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Blogs von Raif Badawi als Buch : Weltbürger gegen Gottesstaat

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In vielen Ländern wurde Ende Januar gegen die Verurteilung Raif Badawis protestiert - hier vor der saudischen Botschaft in Berlin Bild: AFP

Der saudische Blogger Raif Badawi sitzt wegen Beleidigung des Islams im Gefängnis, und immer noch drohen ihm wöchentliche Auspeitschungen. Jetzt erscheinen einige seiner Texte als Buch.

          Toilettensprüche scheinen auf den ersten Blick so ziemlich das belangloseste Zeugnis einer Kultur zu sein, das es gibt. Aber schon Ödön von Horváth hat seinen „Wirt“ in der „Italienischen Nacht“ darauf aufmerksam machen lassen, dass den Äußerungen über und neben den Becken eine geradezu demoskopische Funktion zukommt: Sind die Sprüche nämlich nicht mehr nur erotisch oder patriotisch, sondern werden politisch, wird es gefährlich für den Staat.

          Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass einem so aufmerksamen Beobachter wie dem saudischen Blogger und Autor Raif Badawi nicht entgeht, wenn unter den vulgären Kritzeleien ausgerechnet in einer Knasttoilette etwas steht, das in einem Gottesstaat reiner Sprengstoff ist: „Der Säkularismus ist die Lösung!“ Nicht nur „grenzenloses Staunen“ überkam Badawi angesichts dieser Entdeckung: „Ich war zutiefst verwundert und erfreut über diesen kurzen, schönen, so andersartigen Satz. Dass ich so etwas zu lesen bekam, bedeutete, dass es irgendwo hier in diesem Gefängnis zumindest eine Person geben muss, die mich versteht. Jemanden, der das versteht, wofür ich gekämpft habe und weswegen man mich hier eingesperrt hat.“

          Raif Badawi ist in den letzten Monaten weltweit zum Symbol geworden für den Widerstand gegen den islamischen Gottesstaat und dessen absoluten Machtanspruch: Seit 2012 sitzt er in Dschidda in Haft, verurteilt zu zehn Jahren Gefängnis, einer Million Rial Geldstrafe (rund 194.000 Euro) und unglaublichen 1000 Peitschenhieben, die ihm in wöchentlichen Portionen öffentlich verabreicht werden sollen. Am 9. Januar wurde er bereits einmal geprügelt, „umringt von einer jubelnden Menschenmenge, die immerzu ,Allahu Akbar‘ rief“. Seitdem wurde die in Saudi-Arabien durchaus übliche Strafe in seinem Fall zumindest vorübergehend ausgesetzt; ein internationaler Proteststurm, an dem auch deutsche Menschenrechtsorganisationen und Politiker intensiv beteiligt waren, könnte mit dafür verantwortlich sein.

          Berufung auf den Grundsatz der religiösen Toleranz

          Aufgehoben ist die Strafe freilich nicht, und jeden Freitag bangen Millionen Menschen um und mit Badawi. Das taten sie schon, als sie noch nicht genau wissen konnten, was der Blogger, der wegen „Beleidigung des Islams“ verurteilt und zum „Ungläubigen“ erklärt wurde, eigentlich genau geschrieben hatte. Das ist in der Tat nicht selten ein prinzipielles Problem vieler Aktivisten für die Meinungsfreiheit: Sie treten für verfolgte und inhaftierte Autoren ein, ohne deren Werk lesen zu können.

          Raif Badawi: „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“. Herausgegeben von Constantin Schreiber, übersetzt von Sandra Hetzl. Ullstein Verlag, Berlin 2015. 64 S., br., 4,99 €.

          Im Falle Badawis ist das nun anders: Der Ullstein Verlag hat mit Hilfe von Badawis Ehefrau Ensaf Haidar und des Journalisten Constantin Schreiber unter dem Titel „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“ ein schmales Bändchen veröffentlicht, das vierzehn zentrale Texte des Internet-Aktivisten enthält. Dazu kommt ein Vorwort, das Badawi seiner Frau am Telefon nach und nach diktierte und das sich direkt an die deutschen Leser wendet. Das Auswärtige Amt riet nach Verlagsangaben von der Publikation zum jetzigen Zeitpunkt ab: Doch der einunddreißigjährige Badawi hielt mutig an seinem Plan fest - auch weil er und seine Familie dringend das Geld brauchen, das ihnen aus diesem Non-Profit-Projekt zufließt.

          Die versammelten kurzen Prosastücke, die von Schreiber mit wenigen Fußnoten kontextualisiert werden, wurden allesamt ursprünglich im Internet und größtenteils zwischen 2010 und 2012 publiziert. Dort sind sie mittlerweile nicht mehr auffindbar, und die Hinwendung zu einem scheinbar alten Medium wurde notwendig, um Badawis Texte der Öffentlichkeit zurückzugeben und vor allem auch langfristig zu sichern sowie zu archivieren. Dieser bemerkenswerte Medienwechsel zum gedruckten Buch, dem Aufklärungs-Medium schlechthin, ist überaus konsequent, wenn man sich ansieht, was Badawi für sich und seine Leser verhandelt: Es sind grundlegende aufklärerische Prinzipien, die der Autor entwickelt und verteidigt gegen eine religiöse Borniertheit, die der Staat mit härtesten Mitteln zu schützen versucht. Die „Infragestellung des Islams“ kann in Saudi-Arabien immerhin schnell mit dem Tode bestraft werden.

