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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Volksgemeinschafter mit Pensionärsallüren

 ·  Wolfram Pyta stellt den seit 1914 mythisch verklärten Paul von Hindenburg mit Charismatikern wie Bismarck und Hitler auf eine Stufe / Von Manfred Kittel

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Als Reichspräsident Paul von Hindenburg im Januar 1933 Adolf Hitler das Kanzleramt anvertraute, da handelte kein seniler Greis, der nur den Einflüsterungen einer reaktionären Kamarilla folgte. Zwar hatte der passionierte Waidmann im Vorjahr mit Rücksicht auf die nachlassenden körperlichen Kräfte erstmals auf die geliebte Gamsjagd im bayerischen Hochgebirge verzichten müssen, doch seine geistige Frische blieb "bis fast zum Schluss völlig ungetrübt". Der 85 Jahre alte Hindenburg wusste also sehr genau, was er tat: Nicht "durch Gerüchte, falsche Nachrichten oder sinistre Intrigen" ist die Berufung Hitlers herbeigeführt worden, sondern - so der Befund Wolfram Pytas - weil sie der "Gesamtanlage" der ureigensten Politik des Generalfeldmarschalls entsprach: der Wiederbelebung des "Geistes von 1914", jener in den Schützengräben des Weltkrieges vermeintlich Gestalt gewordenen "Volksgemeinschaft", wie sie Kaiser Wilhelm in dem Aufruf "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" im Sommer 1914 beschworen hatte und wie sie Hindenburg 1933 nur unter Einbindung der Nationalsozialisten - als der mit Abstand stärksten politischen Kraft - herstellbar schien.

Auf das "Augusterlebnis" nationaler Einigkeit hatte Hindenburg wieder und wieder Bezug genommen, nicht zuletzt in seiner "Osterbotschaft" 1925, als er erstmals für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte. Dabei war sein Verständnis von "Volksgemeinschaft" dezidiert antipluralistisch und höchst skeptisch gegenüber jedweder parlamentarischen Bildung des Volkswillens. Dennoch machte der tiefreligiöse Protestant, der beim Amtseid auf die Weimarer Republik gleich zweimal den lieben Gott beschworen hatte, seinem Krisenkanzler Heinrich Brüning im März 1930 von Anfang an eines unmissverständlich klar: Er würde "keine schrankenlose und verfassungsmäßig unzulässige Ausweitung seiner präsidialen Vollmachten mittragen". Vielmehr schien der Vorsitzende der katholischen Zentrumsfraktion - im Kriege Kompanieführer einer Scharfschützeneinheit und dann Funktionär der christlich-nationalen Arbeiterbewegung - für Hindenburg der richtige Mann, um von der Mitte bis zur gemäßigten Rechten das Fundament für die erstrebte "Volksgemeinschaft" zu legen.

Um zu erklären, weshalb der Reichspräsident am 30. Mai 1932 Brüning wieder entließ und schließlich sogar einen Hitler ernannte, bedient sich Pyta des bekannten Konzeptes der charismatischen Herrschaft. Max Webers Ansatz wird von ihm allerdings kultursoziologisch erweitert: Weniger auf die "Aura eines Genies" ist Pytas modifizierter Charisma-Begriff ausgerichtet als auf "eine dialogische Struktur der Beziehungen" zwischen Führer und Gefolgschaft. Der seit der Schlacht von Tannenberg und der "Rettung Ostpreußens" 1914 mythisch verklärte General habe tief in der politischen Kultur Deutschlands verwurzelte Grundannahmen "in seiner Person symbolisch fassbar" gemacht. Noch im Ersten Weltkrieg, spätestens seit seiner Ernennung zum Chef der Obersten Heeresleitung 1916, konnte Hindenburg danach die "herausragende Stellung eines symbolischen Monopolisten des Projekts Nation" gewinnen, weil im relativ jungen Kaiserreich noch kein etabliertes nationales Symbolangebot zur Verfügung stand.

So vermochte mit Hindenburg eine Führungsgestalt in diese Funktion einzurücken, "deren Altersweisheit sich im Vergleich zu der vom Kaiser verbreiteten hektischen Betriebsamkeit als großer Vorzug erwies". Wie sehr die Kraft der Mythen dabei auch auf der Visualisierung beruhte, lässt sich an Hindenburg beispielhaft zeigen. Bilder seines markanten Schädels, millionenfach reproduziert, fanden bald schichten- und konfessionsübergreifend Eingang in fast jedes Haus - von den Mietskasernen der Industriearbeiter über bürgerliche Salons bis in süddeutsch-katholische Bauernstuben, wo Hindenburg "auf gleicher Augenhöhe mit den Heiligen" hing. Der aus seinem Nimbus resultierenden Herrschaftsressourcen (als Integrationsfigur der "Volksgemeinschaft"), so die zentrale These Pytas, sei sich Hindenburg derart bewusst gewesen, dass er zum "obersten Wächter" seines eigenen Mythos wurde. Dieses Interesse habe sogar sein Handeln ab 1925 so sehr überlagert, "dass er die Möglichkeiten des Reichspräsidentenamtes nicht ausschöpfte", weil die im politischen Tageskampf unweigerlich erlittenen Blessuren "dem Mythos abträglich waren". Auch die "freiwillige Abdankung" zugunsten Hitlers am 30. Januar 1933 wird vor diesem Hintergrund erklärt; schien der Führer der NSDAP doch mit dem nach Neuwahlen angestrebten, prinzipiell systemkonformen Ermächtigungsgesetz eine erfolgversprechende Option zu verfolgen, die Hindenburg ein Zurücknehmen seiner Präsidialgewalt ermöglichte.

