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: Was Scheidungsväter von anderen Vätern unterscheidet

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Das Buch ist aus einer "Vaterstudie am Institut für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen" entstanden und handelt von Ehe- und Partnerschaftsscheidungen, vom Leiden der Scheidungskinder und - in bewusster Einseitigkeit - vom Kampf der Scheidungsväter um ihre Kinder. Den Rezensenten ...

          Das Buch ist aus einer "Vaterstudie am Institut für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen" entstanden und handelt von Ehe- und Partnerschaftsscheidungen, vom Leiden der Scheidungskinder und - in bewusster Einseitigkeit - vom Kampf der Scheidungsväter um ihre Kinder. Den Rezensenten störten zunächst der Väterblick und die häufige undifferenzierte Bezugnahme auf "die Gesellschaft". Aber nach eingehender Lektüre hat er sich zu einem eindeutigen Urteil durchgerungen: Das Buch ist gut. Wenn man es gelesen hat, kann man Scheidungen - auch die eigene - besser beurteilen und gegebenenfalls zu dem doppelten Schluss kommen, dass die Nachteile die Vorteile überwiegen mögen, dass diese Einsicht aber eine abstrakte bleibt, weil sie in der Regel nichts an den Verhältnissen ändert.

          Die Einleitung wirbt für den Versuch, Scheidungsfolgenprobleme aus der Perspektive der Väter zu erörtern. Die zentrale Begründung: Frauen würden immer noch für "das schwache Geschlecht" gehalten. Ihnen zu "helfen" führe dazu, die Männer zu benachteiligen. Das ist empörend plausibel, kann aber nicht verdecken, dass der Verfasser nicht versucht, die Benachteiligung der Scheidungsväter im Vergleich zu den Scheidungsmüttern statistisch zu untermauern. Stattdessen breitet er fünfzehn Fallbeispiele aus.

          Diese Scheidungsgeschichten, die etwa die Hälfte des Buches umfassen, sind ausgezeichnet erzählte, anschauliche Berichte, die nicht durch ihre Masse, sondern dadurch wirken, dass sie typische Situationen treffen, in denen sich jeder wiederfinden kann. Vor allem kommen nicht nur die geschiedenen Paare und ihre Kinder vor, sondern auch Gerichte, Jugendämter, Gutachter, Arbeitsplätze, Ärzte, Freunde und Verwandte, Nachbarn, Presse, Familien- und Psychotherapeuten, ganz wie im richtigen Leben. Diesen Grad an Komplexität können Statistiken nicht darstellen.

          Bemerkenswerterweise haben die Sozial- und Jugendämter besonders bei den weniger gut ausgebildeten Männern einen miserablen Ruf. Diese Männer setzen auf die Behörden, finden aber bei den Ämtern wenig Verständnis, wenn sie sich von ihren Frauen ungerecht behandelt fühlen. Der Verfasser führt das darauf zurück, dass die Sozial- und Jugendämter vielfach mit Frauen besetzt sind, die den Müttern "helfen" wollen, bis hin zum Bündnis mit der Mutter gegen Vater und Gericht.

          Frauenpolitik spielt auch hinein. Eine Mutter wollte verhindern, dass der Vater Umgang mit der gemeinsamen Tochter hatte. Sie behauptete deshalb, der Vater habe das Kind sexuell missbraucht. Aber dann wurde sie ihrerseits missbraucht: "Sie wurde zum Spielball einer feministischen Interessengruppe, die sie für ihre eigene politische Agitation instrumentalisierte, nämlich die vermeintliche Allgegenwart von sexuell übergriffigen Vätern öffentlichkeitswirksam zu beweisen." Es fand sich sogar ein Journalist, der die Mär anreicherte und in seiner Zeitung publizierte. Als die Staatsanwaltschaft daraufhin den Fall aufgriff, musste die Mutter zugeben, dass sie den Missbrauch erfunden hatte. Es ist ihr aber nichts geschehen. Weder zweifelten die Gerichte an ihrer Eignung, die Tochter zu erziehen, noch wurde sie wegen der Verleumdungen zur Rechenschaft gezogen.

          Die andere Hälfte des Buches ist Einzelfragen gewidmet, deren Auswahl und Gewichtung die tiefe Vertrautheit des Verfassers mit den Problemen belegen. "Wie Väter die Besuchszeiten mit ihren Kindern verbringen" umschreibt in der Tat eine außerordentliche Schwierigkeit. Der Ausnahmecharakter des Besuches; der Umstand, dass das Kind faktisch die Wahl hat, ob es mehr zum Vater oder mehr zur Mutter geht; die damit verbundene Konkurrenzerfahrung des Vaters gegenüber der Mutter; der unterschiedliche Alltag und die Belastung der Kinder, beständig in zwei Welten zu leben - all das muss ausgeglichen werden. "Was Väter dazu bringt, den Kontakt zu ihren Kindern abzubrechen", kann zum Beispiel der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs sein.

          Ein besonderes Glanzlicht ist der Abschnitt "Handgreiflichkeiten". Zu Handgreiflichkeiten kommt es laut Amendts Recherchen in einem knappen Drittel der gescheiterten Beziehungen. Heute verletzen Prügel die Persönlichkeit so schwer, dass sie die Wiederherstellung guter persönlicher Beziehungen kaum noch zulassen. Der Verfasser schließt denn auch mit dem reichlich abstrakten Trost, viele Konflikte seien lösbar.

          Insgesamt ist das Bild, das Amendt zeichnet, traurig, aber wohl realistisch. Möglichkeiten, es aufzuhellen, gibt es nicht. Es ist nun einmal selbstverständlich, dass Eltern ihre persönliche Freiheit auch dann in Anspruch nehmen dürfen, wenn sie ihren Kindern dadurch Schmerz zufügen. Eine Aussage, die nicht etwa nur auf die Scheidung gemünzt ist, sondern eben auch auf ein zerstrittenes Ehe-Miteinander, das im unüberwindlich empfundenen Konfliktfall den späteren Anlass zur Scheidung gibt. Kinder sind hier wie da die Leidtragenden. Davon weiß in diesem empfehlenswerten Buch jeder geschiedene Mann ein Lied zu singen.

          GERD ROELLECKE

          Gerhard Amendt: "Scheidungsväter". Wie Männer die Trennung von ihren Kindern erleben. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006. 308 S., br., 24,90 [Euro].

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