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Warum er sich in "Evo" umbenannte

27.04.2007 ·  Die erste Biographie zu Evo Morales liegt vor und will das provokante Staatsoberhaupt als "ganz normalen Musterknaben" sehen

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Auch er zählt zu jenen, die irgendwann einmal in ihrer Kindheit gesagt haben, sie würden eines Tages Staatsoberhaupt sein. Und die es auch geworden sind. Das Leben des bolivianischen Präsidenten Evo Morales lief fast geradlinig auf die wichtigste Position im Staat zu: Der aus armseligen Verhältnissen stammende einstige Schaf- und Lamahirte entwickelte sich vom geschickten Organisator jugendlicher Fußballturniere zum rührigen Gewerkschaftschef und wuchs in die Rolle eines von fast allen Gruppierungen anerkannten Anführers der Sozialprotestbewegung. Morales war schließlich eine der wenigen glaubwürdigen Konsensfiguren nach dem Offenbarungseid, den die Vertreter des traditionellen politischen Systems unter dem Eindruck der unendlichen Folge von Protesten, Straßenblockaden und Streiks leisten mussten.

Evo Morales Aima hat sich vorgenommen, die jahrhundertelang weitgehend ausgegrenzten Indiogemeinschaften und andere Randgruppen der Gesellschaft in das politische Leben zu integrieren. Seine Herkunft aus einer Familie von Aymara-Indios bescherte ihm dabei einen besonders großen Vertrauensbonus. Ob er mit der Sisyphusarbeit zurechtkommt, die er sich aufgehalst und bisweilen durch Hyperaktivität zusätzlich erschwert hat, ob er also ein erfolgreicher Präsident sein wird, ist völlig offen. Schon gar nicht ist abzusehen, ob er seinen ehrgeizigen Plan, den "Staat neu zu gründen", durchsetzen kann. Deshalb erscheint es reichlich früh, wenn schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt ein Buch auf den Markt gekommen ist, dessen Titel suggeriert, es handle sich um eine Art endgültiger Lebensbeschreibung des Politikers.

Die bisherigen achtundvierzig Lebensjahre Morales' sind allerdings so schillernd, dass sie eine ausführliche Würdigung verdienen. Das Buch von Muruchí Poma hat sogar das unbestreitbare Verdienst, einige Missverständnisse um die Figur Morales auszuräumen und manche Legende zu entzaubern. Es dient allerdings zugleich dem Ziel, eine neue Legende zu schaffen und Evo Morales zu einem Helden vom Schlage früherer Freiheitskämpfer zu stilisieren. Der Leser lernt sehr viel über die Lebensbedingungen der Indios in den verarmten Gegenden auf dem Altiplano, dem bolivianischen Hochland, wo Morales geboren wurde, über die prekären Verhältnisse in den Dörfern, das Weiden von Schafen und Lamas oder den traditionellen Gebrauch der Kokapflanze als Ersatz für Nahrungs- und Arzneimittel, der Hunger und Schmerzen stillt.

Mit besonders großer Akribie hat der Autor die Herkunft der Namen des Präsidenten erkundet. So ist zu erfahren, dass Evo nicht etwa die männliche Form von Eva ist, sondern dass der Aymara-Junge die Vornamen Juan Evaristo erhalten hatte, dass daraus der Aymara-Phonetik entsprechend Iwu wurde, in der Grundschule allerdings der Name Ibo eingetragen wurde, aus dem, mutmaßlich auf Morales' eigene Initiative, schließlich das markante Evo wurde. Den fünf Generationen zurückzuverfolgenden spanischen Nachnamen Morales soll die Familie von einem Standesbeamten oder Schreiber gekauft haben, um ihre soziale Stellung zu heben. Der zweite, von der Mutter übernommene Nachname Aima sei aus dem Aymara-Wort "ayma" abgeleitet und bedeute "Tanz der Häuptlinge". Doch dann wird es gänzlich spekulativ. Ursprünglich, hat der Autor von einem "wertvollen Informanten" erfahren, habe die Familie Katari geheißen, wie Pedro Katari, der Anführer von Indio-Aufständen. Folglich müsse Evo Morales eigentlich Iwu Katari Aima heißen. Damit ist er endgültig in die Nähe der nationalen Helden gerückt.

