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Warum Willy Brandt gerne Heino hörte

16.03.2005 ·  Norbert Seitz befragt die Kunstliebe der deutschen Bundeskanzler / Von Heinrich Wefing

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Das bekannteste Kunstwerk der Bundesrepublik ist vermutlich die Skulptur "Large Two Forms" des britischen Bildhauers Henry Moore. Kein anderes Objekt dürfte so tief in das kollektive Unterbewußtsein der Deutschen eingesenkt sein. Kein anderes jedenfalls war derart häufig im Fernsehen zu bewundern wie die üppig gerundete Plastik vor dem alten, dem Bonner Kanzleramt. Nie konnte ein Minister ins Kabinett eilen, ohne daß sich die schweren Hüften der beiden Bronzekörper ins Bild drängten, wohl kaum ein Abend verging ohne ihr sekundenlanges Aufblitzen in der "Tagesschau".

Moores Skulptur war nicht nur dekoratives Beiwerk des Kanzleramtes, sie wurde zum Emblem der symbolarmen Bonner Republik; die Kunsthistorikerin Silke Wenk hat "Large Two Forms" gelegentlich gar als "Allegorie des modernen Sozialstaates" gedeutet. Die nicht minder wuchtige Stahlplastik des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida hingegen, die im Oktober 2000 im Ehrenhof des neuen Berliner Kanzleramtes aufgestellt wurde, hat bislang nicht annähernd diese Prägnanz und Popularität gewinnen können - vermutlich, weil das Haus, vor dem sie steht, selbst viel zu sehr Skulptur sein will, als daß es noch Kunst am Bau dulden könnte. "Large Two Forms" ist aber nicht nur ein bleibender Gewinn für Bonn. Es ist auch das rare Beispiel eines gelungenen Zusammenwirkens von Politik und Kultur, Produkt der geglückten Begegnung eines Kanzlers mit einem Künstler. Wohl auf Anregung des damaligen Kölner Museumsdirektors Bott wandte sich Helmut Schmidt im April 1977 an Moore mit der Bitte, bei der Umgestaltung des Vorplatzes des Kanzleramtes zu helfen.

An Schmidts Kunstsinn dürften mittlerweile trotz dessen "Macher"-Image keine Zweifel mehr bestehen. Unter Schmidt begann die Ausstellungsreihe "Kunst im Kanzleramt"; er sorgte für die Ausstattung seiner Bonner Behörde mit exquisiten Werken des deutschen Expressionismus, spielte Klavier, setzte die Künstlersozialversicherung durch und lud die Schriftsteller Max Frisch, Heinrich Böll, Siegfried Lenz sowie den Verleger Siegfried Unseld zum Gespräch in den Kanzlerbungalow. "Die kunstpolitische Bilanz des fünften Kanzlers der Bundesrepublik übertraf die seiner Vorgänger bei weitem", schreibt Norbert Seitz in seinem Buch "Die Kanzler und die Künste", und er läßt keinen Zweifel daran, daß Schmidt Maßstäbe auch für seine beiden Nachfolger gesetzt hat. Mindestens, so Seitz, habe Schmidt den "eklatanten Fehlschluß von politisierenden Schriftstellern" widerlegt, "wonach ein kunstsachverständiger Politiker wohl eher zum Visionär tauge, während ein Pragmatiker in der Regel kunstabstinent oder gar ein Banause sein müsse". Diese eher schlichte Einsicht, vom Autor mit einigem Aplomb verkündet, richtet sich natürlich vor allem gegen Willy Brandt und dessen "Idolisierung". Bei Seitz dagegen, der sich nicht unbescheiden vorgenommen hat, die Geschichte der "schwierigen Beziehung" zwischen Politikern und Intellektuellen in der Bundesrepublik zu erzählen, wird Brandt systematisch entzaubert. Genüßlich erinnert Seitz, verantwortlicher Redakteur der SPD-nahen Zeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte", an Brandts Vorliebe für Marschmusik, nennt ihn gleich mehrfach "nicht sehr kunstsinnig" und outet den "Kunstmuffel" schließlich sogar als Verehrer des Schlagersängers Heino.

