http://www.faz.net/-gr3-y8lh

Walter Kohl: Leben oder gelebt werden : Ausstieg aus dem Phantomleben

Bild:

Beklemmend und fair: Walter Kohl, der Sohn Helmut Kohls, hat mit sehr viel Takt seine Leidens- und Befreiungsgeschichte geschrieben. In einer einzigartigen Mischung aus Autobiographie und Seelenführer legt er in seinem Buch die Karten auf den Tisch.

          Es gibt ein Kapitel in diesem Buch, auf das der Verlagslektor zunächst lieber verzichten wollte. „Vielleicht sollten wir das weglassen, damit verwirren Sie den Leser, Herr Kohl - so sein erster Rat.“ Doch der Autor bestand auf diesen Text, einem Kapitel, „das für mich von zentraler Bedeutung ist“. Es heißt „Opferland?!“ und liest sich in der Tat als ein Schlüsseltext zum Verständnis des ganzen Buches, einer einzigartigen Mischung aus Autobiographie und Seelenführer - einzigartig, weil dem Genre der psychologischen Lebenshilfe hier eine unbedingte, persönlich beglaubigte Autorität zuwächst. Diese Autorität wird vom Autor mit sehr viel Takt ausgeübt, mit einem Höchstmaß an Reflexion und Subjektivität.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das hat Folgen für die Lektürehaltung: Man fühlt sich auf keiner Seite in die Voyeursposition gedrängt. Man staunt, wie es dem Autor gelingt, zu seinem heiklen Stoff eine Position einzunehmen, die sich nichts Bitteres oder auch nur Verdruckstes erlaubt. Ja, man sieht sich als Leser mehr als einmal vor die Frage gestellt, womit man das Vertrauen verdient, diese Leidens- und Befreiungsgeschichte erzählt zu bekommen. Denn diese Geschichte ist im Laufe von Jahren offenkundig so gründlich durchgearbeitet worden, das sie nun nicht zur Abrechnung gerät. „Ich will ehrlich sein, aber nicht verletzend. Ich will die Karten auf den Tisch legen, aber nicht nachkarten.“ Das Buch trägt nicht auftrumpfend einen Generationenkonflikt aus, es ist kein nachholendes Attentat auf den übermächtigen Vater, keine Sammlung von Indiskretionen - es nimmt ruhig und kraftvoll in den Blick, was es für Walter Kohl bedeutete, sich lange Jahre nur als „Sohn vom Kohl“ zu wissen. Es ist, so schreibt der Autor, der letzte Schritt einer Ichwerdung.

          Falsche Erwartungen an den Vater

          „Durch das Schreiben begann ich, meinen langjährigen Irrtum zu akzeptieren, dass ich Ansprüche an meinen Vater anzumelden hätte. Heute glaube ich, dass es keinen anhaltenden Anspruch auf einen Vater gibt. Ein Kind kann sich einen Vater wünschen, doch es kann keine Ansprüche emotionaler Art einklagen. Hier ist das Leben grausam.“ Heute hat sich der Sohn mit der Szenerie seiner Kindheit versöhnt: mit dem physisch abwesenden oder auf Besuch in Oggersheim hereinschneienden, aber an den Belangen seines Sohnes kaum interessierten Vater. Man muss diese fast unheimliche Art der späten Abgeklärtheit, der therapeutischen Übererfüllung Walter Kohls mit eben dem Kapitel in Verbindung bringen, das über „Opferland“ handelt.

          Opferland ist eine Zone, in die der Autor partout nicht mehr zurückfallen will, „ein innerer Zustand der Selbstaufgabe. Man gibt sich selbst auf, indem man sich in die Rolle eines Opfers begibt, sich darauf zurückzieht, wie die Schildkröte sich in ihren Panzer verkriecht.“ Es ist ein gänzlich reaktives, passives Leben, nur scheinbar übersichtlich und geschützt, in Wirklichkeit „ein Hort des Unfriedens und der Knechtschaft, der Abhängigkeit, der Ohnmacht und der Fron. Vor jedes dieser schlimmen Worte sollte man eigentlich immer ein ,gefühlt' setzen. Denn Opferland befindet sich letztlich immer nur in unserem Innern, ausschließlich.“ Deshalb die Selbstanklage des Sohnes, mit falschen Erwartungen an seinen Vater durchs Leben gegangen zu sein. Es mögen die natürlichen Erwartungen eines Kindes an seinen Vater gewesen sein. Aber es hätten nicht die Erwartungen an einen Vater Helmut Kohl sein dürfen.

          Weitere Themen

          „Nur ein kleiner Gefallen“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Nur ein kleiner Gefallen“

          Paul Feig hat den amerikanischen Bestseller von Autorin Darcey Bell „Nur ein kleiner Gefallen“ verfilmt. Ab dem 8. November läuft der Thriller in den deutschen Kinos.

          Topmeldungen

          Amtliches Endergebnis : Grüne bleiben in Hessen zweitstärkste Kraft

          Drei Wochen nach der Landtagswahl in Hessen hat die Wahlleitung das Ergebnis im Grundsatz bestätigt. An der Sitzverteilung, nach der die amtierende schwarz-grüne Koalition eine knappe Mehrheit von einem Mandat hat, ändert sich nichts.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.