Reichtum in den Vereinigten Staaten - bei diesem Stichwort erscheint nicht nur Bill Gates vor dem geistigen Auge, sondern auch die etwas vergilbten Porträts eines Carnegie, Rockefeller, Vanderbilt, und man denkt an sagenhafte, aus Europa in die Neue Welt exportierte Schlösser. Eigentlich, das ist der Stachel dieses Gedankens, war Amerika angetreten, es anders als Europa zu machen, nämlich ohne eine Aristokratie gleich welcher Art, sei es der Geburt und des Namens, sei es des Vermögens, auszukommen. Heute sind die Vereinigten Staaten, stellt Kevin Phillips fest, "die westliche Industrienation mit dem höchsten Anteil an Reichen weltweit und der größten Kluft zwischen Reich und Arm". Dabei ist gegen den ersten Teil dieses Befundes, bei dem viele Europäer bereits die Augenbrauen hochziehen, ja gar nichts zu sagen - das zweite allerdings gibt zu denken. War der Traum von der amerikanischen Gleichheit ein Mißverständnis? Hatte nicht Alexis de Tocqueville den engen Zusammenhang von sozialer Egalität und politischer Demokratie beschrieben, und ist deshalb die Demokratie gefährdet, wenn der Anspruch auf Gleichheit sich völlig auflöst? Was ist da schiefgelaufen?
Um diese Frage zu beantworten, greift der Autor weit in die amerikanische Geschichte zurück. Schon vor der Gründung der Republik waren Chancen und Vermögen in den britischen Kolonien ungleich verteilt. In der Revolutionszeit, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, sorgte das Problem der Eliten sogar für erheblichen Zündstoff unter den Gründervätern der Vereinigten Staaten selber. Die einen, wie Alexander Hamilton, hielten solche Elitebildung für notwendig und förderten sie durch ihre Wirtschaftspolitik. Die anderen, wie Thomas Jefferson, sahen darin den Beginn einer Korruption republikanischer Ideale und bevorzugten eine relativ egalitäre Gesellschaft der Farmer und Handwerker. Diese Spannungslinie kennzeichnete das amerikanische Denken im gesamten neunzehnten Jahrhundert und in mancher Hinsicht bis heute. Seit den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, und dann vor allem nach dem Bürgerkrieg, setzten sich jedoch machtvolle ökonomische Realitäten durch, die Hamilton postum zum Sieger machten. Die Vereinigten Staaten erlebten eine "Marktrevolution" und stiegen innerhalb weniger Jahrzehnte zur führenden industriellen Macht der Welt auf. In dem von Mark Twain ironisch so genannten "Gilded Age" überschlug sich die wirtschaftliche Dynamik förmlich, aus Eisenbahnen, Kohle und Stahl wurde das Gold der ersten Generation der amerikanischen Superreichen, über die man bald auch in Europa staunte. All das zeichnet Kevin Phillips - ein etablierter und erfolgreicher Publizist, kein akademischer Historiker - sehr kenntnisreich und zuverlässig nach. Auf einen Schnellschuß war er nicht aus; anders als manche seiner Kollegen hat er die historische Forschung nicht nur im Daumenkino zur Kenntnis genommen.
Das vergoldete Zeitalter Amerikas, das schließlich in die Zeit der "progressiven" Reformbewegung vor dem Ersten Weltkrieg mündete, war in doppelter Hinsicht eine Achsenzeit und markiert immer wieder einen Referenzpunkt auch in den aktuellen, gegenwartsbezogenen Passagen dieses Buchs. Hier entstanden die großen Vermögen, die teilweise bis heute die Grundlage der amerikanischen "Geldaristokratie" bilden. Hier ging die Schere nicht nur zwischen Reichtum und extremer Armut, sondern auch zwischen Reichtum und solider Mittelklasse auf bis dahin unvorstellbare Weise auseinander. In dieser Zeit formierte sich aber auch Widerstand und Reformwille, der an die alten Ideale der Gleichheit, an Jeffersons Vision des "small-producer capitalism" erinnerte. Der agrarische Populismus der achtziger und neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, dann der eher städtische und bis in die Politik von Präsidenten wie Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson reichende Progressivismus lösten eine Gegenbewegung aus, die den Trend der Vermögenskonzentration in der amerikanischen Geschichte für einige Jahrzehnte, vor allem in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, umkehrte.
Über den New Deal bis in die Nachkriegsprosperität der fünfziger und sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts reicht jener Zyklus, den Phillips die "Great Compression" nennt: Reiche und Normalverdiener rückten wieder enger zusammen, die Mittelklassen wuchsen und erzielten einen wachsenden Anteil an Einkommen und Vermögen der Nation.
