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Was zwischen die Maschen fällt

26.07.2004 ·  Ein Netzwerk fragt nach der modischen Metapher des Netzwerks

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Seien es Kommunikation, Energieversorgung, Verkehr oder die Gesellschaft als Ganzes: Das Netz oder - dieser Anglizismus ist nicht mehr aufzuhalten - das Netzwerk umspannt die Lebenswelt, ohne daß man im einzelnen noch ausfindig machen könnte, von welchen Bataillonen - wissenschaftlichen oder alltagssprachlichen - der Vormarsch dieser Metapher getragen wurde. Jedenfalls sind wissenschaftliche Disziplinen von der Informatik bis zur Soziologie inzwischen auf eine Analyse solcher Netze angewiesen. Erst unlängst hat der ungarisch-amerikanische Physiker Albert-László Barabási die Begründung einer eigenständigen "network science" vorgeschlagen.

Netze für den modernen Informationsaustausch wurden natürlich schon lange vor dem "world wide web" geknüpft. Zu begrüßen ist daher das Ziel eines von irischen, britischen und deutschen Kulturwissenschaftlern vernetzten Sammelbandes, die Metapher des Netzes auf ihre Herkunft und Geschichte zu befragen. In seiner Einleitung zeigt Hartmut Böhme, welche Erwartungen an einen scheinbar so einfachen Begriff wie das "Netz" gerichtet werden. Die Abkehr von polaren, linearen, hierarchisch gestuften und als zu einfach kritisierten Ordnungslogiken läßt das Netz als ein viel komplexeres Beziehungsgefüge zur Beschreibung unserer Gegenwart attraktiv erscheinen. Die dabei zum Einsatz gelangende Metaphorik sollte indes ernst genommen werden, denn Netze sind, wie Böhme schreibt, "Regime der Ordnung, die von Unordnung umgeben sind". Entscheidend ist also nicht allein, was durch das Netz in Beziehung gesetzt wird, sondern auch, was im "Dazwischen" seiner Maschen unerfaßt bleiben muß.

Die Analysen dieses Sammelbandes schlagen einen weiten Bogen: ausgehend von Netzmodellen ökonomischer und fiskalischer Zirkulation aus dem späten achtzehnten Jahrhundert, über die Entstehung neuer Kommunikationstechniken im neunzehnten Jahrhundert bis zur Netzkunst der Gegenwart. Dabei erweist sich die Rede von der Vernetzung dort am aufschlußreichsten, wo sie nicht zu erwarten ist. In einer eindringlichen Interpretation erörtert Irmela Marei Krüger-Fürhoff die mit der modernen Transplantationschirurgie einhergehende Notwendigkeit, den Begriff des eigenen Körpers neu zu definieren. Das transplantierte Organ ist nicht nur ein Supplement. Indem das Eigene und das Fremde untrennbar miteinander verschränkt werden, entstehen bis dahin unbekannte Vernetzungen von getrennten Körpern. Die durch die moderne Medizin ermöglichte Rettung des eigenen Ichs bedeutet auch dessen Gefährdung.

Einen stärkeren kulturhistorischen Akzent setzt Olaf Briese in seiner Beschreibung des Kreuzworträtsels als einer labyrinthartigen und offenen Vernetzung von Buchstaben und Wörtern. Seine These, wonach Kreuzworträtsel als "Chiffren der Moderne" zu lesen seien, mag etwas zugespitzt sein, doch folgt die Normierung und Standardisierung sprachlicher Zeichen innerhalb eines Systems aus Buchstabenbeziehungen tatsächlich dem genuin modernen Prinzip der Vernetzung. Am Beispiel des literarischen Werks von W. G. Sebald zeigt Anne Fuchs, welche Möglichkeiten sich aus der Vernetzung von literarischem Text und - bei Sebald meist fotografiertem - Bild ergeben. Diese Bricollagetechnik erlaube es Sebald, seine Romane als ein Zusammenreimen des Entlegenen zu inszenieren und überraschende kulturgeschichtliche Beziehungsnetze zu erzählen.

Das Netz sollte also nicht vorschnell auf seinen prominentesten Vertreter, das Internet, reduziert werden. Als Metapher ist es ein aufschlußreiches kulturwissenschaftliches Beschreibungsinstrument; womöglich sogar nützlicher als die materiellen Kommunikationsnetze.

STEFFEN SIEGEL

Jürgen Barkhoff, Hartmut Böhme, Jeanne Riou (Hrsg.): "Netzwerke". Eine Kulturtechnik der Moderne. Böhlau Verlag. Köln, Weimar, Wien 2004. 359 S., 10 Abb., br., 29,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004, Nr. 171 / Seite 33
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