Home
http://www.faz.net/-gr6-w084
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wer nie sein Steak mit Tränen aß

07.10.2007 ·  Ein kanonisches Werk, das wissen wir von Tolstoi, Kierkegaard aber auch Louis de Funès, braucht einen Titel, der auf eine Entscheidungsfrage hinausläuft: Krieg und Frieden, Entweder - Oder, Brust oder Keule. Der bedeutendste Klassiker der argentinischen Literatur heißt "Civilización y Barbarie" - Zivilisation und Barbarei.

Artikel Lesermeinungen (0)

Ein kanonisches Werk, das wissen wir von Tolstoi, Kierkegaard aber auch Louis de Funès, braucht einen Titel, der auf eine Entscheidungsfrage hinausläuft: Krieg und Frieden, Entweder - Oder, Brust oder Keule. Der bedeutendste Klassiker der argentinischen Literatur heißt "Civilización y Barbarie" - Zivilisation und Barbarei. Und so erfreulich es ist, dass jetzt endlich auch eine erste deutsche Ausgabe dieses Buches vorliegt, so befremdlich ist das auch. Wenn man stattdessen vermelden müsste, dass es dieser Tage erstmals gelungen sei, in einer kleinen, bibliophilen Auflage Goethe ins Spanische zu übersetzen, fände man das auch ein bisschen seltsam.

Man kann die Sache wirklich nicht hoch genug hängen. Wer, nur zum Beispiel, García Márquez gelesen hat und Vargas Llosa, und wer wissen will, wo der Graben, der die beiden trennt, in Wirklichkeit schon anfängt, wer die Welt kennenlernen will, in der diejenige Hälfte von Borges' Erzählungen zu Hause ist, die nicht in einer Bibliothek spielt, sondern in zweifelhaften Tavernen und zwischen messerstechenden Gauchos, und auch wer einfach nur über Phänomene wie Hugo Chávez staunt: Der muss, muss, muss dieses Buch lesen. Und wer sich für Lateinamerika nicht interessiert, sondern nur für kataraktartig sprudelnde Formen der Prosa - der übrigens auch.

So, das war erst einmal das Grundsätzliche.

Worum es sich bei diesem Werk überhaupt handelt, ist schon schwieriger zu sagen. Domingo Faustino Sarmiento hat dieses Konstrukt 1845 eilig im chilenischen Exil zusammengenagelt, als Kampfschrift gegen die Diktatur von Juan Manuel de Rosas. Für einen Roman ist es zu sehr ein Essay, für einen geopolitischen, kultur- und geschichtsphilosophischen Essay kommen allerdings entschieden zu viele Leute darin um. Die geschilderten Grausamkeiten geben dem Ganzen etwas Episches, in weiten Teilen changiert das Buch zwischen mythischem Klagegesang, Splatter und Wahlkampfrede.

Das wichtigste, häufigste Wort lautet im Spanischen "degüellar", und der Übersetzer hat dafür den archaischen Terminus des Abkehlens gefunden: "Das Hinrichten mit dem Messer, das Abkehlen anstelle des Erschießens, ist ein Fleischerinstinkt, den Rosas zu nutzen verstand, um auch dem Tod einen gauchesken Zuschnitt und dem Mörder grauenvolle Genüsse zu bieten, vor allem aber, um die gesetzlichen und in den kultivierten Gesellschaften zulässigen Verfahrensformen durch solche zu ersetzen, die er amerikanisch nennt und in deren Namen er Amerika auffordert, zu seiner Verteidigung auf den Plan zu treten . . ."

In diesem Fall zur Verteidigung gegen eine französische Blockade. So kann man die Monroe-Doktrin natürlich auch auslegen, mit dem Schlachtermesser. Es ist die Zeit, in welcher der eben unabhängig gewordene Kontinent zu staatlichen Strukturen und vor allem zu einer Identität finden muss. Sarmiento ist Parteigänger des liberalen Kosmos in den großen, europäisch geprägten Städten: Universitäten, Bibliotheken, Zeitungen, Umgangsformen, Fracktragen, solche Dinge versteht er unter Zivilisation, und diese Zivilisation ist zwingend an die Lebensform der Städte gebunden. Dem stellt er die Barbarei der Pampa gegenüber. Und gegen den Kampf zwischen beidem ist das, was zwischen den Heerscharen des Himmels und der Hölle abläuft, ein Freundschaftsspiel. Die rund siebzig Seiten, in denen Sarmiento zu Beginn erst einmal darlegt, wie seiner Ansicht nach "das physische Erscheinungsbild der Argentinischen Republik" die Charaktere, Sitten und Ideen der Gauchos determiniert, der Rinderzüchter, Lassowerfer, Spurensucher, Messerhelden, Banditen, kurz den Wilden Westen im Süden Amerikas: Das gehört stellenweise zu den dramatischsten und poetischsten Landschaftsschilderungen, die man überhaupt irgendwo finden kann, gerade dann, wenn diese Landschaft in Anekdoten über ihre Bewohner aufgelöst wird.

