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Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung : Fürs Lob des unbefangenen Begehrens ist es noch zu früh

Bild: Verlag

Eine eindrucksvolle Pionierleistung, Frucht jahrzehntelangen Sammelns: Volkmar Sigusch und Günter Grau haben ein Personenlexikon der Sexualforschung herausgegeben.

          Man kann das "Personenlexikon der Sexualforschung", das Volkmar Sigusch und Günter Grau herausgeben, als die biographische Auffächerung der ein Jahr zuvor von Sigusch verfassten "Geschichte der Sexualwissenschaft" lesen. Viele der Sexualforscher, die im Personenlexikon abgehandelt werden, sind uns schon in Sigusch' Geschichtsbuch begegnet - dort freilich in den sachlichen Zusammenhängen, die die Chronologie der Sexualwissenschaft vorgibt, von den Anfängen bei Heinrich Kaans "Psychopathia sexualis" über Max Marcuse als Organisator der neuen Disziplin bis hin zu einem Resümee über die Sexualwissenschaft in der DDR. Die systematische Zunftkritik, die Sigusch in seiner Geschichte der Sexualwissenschaft übt, kommt in den biographischen Artikeln des Personenlexikons notgedrungen etwas unter die Räder. Es ist schade, dass das Vorwort des letzteren nicht ehrgeiziger ausgefallen ist, insofern es dem Leser keinen besseren Eindruck von Sigusch' umsichtiger wissenschaftshistorischer Einordnung der Sexualforschung gibt. So kann man nur empfehlen, das eine Buch nicht ohne das andere zu lesen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ohne Umschweife gibt Sigusch in der Geschichte der Sexualwissenschaft den Ton für das Personenlexikon vor: "Deutsche Sexualwissenschaft kann nur kritisch sein, wenn sie auf der Frage insistiert, welches Denken und Handeln die Verbrechen der Nazis vorbereitet hat. Fragt sie anders, verführt sie sich selbst dazu, der Sexualwissenschaft insgesamt eine weiße Weste anzuziehen, die ihr nicht zusteht. Die Nazis haben die bekannten Sexualforscherinnen und Sexualforscher aus dem Land getrieben, verhöhnt und geächtet. Affirmative Sexualwissenschaft kann es sich also ganz leicht machen: niemand habe Goebbels gedient. Kritische Sexualwissenschaft dagegen legt sich die Frage vor, warum bei einigen Sexuologen von ,menschlichem Unkraut', ,minderwertigen Rassen' und ,Ausmerze' die Rede ist, bei anderen aber, beispielsweise Freud, nicht."

          Fraglos ist das Personenlexikon eine eindrucksvolle Pionierleistung, ein Standardwerk, Frucht jahrzehntelangen Forschens in Bibliotheken und Archiven. Es führt international in Leben und Werk von 199 Protagonisten der Schnittstellendisziplin Sexualwissenschaft ein, von Neurologen über Psychologen, Soziologen und Juristen bis zu philosophischen Literaten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (die Frauenrechtlerin Helene Stöcker und andere) ist das Personenlexikon der Sexualforschung ein Männerlexikon.

          Die Strategie der „Normopathen“

          Wiewohl er Christina von Brauns Frage nach der "jüdischen Wissenschaft" als unsinnig zurückweist, ist Sigusch doch an einer Darlegung der "handfesten Gründe" gelegen, "die Juden vor der Nazi-Zeit zur Sexualwissenschaft brachten". Als Diffamierte und Verfolgte sei das berufliche Fortkommen "für einen Juden, der Medizin studiert hatte, am ehesten in den ,schmutzigen', ,obszönen' und ,irrationalen' Fächern möglich" gewesen. Darunter fielen insbesondere die Haut- und Geschlechtskrankheiten - Dermatologie und Venerologie -, die Psychoanalyse und die Sexualwissenschaft, weniger die Gynäkologie und Urologie. "Die Normopathen", schreibt Sigusch in seinem Geschichtsbuch, "sorgten auf diese Weise direkt und vor der Nazi-Diktatur wohl überwiegend indirekt dafür, dass die, die ihnen ohnehin als sexualistisch und verweiblicht und schmutzig galten, von den ,sauberen', ,anständigen' und ,männlichen' Fächern ferngehalten wurden."

          So ergibt sich ein Bild, wonach beinahe sämtliche Sexualforscher, die auf die allerersten Pioniere wie Paolo Mantegazza, Karl Heinrich Ulrichs und Richard von Krafft-Ebing folgten und seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die neue Betrachtungsweise als eigenständiger Disziplin zu etablieren suchten, "aus einer jüdischen Familie (stammten), in der Regel, ohne im engeren Sinne religiös zu sein". Dazu zählen Namen wie Albert Moll, Albert Eulenberg, Sigmund Freud, Iwan Bloch, Magnus Hirschfeld, Wilhelm Reich oder Max Marcuse.

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