          Dagegen beruft sich Badawi, deutlich auch geschult am europäischen Vorbild, auf Natur- und Menschenrecht und sieht sich selbst „in erster Linie als Weltbürger“: „Ob es uns gefällt oder nicht, wir sind Teil der Menschheit, und uns obliegen demnach dieselben Pflichten wie allen anderen Menschen auch, und wir haben dieselben Rechte. So wie die anderen unserer Andersartigkeit Achtung zollen, so müssen wir auch das Anders-als-wir-Sein der anderen respektieren.“ Es ist vor allem die religiöse Toleranz, die ihm zentral wird: „Die religiösen Überzeugungen der Menschen, ihre Entscheidungen und ihr angeborenes Recht auf Glaubensfreiheit zu respektieren, verlangt uns einen gewissen Großmut ab. Wie wäre es, wenn wir es den anderen einmal gleichtäten und versuchen würden, eine humanistische Zivilisation und normale Beziehungen zu sechs Milliarden Menschen aufzubauen, von denen mehr als viereinhalb Milliarden nicht dem Islam angehören?“

          Badawi ist kein Theoretiker, doch seine mitunter einfachen Sätze, die ihre Beglaubigung durch all die Drangsale erfahren, die er erleiden muss, verfehlen ihre Wirkung nicht: „Vernünftige und rationale Menschlichkeit ist der einzige Katalysator und Motor für den Aufbau von Gesellschaften unter dem Vorzeichen der Toleranz, Kreativität und technologischer Entwicklung. Keine wie auch immer geartete Religion kann menschlichen Fortschritt bewerkstelligen. Das ist nicht irgendeinem Mangel der Religionen zuzuschreiben, sondern ganz einfach der Tatsache, dass Religionen eben Religionen sind, sprich: persönliche und intime spirituelle Beziehungen zwischen Individuum und Schöpfer.“

          Das westliche Modell ist inzwischen selbst in Gefahr

          Mit Verve erklärt Raif Badawi die Idee des Liberalismus, der für viele Muslime gleichbedeutend sei mit „Blasphemie, Apostasie, moralischem Verfall, FKK-Stränden, Homo-Ehe“. Dagegen setzt der Autor emphatisch: „Der Liberalismus bietet alles, was den individuellen Freiheiten ihr Dasein gewährt. Auch die Freiheit der Religionsausübung ist durch ihn garantiert. Jedoch zwingt er der Gesellschaft nicht irgendeinen bestimmten spirituellen Ansatz auf durch Bevormundung oder Tyrannei. Das ist ein Gewinn, kein Zugeständnis oder Kompromiss.“

          Als westlicher Leser wird man vielleicht versucht sein, Badawi angesichts seines scheinbar ungebrochenen Fortschrittsglaubens für naiv zu halten, gerade dann, wenn er die Entwicklung des Westens als Vorbild für die arabische Welt preist. Man könnte fürchten, Badawi sei auf dem Weg hin zu einer unkritischen Aufklärungs-Ideologie, die in ihrem Argumentieren gegen die Theokratie nicht sehen will und kann, wo das europäische und westliche Projekt ins Stocken oder auf furchtbare Abwege geriet. Doch der Blogger ist natürlich weder naiv noch blind. Er weiß allzu genau, dass der Westen in einer tiefen Krise steckt: „Durch das Klima kultureller Dominanz und die Natur der neuen wirtschaftlichen Orientierung bedroht dieses sogenannte westliche Modell die Zukunft der Moderne und der Demokratie. Es bedroht die Werte der Aufklärung und die Prinzipien der Französischen Revolution.“

          Die Radikalisierung des Islams sah er bereits kommen

          Am Schluss des Bändchens steht konsequenterweise ein Aufruf zu einer eigenen arabischen Aufklärung, zu einer Umwälzung, die ohne historisches Vorbild ist: „Wir werden erst anfangen, wenn uns klar bewusst wird, dass wir weder dort ansetzen müssen, wo unseresgleichen aufgehört haben, noch dort, wo unsere Vorgänger angefangen haben. Wir müssen dort anfangen, wo wir anfangen müssen: nämlich von neuem.“ Erste Zeichen sah er 2012 im arabischen Frühling - zu gerne wüsste man, wie er die Situation heute einschätzt, doch bis auf sein Vorwort müssen die Leser auf aktuellere Texte Badawis warten. Dass er bereits die Radikalisierung islamistischer Terroristen ahnte, macht jedenfalls sein kurzer Text „Träume vom Kalifat“ klar.

          Ob Badawis Werk tatsächlich auch ein „Imperativ an die Muslime bei uns“ sein kann, wie der Herausgeber Constantin Schreiber in seiner Einleitung formuliert, mag dahingestellt bleiben. Eines aber ist es sicher: ein kleines großes Buch.

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