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: Von David Hume ließ er sich nicht die Butter vom Brot nehmen

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Zwischen 1760 und 1770 erschienen in Deutschland zahlreiche Schriften über die "Nutzbarkeit" alter religiöser Institutionen. Fromme Katholiken verteidigten den "Nutzen" der kirchlichen Orden, und protestantische Aufklärer wollten in modernen Begriffen den "Vortheil der Religion" für das Gemeinwesen verdeutlichen.

          Zwischen 1760 und 1770 erschienen in Deutschland zahlreiche Schriften über die "Nutzbarkeit" alter religiöser Institutionen. Fromme Katholiken verteidigten den "Nutzen" der kirchlichen Orden, und protestantische Aufklärer wollten in modernen Begriffen den "Vortheil der Religion" für das Gemeinwesen verdeutlichen. Den neuen Diskurs über die "Religionscultur" bereicherte der Berliner Aufklärungstheologe Johann Joachim Spalding 1772 mit einer Studie "Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung".

          Schon nach wenigen Monaten wurde eine "zweyte vermehrte Auflage" nötig, 1791 eine "neuvermehrte" dritte Auflage. In einer vorzüglich gearbeiteten kommentierten Edition läßt sich der zentrale Text zu Berufsrolle und Selbstverständnis der aufgeklärten protestantischen Theologenelite endlich wieder lesen. Der Text der zweiten Auflage wird mit den Varianten der beiden anderen Auflagen übersichtlich dargeboten. Die philologische Sorgfalt des Editors verdient höchstes Lob. Allein das von Dennis Prause erstellte differenzierte Sachregister umfaßt 93 Seiten!

          Spalding war durch Übersetzungen aus dem Englischen bekannt geworden. Er studierte sowohl die religionskritischen Hauptwerke der Deisten als auch die Gegenschriften antideistischer theologischer Aufklärer, die die Erleuchtung des Intellekts mit Herzensfrömmigkeit verbinden wollten. 1756 übersetzte Spalding das Hauptwerk dieser frommen Aufklärung, Joseph Butlers "The Analogy of Religion, Natural and Revealed, to the Constitution and Course of Nature". Der Analogiegedanke hatte Butler dazu gedient, das Recht von Vernunft und Natur anzuerkennen, ohne den Glauben an einen guten Gott preiszugeben. Spaldings Schrift zur "Nutzbarkeit des Predigtamtes" knüpft an diese moderat kritische anglikanische Aufklärung an. Der Berliner Theologe suchte seine "Profession" gegen die Angriffe David Humes zu verteidigen. Der "brittische Skeptiker" hatte viele religiöse Lehren und Riten auf betrügerische Absichten der Priester zurückzuführen versucht.

          Der deutsche Aufklärer stimmte ihm in der kritischen Wahrnehmung der Klerisei zunächst bei. "Daß ein Geist des Stolzes, der Heucheley, des Despotismus über die Gemüther, des partheyischen Zusammenhaltens über gemeinschaftliche Vortheile und Vorrechte, bey so vielen, welche die Religion lehren, geherrschet habe, das kann einmahl nicht geläugnet werden." Humes generelle Gleichsetzung von Religion mit Aberglauben wies Spalding jedoch zurück.

          Den "Nutzen" der Religion erläuterte Spalding zunächst in ethischen Begriffen. Ohne humane Religion könne es keine "gesellschaftliche Tugend" geben. Religionstheorie und Tugendethik werden eng verknüpft. "Die Religion ist Tugend um Gottes Willen; rechtschaffene Gesinnung und rechtschaffenes Verhalten aus der Erkenntniß unserer Abhängigkeit von Gott, seiner Regierung, seiner Wohlthaten und seiner Vergeltung." Spaldings ideale Lehrer der Religion nehmen ein Amt wahr, das über seine rein kirchliche Bestimmung hinaus auf das Gemeinwesen bezogen ist. Als "die eigentlichen Depositairs der öffentlichen Moralität" sollen die Prediger das Gemeinwohl fördern. Dazu bedarf es neben theologischer Gelehrsamkeit einer umfassenden Bildung. Spalding verstand die "Religionslehrer" als einfühlsame Berater in individuellen Konfliktlagen, die den ihnen anvertrauten Menschen Wege zum "Seelenwohl" weisen. Auch sollen sie um der Jugend willen in den Schulen Verantwortung übernehmen.

          Zur besseren, effektiveren Verkündigung empfahl Spalding seinen Amtsbrüdern, sich in den Predigten auf das Wesentliche, die befreiende Erlösung von angstmachender Sünde, zu konzentrieren. Rein "theoretische Religionslehren" wie das Trinitätsdogma sollten hinter die "redliche Liebe zu Gott und zum Guten" zurücktreten. Es ging Spalding um Umkehr, Buße und Demut oder, in den Begriffen der aufgeklärten Seelenkunde, um eine "Reinigung" und "Besserung der Seele", die durch ihre "Richtung auf Gott" erreicht werde. "Gottseligkeit" wurde als "Zuversicht und Freudigkeit der Seele" ausgelegt. Mit seiner Sicht des Predigtamtes übte Spalding einen starken Einfluß auf Generationen protestantischer Pfarrer aus. Goethe und Jakob Michael Reinhold Lenz modellierten ihre "Landprediger" nach Spaldings Vorbild. Der große Erfolg provozierte jedoch auch Kritik. Der junge Herder schrieb 1774 "An Prediger. Funfzehn Provinzialblätter", um die "menschliche und christliche Bildung" von plattem bürgerlichem Nutzen und trivialer Sozialmoral zu unterscheiden.

          Der Vorwurf, daß Spalding Religion nur funktional, von ihrem moralischen Nutzen für den einzelnen und das Gemeinwesen her bestimmt habe, greift jedoch zu kurz. Dank seiner intimen Kenntnis der britischen Religionsdiskurse wußte Spalding, daß die Religion in dem Nutzen nicht aufgeht, der ihr im Medium ethischer Reflexion zuerkannt wird. Die Rede vom Nutzen bleibt gelebter Religion immer auch äußerlich. Doch ist sie unverzichtbar, soll Religiöses diskursiv transparent gemacht werden. Selbst Herder sah sich in seinem "Anti-Spalding" schließlich dazu genötigt, den christlichen Glauben mit Blick auf den "Nutzen der Menschheit" zu bestimmen.

          FRIEDRICH WILHELM GRAF.

          Johann Joachim Spalding: "Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung (11772, 21773, 31791)". Hrsg. von Tobias Jersak. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Albrecht Beutel. Erste Abteilung, Band 3. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2002. 392 S., geb., 99,- [Euro].

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