Die Demontage Brandts bei gleichzeitiger Erhöhung Schmidts ist die eine Auffälligkeit des Buches. Die zweite ist die nachträgliche Ehrenrettung Ludwig Erhards, den Seitz vor allem als Bauherrn des Kanzlerbungalows würdigt. Die relative Unvoreingenommenheit, mit der Seitz die Altkanzler würdigt, verläßt ihn freilich, je näher er sich an die Gegenwart heranarbeitet. Die Klischees, die er besonders bei Erhard und Brandt beherzt wie Gedankenschrott beiseite räumt - bei Kohl und Schröder verstellen sie ihm doch wieder den Blick. Er spottet über Kohls "inflationäre Pilgerfahrten nach Wilflingen zum Nestor Ernst Jünger", höhnt über des Kanzlers Abneigung gegen die Verhüllung des Reichstags, die Kohl als eine der "größeren Blödheiten, welche die Deutschen sich leisteten", bezeichnet habe, von seinen sonst so sicheren populistischen Instinkten offenbar im Stich gelassen, und Seitz mokiert sich, Kohl habe während seiner "zählebigen Regentschaft kein öffentliches Geschichtsärgernis" ausgelassen.

Überhaupt durchzieht eine routinierte Flapsigkeit das Buch, ein Ton launiger Nölerei, der rasch ermüdet. Adenauer zitiert Seitz mit der Bemerkung, die "Mona Lisa" habe "so ein dämliches Grinsen"; die vergrößerte Kollwitz-Plastik in der Berliner Neuen Wache nennt er einen "monströsen Bronzeklops"; und den beiden Christdemokraten Walter Wallmann und Helmut Kohl wird flugs das Etikett "neokonservativ" umgehängt, vermutlich, weil sich so der Kanzler der "geistig-moralischen Wende" wenigstens assoziativ noch irgendwie in die Nähe der "Neocon"-Bösewichte in Bushs Amerika rücken läßt. Solche intellektuellen Fehlpässe unterliefen Seitz auch in seinen Büchern über Fußball und Politik immer mal wieder, woran sich leider auch jetzt, da der Autor den Ballsport gegen die Künste ausgewechselt hat, nichts geändert hat.

"Bauen fürs Geschichtsbuch" hat Seitz das Kapitel über Kohl genannt, doch ausgerechnet über den in Bonn und Berlin fleißig bauenden Kanzler schreibt Seitz nur ein paar inhaltsarme Sätze. Dank Kohls Einsatz sei der amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei für den Erweiterungsbau des Zeughauses gewonnen worden (wogegen selbst Seitz offenbar nichts einzuwenden hat), und auch die Architekten für das neue Kanzleramt im Spreebogen habe Kohl persönlich auserkoren. Daß er diese Entscheidung aber beileibe nicht selbstherrlich an sich riß, sondern von der tief zerstrittenen Fachjury geradezu genötigt wurde, eine Wahl zu treffen, erwähnt Seitz mit keinem Wort, sowenig wie die langjährige Freundschaft des Kanzlers mit dem österreichischen Architekten und Karikaturisten Gustav Peichl, der ihn in Baudingen immer wieder beriet. Immerhin darf man Seitz bescheinigen, in seinem entspannten Umgang mit den Tatsachen ziemlich unparteiisch zu sein. Wer, wie der Autor, beispielsweise behauptet, Schröders Kulturbeauftragter Michael Naumann habe "den Vertretern der Debattenkultur nur wenig Honig" geliefert, muß wohl während der Amtszeit des ersten Kulturstaatsministers im sehr fernen Ausland gelebt haben.

In Seitz' lässigem Verhältnis zu den Fakten zeigt sich vielleicht die größte Schwäche seines Buches. Es beruht nicht auf Recherchen im Archiv, sondern auf Exzerpten aus Parlamentsprotokollen und Pressespiegeln. Silke Wenks Studie über "Large Two Forms" ist deshalb ebensowenig im Literaturverzeichnis zu finden wie all die anderen kunstwissenschaftlichen Untersuchungen, die sich schon mit dem Verhältnis von Kunst und Politik beschäftigen. Seitz' Methode ist nicht die Analyse, sondern die Anekdote. Nur einmal, im letzten, dem Schröder-Kapitel, gibt Seitz - vielleicht versehentlich - alle kritische Distanz auf. Da bescheinigt der Intellektuelle dem gegenwärtigen Kanzler ganz unverstellt, bei seinem "Werben um Intellektuelle und Künstler" meine Schröder "es ernst". Für den Autor, so steht zu fürchten, gilt dasselbe.

Norbert Seitz: "Die Kanzler und die Künste". Die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Siedler Verlag, Berlin 2005. 192 S., 30 Abb., geb., 18,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L17
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