Schon der junge Morales war ein "respektvoller, disziplinierter und pünktlicher Schüler", also ein ganz normaler Musterknabe. Bei der Beschreibung von Morales' Jugendjahren wie bei dem Versuch, seine politischen Anschauungen auszuloten, wird in der Biographie peinlich vermieden, ihn als Heißsporn oder als revolutionären Phantasten darzustellen. Die politische Gruppierung, die er aufgebaut hat, heißt zwar "Bewegung zum Sozialismus" (Mas), doch dies bedeute keineswegs, dass er für Volkseigentum und eine Diktatur des Proletariats eintrete. Evo Morales setze sich vielmehr für so vernünftige Prinzipien wie "Gleichheit" und die "Rückverteilung des Reichtums" ein. Als "plumpe Anschuldigungen" werden Mutmaßungen abgekanzelt, er sei eine Marionette in der Hand seines politischen Mentors, des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Das Verhältnis zwischen den beiden Politikern wäre allerdings einer ausführlicheren Darstellung wert gewesen. Chávez hat in Morales einen seiner gelehrigsten Adepten gefunden, und Morales verdankt Chávez nicht nur materielle Unterstützung in großem Umfang, er kann bei seinem Lehrmeister auch beobachten, wie man mit Gerissenheit und Chuzpe die persönliche Machtposition festigt.

Da Evo Morales heutzutage als eine der wenigen Politikerfiguren Lateinamerikas erscheint, die es mit ihrem Auftrag ehrlich meinen, werden ihm viele Ungeschicklichkeiten und Fehler in seiner Amtsführung nachgesehen. Man nimmt ihm ab, dass er von den Segnungen der Kokapflanze überzeugt ist und dass er ernsthaft glaubt, ein geregelter, also der Menschheit nützlicher Anbau der Pflanze lasse sich sauber von Rauschgiftproduktion und Drogenhandel trennen. Seine Vergangenheit als führender Kopf der Kokabauerngewerkschaft in der Region Chapare kann Morales nicht ablegen, er sieht keinen Interessenkonflikt darin, dass ihn die Kokabauern selbst dann noch einmal zu ihrem Anführer wählten, als er schon Präsident war.

Morales sammelt bei seinen Leuten Sympathiepunkte, wenn er sich immer einmal wieder darüber wundert, dass er überhaupt Präsident geworden ist. Seine unkonventionelle Art, sich zu kleiden, wird ihm nicht als Koketterie oder gar Snobismus ausgelegt. Damit folge er, so wird der Leser in der Biographie belehrt, der in seiner Volksgruppe verbreiteten Anschauung, wonach es Glück bringt, wenn man seinen ständig benutzten Sachen, die man liebgewonnen hat, treu bleibt. Dabei trägt er schon lange nicht mehr die "Chompa", den legendären gestreiften Acrylpullover, sondern eine mit traditionellen Indiomustern verzierte Edeljacke.

Immerhin versagt sich das Buch, das in einem fast wissenschaftlich-nüchternen, allerdings auch etwas betulichen, gelegentlich reportagehaften Stil geschrieben ist (die deutsche Übersetzung wirkt etwas hölzern, weil sie sich allzu sehr an die spanischen Wendungen klammert), Morales als keuschen Helden darzustellen, der nur mit seinem Präsidentenamt verheiratet ist. Es wird, wenn auch etwas verschämt, darauf verwiesen, dass er zwei Kinder hat und kein Kostverächter ist.

JOSEF OEHRLEIN

Muruchí Poma: "Evo Morales". Die Biographie. Aus dem Spanischen von Erik Engelhardt. Militzke Verlag, Leipzig 2007. 222 S., Farb- und S/W-Abb., geb., 29,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2007, Nr. 98 / Seite 45
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