der Menschen an der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Sehnsucht nach einer richtigen, authentischen sozialen Praxis zu begreifen, unnötig einschränkt.

          Natürlich ist er sich darüber im klaren, daß der Sozialphilosophie und der Gesellschaftskritik nur dann der Begriff der Verdinglichung zurückgegeben werden kann, wenn alle semantischen Bezüge zur marxistischen Kapitalismusanalyse gekappt werden. Wie eine solche ideologische Entgiftung vonstatten gehen und der marxistische Verdinglichungsbegriff in einen anerkennungstheoretischen Verdinglichungsbegriff verwandelt werden kann, versucht Honneth in seinen hier überarbeitet vorliegenden Tanner Lectures zu zeigen.

          Die klassische Verdinglichungsanalyse findet sich in Lukács' Aufsatzsammlung "Geschichte und Klassenbewußtsein" von 1925. Lukács schildert, wie der Mensch im Kapitalismus zum kapitalistischen Menschen wird, der die Fähigkeit verliert, zwischen Jemand und Etwas, zwischen Person und Ding, zu unterscheiden und sich, seine Mitmenschen und die umgebende Welt ausschließlich nach dem Muster dinglicher Objekte wahrnimmt. Das normative Gegenstück dieses deformierten praktischen Weltbezugs erblickt Lukács in einem Hegel und Fichte angenäherten identitätsphilosophischen Praxiskonzept, das Subjekt und Objekt in eins fallen läßt und das Authentizitätserlebnis an den Sonderfall produzierender Tätigkeit bindet. Diese Marxismusrekonstruktion führt zurück in den objektiven Idealismus und gibt damit dem Verdinglichungskonzept eine fragwürdige Rückendeckung. Es bedarf einer von metaphysischen Absonderlichkeiten unbelasteten Vorstellung gelingender Lebenspraxis, um bei der Erfassung sozialer Pathologiephänomene den Verdinglichungsbegriff sinnvoll verwenden zu können. Honneth wendet sich darum von Lukács ab und Heidegger und Dewey zu.

          Die Verdinglichungswirkungen, die die lebenweltlichen Grundverhältnisse verstellen, sind für den Autor von "Sein und Zeit" Folgen der Vorherrschaft des ontologischen Deutungsmusters der Vorhandenheit und der damit gesetzten Subjekt-Objekt-Spaltung. Ein falscher Objektivismus herrscht, der die Perspektive des teilnahmslosen Betrachters verabsolutiert und die Menschen zukommende und für ihr Zusammenleben bekömmliche Haltung teilnehmender Sorge überlagert, aber auch die affektiv gestimmte, vertrauensvoll bejahende Einstellung den bedeutungsvollen Dingen des täglichen Umgangs gegenüber zerstört.

          Weitere Themen

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Topmeldungen

          Mays Brexit-Deal : Zumindest der Umweltminister bleibt

          Bislang zeichnet sich keine Mehrheit für Mays Brexit-Entwurf ab, doch alternative Szenarien haben noch weniger Unterstützer. Richtungsweisend könnte das angekündigte Misstrauensvotum werden.

          Richter urteilt gegen Trump : Jim Acosta kehrt ins Weiße Haus zurück

          Ein Bundesrichter zeigt Donald Trump die rote Karte und hebt die Verbannung des CNN-Reporters Jim Acosta aus dem Weißen Haus auf. Acostas Suspendierung sei „mysteriös“, so der Richter. Die Presse feiert einen Sieg.

          AfD-Europaversammlung : Gauland: Aufgabe der AfD „Herrschaftskorrektur“

          Auf der AfD-Europawahlversammlung kritisiert Alexander Gauland Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Präsident Macron scharf. Ihre europapolitische Linie gefährde den Frieden in Europa. Die AfD wolle die EU reformieren – und sich auf ihre Ursprünge konzentrieren.
          Goldreserve im Lager der Deutschen Bundesbank

          FAZ Plus Artikel: Preise im Keller : Die Goldfans sind genervt

          Die Inflation ist so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Aber der Goldpreis kommt nicht vom Fleck. Manche meinen, dahinter stecke eine Verschwörung. Stimmt das und ist Gold für Anleger trotz allem ein guter Inflationsschutz?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.