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: Von der Utopie zum Kannibalismus

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Der Flußinsel fehlte alles, was man zur Unterbringung so vieler Deportierter brauchte. Es gab niemanden, der die Schwachen vor den Kriminellen schützte. Wachen und Gauner errichteten ihr Schreckensregime. Ende der zwanziger Jahre, als die Getreideproduktion ins Stocken geriet und das ehrgeizige ...

          Der Flußinsel fehlte alles, was man zur Unterbringung so vieler Deportierter brauchte. Es gab niemanden, der die Schwachen vor den Kriminellen schützte. Wachen und Gauner errichteten ihr Schreckensregime. Ende der zwanziger Jahre, als die Getreideproduktion ins Stocken geriet und das ehrgeizige Industrialisierungsprogramm zu gefährden schien, beschloß die Parteiführung die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Parteiaktivisten, Jungkommunisten und bewaffnete Arbeiterbrigaden trieben die Bauern in die neugegründeten Kollektivwirtschaften. Wohlhabendere und Renitente wurden als "Kulaken" deportiert und am Rande der Zivilisation in "Sondersiedlungen" ausgesetzt. Die Maßnahmen erwiesen sich rasch als gigantischen Fehlschlag. Die erhoffte Produktionssteigerung blieb aus, auf den Dörfern grassierte der Hunger, Millionen flohen in die Städte. Unerträglich war vor allem die Lage in den "Sondersiedlungen", Hunderttausende kamen um, Hunderttausende flohen.

          Die Schwierigkeiten waren allgegenwärtig und die Vorboten jener Hungerkatastrophe, der schließlich fünf bis acht Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten, schon deutlich sichtbar. Da faßte die politische Führung im Winter 1932/33 einen neuen "grandiosen" Plan: Er sah die "Säuberung" der Städte von "kulakischen", "parasitären" und "sozial gefährlichen" Elementen vor. Vom Chef der Geheimpolizei und vom Leiter der Lagerverwaltung entworfen und von Stalin für "gut" befunden, ergänzte er die gleichzeitige Einführung von obligatorischen Inlandspässen und sollte obendrein zur Entlastung der überfüllten Gefängnisse beitragen. "Kulaken", die in Betrieben oder auf Baustellen Unterschlupf gefunden hatten, Personen, die ohne die neuen Papiere aufgegriffen wurden, Bettler, Landstreicher, Straßenkinder, Schieber, Spekulanten, Kleinkriminelle und Gewohnheitsverbrecher waren laut Plan nach Westsibirien und Kasachstan zu verbringen, in "Sondersiedlungen" ansässig zu machen und zur wirtschaftlichen Erschließung dieser Randregionen zu nutzen. Die dafür eingesetzten Ressourcen würden sich rasch bezahlt machen.

          Noch bevor nötige Transitlager in Westsibirien auch nur errichtet waren, karrten die Güterzüge bereits Hunderte, Tausende, Zehntausende an, die die Miliz aufgegriffen hatte und die Städte und Regionen loswerden wollten. Jeden zweiten, dritten Tag kam ein neuer Transport: Sowjetbürger, die das Pech hatten, ohne Ausweis oder die "richtigen" Papiere unterwegs zu sein; Personen, die im Ruf standen, "Ehemalige" (Hauseigentümer, Beamte, Kleingewerbetreibende) zu sein; Mittellose, Alte und Invalide, selbst Hochbetagte, Blinde und Taubstumme waren dabei; und ein hoher Prozentsatz von Kriminellen. Häufig fehlten selbst Namenslisten, meist Begleitdokumente mit Angaben über die Gründe der Deportation; von 6500 Personen, die fünf Züge aus Schwarzmeer- und Kaukasusbädern nach Tomsk ins Transitlager brachten, wurden nach einer ersten Überprüfung über die Hälfte hier wieder freigelassen (allerdings ohne die Erlaubnis, zurückzukehren oder sich in Städten mit Sonderstatus wie Moskau, Leningrad, Kiew, Charkow, Minsk und Odessa niederzulassen). Da die Deportierten nur besaßen, was sie zur Zeit der Festnahme auf der Haut hatten, kamen viele nur mit dürftiger Kleidung, ohne das nötige Schuhwerk in Sibirien an. Da die unterwegs ausgegebenen Brotrationen nie reichten, verließ ein Viertel den Zug in Tomsk bereits äußerst geschwächt, ja "krank".

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