Wie sehr die legale Autorität die charismatischen Wurzeln seiner Herrschaft angegriffen hatte, konnte Hindenburg seit den Kämpfen um den Young-Plan 1929/30 immer deutlicher sehen, als die nationalistische Rechte sein - vernünftiges - Plazet zu einer Neuregelung der Reparationsfrage erbittert attackierte. Nach der ebenfalls schwer umkämpften und zwei Wahlgänge erfordernden Wiederwahl des Reichspräsidenten gegen den NSDAP-Kandidaten Hitler im April 1932 waren die Tage der Kanzlerschaft Brünings gezählt. Ihm kreidete der Reichspräsident nicht nur das Wahlergebnis an. Hinzu kam, dass Hindenburg jetzt mit Macht darauf drängte, in seiner preußischen Heimat ein Modell für die auch auf Reichsebene angestrebte Zusammenarbeit aller "nationalen Kräfte" vom Zentrum bis zur NSDAP zu etablieren; Brüning war dazu aber nur grundsätzlich, nicht um den Preis irreversibler machtpolitischer Konzessionen an die nationalsozialistische Bewegung bereit.

Des "mythenverbrauchenden" Regierens mit präsidialen Notverordnungen ohnehin längst überdrüssig, stand Hindenburgs Entscheidung, sich von Brüning so bald wie möglich zu trennen, schon fest, bevor er im Mai 1932 zu dem bis heute legendenumwobenen Aufenthalt in sein westpreußisches Gut Neudeck aufbrach. Von jenen, die vom preußisch-deutschen Osten und seinen "Junkern" mitunter recht undifferenziert alles Übel der Universalgeschichte ausgehen sehen, werden in diesem Zusammenhang besonders die "ostpreußischen Großgrundbesitzer" verdächtigt. Sie hätten den Reichspräsidenten entscheidend beeinflusst. Pyta argumentiert dagegen und kann den Stellenwert der Brüningschen Ostsiedlungspläne ebenso relativieren wie den "des politisch bedeutungslosen Haussohnes" Oskar von Hindenburg. Staatssekretär Otto Meißner, Mitglied der liberalen DDP, an dem Hindenburg 1925 entgegen deutschnationalem Drängen festgehalten hatte, achtete peinlich genau darauf, nicht durch eigenständiges politisches Agieren seinen Kredit bei Hindenburg zu verspielen. Das schon von Werner Maser und Harald Zaun in Zweifel gezogene Bild eines Hindenburg, der nur "Wachs" in den Händen seiner Berater gewesen sei, wird man nach Pyta noch weniger vertreten können. Dafür liefert er zu viele Gegenbeweise - auch wenn ihm der Zugang zu dem im Familienbesitz befindlichen Hindenburg-Nachlass leider verwehrt blieb.

Demgegenüber wirft die Generalthese von einer charismatischen Herrschaft Hindenburgs, gleichsam als fehlendes Glied zwischen den Charismatikern Bismarck und Hitler, doch Fragen auf - und zwar gerade auf der imponierend breiten Materialgrundlage der Studie. Das Zögern Hindenburgs, 1920 als Kandidat für eine kurzzeitig erwogene Volkswahl des Reichspräsidenten zur Verfügung zu stehen, kommentiert Pyta mit den Worten: "Hindenburg wollte herrschen, ohne zu regieren." Doch bedarf nicht auch der charismatische Herrscher eines stärkeren Willens zur Macht, wie er indes gerade dem Privatier Hindenburg zwischen 1920 und 1925 so sehr fehlte? Dass in ihm ein "Vulkan" mit politischem Gestaltungsanspruch loderte, will einem nicht ganz einleuchten, wo man doch so viel über das ausgeprägte Phlegma dieses Mannes zu lesen bekommt, von dem die Geschichte ohne sein (höchst zufälliges) Generalkommando an der Ostfront 1914 "wohl keinerlei Notiz genommen" hätte.

Was ist das für ein Herrscher, der schon auf die Kandidatur 1925 "nicht zielgerichtet hingearbeitet hatte", der dann als Reichspräsident an vielen Gewohnheiten seines Pensionärsdaseins festhielt, unglaublich lange schlief und spazieren ging, an den Wochenenden am liebsten von Berlin zur Jagd nach der Schorfheide floh und so wenig Zeit für die Arbeit an seiner - im Übrigen ziemlich schlichten - Vision einer "Volksgemeinschaft" erübrigen mochte? War der bereits 1931 so amtsmüde Hindenburg nicht ganz einfach an seinem Nachruhm, an seinem "historischen Ansehen" interessiert statt an der Bewahrung seines Mythos zu aktiven politischen Zwecken? Lässt sich das Leben eines politisch handelnden Menschen in all seinen üblichen Widersprüchen und in all seinen - vom Verfasser zu Recht bekräftigten - "offenen Entscheidungssituationen" tatsächlich auf den einen Nenner einer großen Generalthese bringen?

Dem selbstformulierten Anspruch, Politik- und Kulturgeschichte fruchtbar zu verbinden, ist Pyta merklich besser gerecht geworden als kulturalistische Brauseköpfe vor ihm. Mit seiner höchst lesenswerten Studie trägt Pyta dazu bei, neues Interesse auf die nach wie vor "bohrende Frage" nach dem Ende der ersten deutschen Demokratie zu lenken und das alte Desiderat einer großen, quellengestützten Hindenburg-Biographie zu füllen.

Wolfram Pyta: "Hindenburg". Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler Verlag, München 2007. 1101 S., 49,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007, Nr. 235 / Seite L38
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