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: Wer A sagt, muß nicht ABC sagen

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Die Rezeptionsgeschichte hat Theodor W. Adorno auch zu einem Jugendschriftsteller gemacht. Hochangespannter Schreibstil, Entschiedenheit in den Urteilen, Befunde über "das Ganze", Ideologiekritik - das Bedürfnis, sich im Denken zu orientieren, auf alles auszugreifen und nicht mitzumachen, entspricht der Lebenslage Jugendlicher.

          Die Rezeptionsgeschichte hat Theodor W. Adorno auch zu einem Jugendschriftsteller gemacht. Hochangespannter Schreibstil, Entschiedenheit in den Urteilen, Befunde über "das Ganze", Ideologiekritik - das Bedürfnis, sich im Denken zu orientieren, auf alles auszugreifen und nicht mitzumachen, entspricht der Lebenslage Jugendlicher. Adornos mitgeteilte Reserven gegen das Erwachsenwerden unterstreichen sein Wissen darum, das eigene geistige Leben innerhalb der Koordinaten der Romantik und des Bildungsromans geführt zu haben. Daß das Individuum nicht oder nur unter schlimmen Opfern in der Gesellschaft, so wie sie ist, untergebracht werden kann, mag ein Anlaß zu Gesellschaftskritik sein oder auf einer soziologisch naiven Erwartung "versöhnter Verhältnisse" beruhen. In jedem Fall ist es eine Erwartung, die zum Selbsterleben Jugendlicher paßt.

          Diese Nähe der Philosophie Adornos zu Lebensmotiven Heranwachsender hat seine Rezeption empfindlich für Veränderungen der Jugendwelt gemacht. Das vorliegende Buch (Roger Behrens, "Adorno-ABC". Verlag Reclam Leipzig, Leipzig 2003. 248 S., br., 11,90 [Euro]) ist ein hierfür geradezu drastisches Dokument. Unter dem Stichwort "Adorno lesen" kommt der Autor auf sich selbst zu sprechen. "Kurz bevor ich volljährig wurde, mir allerdings bereits darüber(!) bewußt war, daß diese Welt grundlegend geändert werden müsse(!), legte ich mir die ,Dialektik der Aufklärung' zu." Es wird dann mitgeteilt, es sei dem Autor auch darum gegangen, seine Schallplattensammlung, allerlei Rockmusik enthaltend, "theoretisch mit der Forderung nach einer fundierten, also praktischen Kulturkritik zu verbinden".

          Die Verbindung einer Schallplattensammlung mit Kulturkritik an einer grundlegend zu ändernden Welt - wir sind in einem deutschen Jugendzimmer der achtziger Jahre. Wie viele inhaliert sein Insasse die Sätze des Philosophen. Zwar schult er an ihnen weder sein Sprachgefühl - er schreibt, etwas "dürfte Adorno irritiert haben", wenn er sagen will, es würde Adorno irritiert haben - noch seine Bildung, weshalb das Buch von sachlichen Fehlern strotzt: In der Malerei der Moderne "verschwinden die Farben"; Günter Anders war mit Hannah Arendt verheiratet, der "später eng mit Heidegger befreundeten Philosophin"; Karl Marx ist der Begründer der kritischen Theorie; Adorno hat über Kant keine geschlossene Abhandlung geschrieben, dafür aber eine über Hegel. Alles falsch.

          Aber der Autor hat sich durch die Lektüre mit äußerst weltablehnenden Gefühlen versorgt. Vollendete Negativität, Verblendungszusammenhang, Auschwitz, kapitalistischer Massenbetrug. In dieser Gesellschaft ist nichts in Ordnung. Immerhin ist zweierlei wenigstens schwer okay: die Gesellschaftskritik und die Schallplattensammlung. Und damit sind wir beim Problem: Denn diese "Verbindung" würde Adorno irritiert haben. Das einzige Interesse, das sich dem als Lesehilfe aufgemachten Buch abgewinnen läßt, ist das an einem besonders farbenreichen Dokument der großen Konfusion, in die seit 1968 manche jungen Leute dadurch gestürzt worden sind, daß ihr großer Stichwortgeber die Musik, die sie selber gerne hören, für eine Ausgeburt ebenjener Hölle hielt, als die sie, angeregt durch ihn, die spätkapitalistische Welt glauben bezeichnen zu sollen. Das "Adorno-ABC" führt die exemplarische Lösung dieser kognitiven Dissonanz vor.

          Erster Schritt: Man desinteressiere sich an der Schlüsselstellung, die jener Musik im Werk dieses Philosophen zukommt, die er für bedeutend hielt. Man räume ihr ungefähr den Umfang ein, den sie in der eigenen Schallplattensammlung hat. Der Artikel zu Beethoven umfaßt darum im "Adorno-ABC" ungefähr die Hälfte dessen, was dem Autor zu den Beatles einfällt, über Alban Berg wird ungefähr so lang geschrieben wie zum Stichwort "Klopapier" oder zur Rockgruppe "The Consolidated". Und es gibt überhaupt keinen einzigen Eintrag, der Musik betrifft, in dem Herr Roger Behrens uns nicht seine hohe Meinungen über Stücke seiner Plattensammlung kundtut. Deswegen gibt es auch ein Stichwort "Punk", was etwa so sinnvoll ist, wie wenn man in ein Descartes-Lexikon das Stichwort "Chanel" aufnähme.

          Zweiter Schritt: Man desinteressiere sich überhaupt an den Gegenständen von Adornos Werk. Mehr als über Kant, Hegel, Kierkegaard, mehr als über Erkenntnistheorie, Mimesis oder Soziologie erfahren wir darüber, daß es - sehr lustig - einen ICE-Adorno gibt, Adorno zu Autos ein gespaltenes Verhältnis hatte, "Nilpferd" als Kosenamen trug oder an welchen Stellen seines Werkes das Wort "Mädchen" vorkommt. Vom Idol werden ständig menschelnde Anekdoten erzählt, die nichts zur Sache tun. Jedenfalls nichts zu Adornos Sache, sondern nur zu der pubertären des Roger Behrens, im Philosophen ein Rollenmodell zu konsumieren, an dem dann, damit es paßt, nach Maßgabe der eigenen Geschmackspräferenzen noch ein bißchen mit klebrigen Fingern herumretouchiert werden muß.

          Das erfolgt im dritten Schritt: Man behaupte, die Popkultur, jedenfalls die eigenen Lieblingsplatten, enthielten ungeheuer kritische Potentiale, die zu erkennen Adorno nicht in der Lage war. Teils, weil er nicht mehr lebte, als Punk-Kapellen ganz wie er behaupteten, alle Kultur sei Müll. Teils, weil er nicht wollte, oder einfach falsch, beispielsweise - Stichwort "Neger" - nicht postkolonial genug dachte.

          Wenn diese drei Schritte absolviert sind, hat der Leser von Adornos Denken zwar nur den "Sound", aber die Ikone ist samt der Plattensammlung und der äußerst kritischen Geste gegenüber allen Dingen außerhalb des Jugendzimmers geschwätzig in Sicherheit gebracht. Der Preis dafür, den Roger Behrens aber gern bezahlt hat, ist ein Beitrag zum vollendeten Verblödungszusammenhang.

          JÜRGEN KAUBE

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