Dieser Trend kehrte sich seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in den Vereinigten Staaten (aber dort besonders drastisch) um. Zwischen den Ausläufern des Ölbooms und der New Economy fielen die Ärmeren zurück, und die Mittelklasse stagnierte, während die Gehälter von Spitzenmanagern raketengleich in die Höhe schossen und die Vermögenskonzentration zunahm - ein neues Gründerzeitalter, ein neues "Gilded Age". Eigentlich, so lautet Kevin Phillips' politische Botschaft, ist nun wieder eine Gegenbewegung fällig. Phillips sieht Anzeichen dafür in den populistischen Botschaften unterlegener Bewerber um die Präsidentschaft vor drei Jahren, bei dem Republikaner John McCain, dem Demokraten Bill Bradley und dem "Grünen" Ralph Nader. Der 11. September 2001 habe die Keime einer solchen Trendumkehr und Reform dann schlagartig abgetötet. Das ist freilich eine Erklärung, die in ihrer Kurzatmigkeit nicht befriedigt.
Die historische Analyse mündet in eine umfangreiche statistische Bestandsaufnahme von Reichtum und Vermögensverteilung in den Vereinigten Staaten im gesamten zwanzigsten Jahrhundert, konzentriert auf die letzten zwei Jahrzehnte. Phillips benennt die dreißig größten Vermögensbesitzer und den Anteil des obersten Prozents der Bevölkerung am Einkommen, er schlüsselt Vermögen nach ethnischen Gruppen auf und blickt auf die Gehaltsrelation zwischen dem Arbeiter in der Produktion und seinem Vorstandsvorsitzenden. Dabei zeigt sich viel "aristokratische" Kontinuität der Familienvermögen, aber auch viel Wandel und Dynamik. Der Wechsel der Branchen, in denen die Reichen ihr Vermögen gemacht haben, liest sich wie ein Spiegelbild der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte: von Eisenbahn und Stahl zu Konsumgütern und Lebensmitteln, vom Öl zum Mikrochip, von der Güterproduktion zur Finanztransaktion. Immer wieder, und in bemerkenswert kurzen Zyklen, hat die amerikanische Gesellschaft auf diese Weise neue Reiche hervorgebracht. Beweisen sich ihre Ideale nicht gerade darin, daß ein Bill Gates aus eigener Kraft, ohne Vererbung und Generationentransfer, ganz nach oben kommen kann? Damit liest man die Befunde des Autors freilich ein Stück weit gegen den Strich. Und hinzufügen ließe sich, daß Reichtum hier zwar konzentrierter ist als in vielen Teilen Europas, und in mancher Hinsicht sogar exklusiver, abgeschotteter. Aber er kann zugleich auch mehr als in Europa öffentlich und sozial verpflichtet sein, er umfaßt das private Mäzenatentum oder den Reichtum der riesigen Stiftungsvermögen etwa von Privatuniversitäten. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa gibt es ein Mißverhältnis zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum.
Was man von diesem Buch nicht erwarten sollte, ist eine Kulturgeschichte oder Kultursoziologie der vermögenden Klassen etwa auf der Linie von Veblens "Theorie der feinen Leute" oder Bourdieus Ethnographie der französischen Oberschicht. Einblicke in die Mentalität der Superreichen oder in ihren materiellen Lebensstil blitzen höchstens am Rande einmal auf. Schade, denn man muß kein regelmäßiger "Gala"-Leser sein, um diesen Aspekt wichtig zu finden. Geld alleine bildet jedenfalls keine soziale Klasse, erst recht keine Aristokratie. Und noch etwas bleibt unterbelichtet: nämlich der Brückenschlag in die neuere sozialtheoretische und sozialphilosophische Diskussion über Gerechtigkeit, Gemeinsinn und öffentliches Engagement, von John Rawls bis Jedediah Purdy. Was Phillips statt dessen betreibt, bringt der deutsche Untertitel durchaus präzise zum Ausdruck: eine politische Geschichte des Reichtums, die an den harten Fakten, an ökonomischen und politischen Strukturen interessiert ist. Auf diesem Feld behandelt er eine Fülle von Themen, zu der die Steuerpolitik ebenso gehört wie die Korruption und der Einfluß neuer Technologien auf wirtschaftliche Dynamik und Vermögenswachstum. Das ist immer dicht, immer anregend, häufig überzeugend - am wenigsten vielleicht noch in dem Versuch einer historischen Parallele zu früheren wirtschaftlichen Führungsmächten und deren Niedergang, von Spanien über die Niederlande bis England.
Jedenfalls ist dieses Buch - das muß man im Genre der Amerika-Bücher inzwischen ja ausdrücklich festhalten - meilenweit von der hohlen Dummheit eines Michael Moore entfernt. Kevin Phillips bietet nicht ganz leichte Kost, aber er schafft doch auf vorbildliche Weise jenen Brückenschlag zwischen akademischer, populärer und Wirtschaftsliteratur, der dem Anspruch des Verlages entspricht. Zudem könnte das Buch auch bei uns aktueller nicht sein, denn es liefert Diskussionsstoff in den deutschen Debatten über Spitzensteuersätze, Erbschaftsteuer oder die Moralität von Managergehältern. Also: eine erfreuliche und sehr willkommene Bereicherung des Bücherherbstes.
Kevin Phillips: "Die amerikanische Geldaristokratie". Eine politische Geschichte des Reichtums in den USA. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003. 476 S., geb., 39,90 [Euro].