Sarmiento erzählt dann die Geschichte der argentinischen Bürgerkriege in einem seltsamen Akt der Perspektivverschiebung gar nicht anhand seines Lieblingsfeindes Rosas, in dessen Regime man gelegentlich schon einen Vorschein der totalitären Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen hat; Sarmiento konzentriert sich stattdessen auf den Aufstieg eines Provinzcaudillos mit dem Namen Juan Facundo Quiroga. In Sarmientos Typologie der gesetz- und rücksichtslosen Pampa-Wüstlinge ist Quiroga ein besonders exemplarischer Fall. Seinen ersten Mord begeht er mit fünfzehn, er brennt das Haus der Eltern nieder, während diese darin ihre Siesta machen; als ihn spanische Offiziere bei einem Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis von San Luis die Fesseln lösen, erschlägt er als Erstes seine Befreier, und Sarmiento überhöht die Fußschellen, mit denen er das tut, gleich zur "argentinischen Version der Eselskinnbacken Samsons". "Seiner Geliebten riss er beide Ohren ab, weil sie ihn einst um dreißig Pesos für die mit ihm vereinbarte Hochzeitsfeier bat; seinem Sohn Juan spaltete er den Kopf mit einem Beil, weil er ihn anders nicht zum Schweigen bringen konnte, und in Tucumán ohrfeigte er ein reizendes Fräulein, das er weder zu verführen noch mit Gewalt zu nehmen vermochte." Und so weiter.

Man hat das Gefühl, einer Figur aus den Märchenwäldern der Brüder Grimm gegenüberzustehen. Später wird Quiroga dann ein hochdekorierter General, schlägt sich auf die Seite von Rosas und wird, vermutlich auf dessen Befehl, bei einem Überfall auf seine Kutsche erschossen. Selbstverständlich werden danach auch alle Mörder ermordet, und deren Mörder dann auch.

Ein Showdown jagt den anderen, und am Ende, wenn man schon wirklich kaum noch durchblickt in den argentinischen Verhältnissen, zerhaut Sarmiento die Knoten mit einer verblüffenden politischen Vision: mit der Hoffnung auf eine Geburt der Nation aus dem Geist künftiger Einwanderer. Das wahre Argentinien befinde sich nach Sarmiento gewissermaßen noch auf den Schiffen. Einen Nationalismus zu begründen, der alles Einheimische ablehnt - das ist nicht die einzige originelle Volte bei Sarmiento. Und vielleicht kann man über das Buch ohnehin nicht reden, wenn man vom Autor verschweigt, dass er ganz sicher nicht nur der gütige Volkserzieher und Landesvater war, als der er in Argentinien bis heute verehrt wird. Sarmiento, der von 1868 bis 1874 Präsident Argentiniens war, ging genauso unnachsichtig gegen die Gauchos vor, wie diese vorher gegen ihn, und an der Ausrottung der letzten Ureinwohner im Süden des Landes hatte er ebenfalls seinen unrühmlichen Anteil. Als Historiker und politischen Analytiker disqualifiziert ihn die komplette Ignoranz ökonomischer Sachverhalte und die Simplizität seiner Dichotomie zwischen europäisch gebildeter Zivilisation und "amerikanisch"-wildwüchsiger Barbarei. Aber das macht ihn wiederum als Literaten umso interessanter: Alles wird hier zum Ausfluss von Kultur und Ästhetik. Was sein Buch über die argentinischen Zusammenhänge so weit heraushebt und universal macht, ist vor allem der Umstand, dass er als Parteigänger der Städte so hemmungslos fasziniert aufs Land und sein ungezähmtes Personal hinausschaut. Sarmiento bildet die Wirren der Bürgerkriege eher poetisch ab, als dass er sie entwirrt, er baut in seiner Sprache die Weite der Landschaft nach und sucht die Erhabenheit des Schrecklichen.

Sarmiento, der Bildungsbürger, Gesinnungsklassizist und europasüchtige Realpolitiker hat nicht ohne Grund in einer unter Romanisten berühmten Debatte mit dem venezolanischen Nationaldichter Andrés Bello eine Lanze für die Amerika-Romantik gebrochen. "Zivilisation und Barbarei" lässt sich insofern als exemplarischer Anwendungsfall zu Rüdiger Safranskis zeitlosem Romantik-Theorem lesen, wonach es ästhetisch zu verarbeiten gilt, was einem politisch nicht geheuer ist.

Dass sich das auch nach über 150 Jahren so flüssig liest wie ein Abenteuerroman, liegt natürlich auch an der sensationellen Übersetzung von Berthold Zilly, welcher außerdem einen Anmerkungs- und Kommentarapparat besorgt hat, der diese Ausgabe auch allen akademischen Anforderungen gerecht werden lässt. Über die Ausstattung lässt sich ansonsten nur sagen, dass sie noch prachtvoller ist als bei der "Anderen Bibliothek" ohnehin üblich. Anders als zum Beispiel leider hier, muss man auch kein "dass" lesen, wo "daß" gemeint ist. Und das Einzige, was man daran aussetzen könnte, ist höchstens der Titel, der nun "Barbarei und Zivilisation" lautet, obwohl es umgekehrt natürlich viel richtiger ist, inhaltlich, ästhetisch und vom Original her. Man kann eben nicht alles haben. In diesem Fall aber immerhin schon mal fast alles.

PETER RICHTER.

Domingo Faustino Sarmiento: "Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga". Die Andere Bibliothek, Eichborn-Verlag. 456 Seiten, 28,50 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 46
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel