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Volker Rieble: Das Wissenschaftsplagiat : Frei wandern die Zitate durch die Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Klostermann

Warum Abschreiben immer noch Schule macht: Volker Rieble fordert strengere Regeln im Umgang mit Plagiaten in der Wissenschaft.

          Wer als Forscher mit Kollegen über Wissenschaftsplagiate diskutiert, macht zumeist eine dreifache Beschwichtigungserfahrung: Die Standards korrekten Verhaltens seien doch klar, heißt es da, die Fälle der Normübertretung selten und die wissenschaftsinternen Abhilfen ebenso effektiv wie ausreichend, um den gelegentlichen Missständen entgegenzutreten. Das muntere „weiter so!“, das damit erschallt, überblendet die milde Optik aufs eigene Fach (oder das System) mit der Abwehr drängender Forderungen. Die interne Ethikkommission wird’s schon richten.

          Konsequent, aber befremdlich ist das daraus folgende Beschweigen von konkreten Fällen. Hier geben sich die Akteure der Wissenschaft zurückhaltend, sie wollen Publizität, Skandalisierungen und Ausgrenzungen vermeiden. Freilich lehrt der Blick auf gerade diese Fälle, wie ineffektiv die wissenschaftsinternen Verfahren und Sanktionen sind, wenn es zum Konflikt kommt. Bei Volker Rieble kann man im Detail nachlesen, wie wenig Opfer geschützt, wie uninteressiert Institutionen bisweilen und wie zählebig die Falschzuschreibungen von Autorschaft gerade im IT-Zeitalter sind. Das kleine, aber gehaltvolle Büchlein des Münchner Zivilrechtlers könnte ob seinem Willen zur Zuspitzung eine Streitschrift genannt werden, wäre es nicht so profund recherchiert und so systematisch in seiner Beweisführung.

          Vorführung der Abschreiber

          Riebles Argumentation ist im Ton sachlich bis elegant, in der inhaltlichen Stoßrichtung aber geradezu aggressiv gegen den Status quo. Um die Mängel zu zeigen, weicht er bereits im Stil von den üblichen Traktaten über Wissenschaftsplagiate ab. Denn statt nur abstrakte Fälle mit depersonalisierten Protagonisten zu benennen („eine promovierte Psychologin aus einer süddeutschen Universitätsstadt“), werden bei ihm die Abschreiber namentlich vorgeführt. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass die Plagiatoren durch ihre Taten selbst die Öffentlichkeit gesucht und getäuscht haben, nun sei es daher billig, für Ausgleich zu sorgen – abschreckende Nebenwirkungen inbegriffen.

          Schon die Nennung von Ross und Reiter in einer Fülle von ziemlich dreisten und bisweilen sogar kriminellen Fällen verleiht dem Buch einen Unterhaltungswert. Rieble strebt nach Typologien; er identifiziert nicht nur die üblichen „Klein-“ und „Kollegenplagiate“, sondern er findet beinahe auch ein „Kettenplagiat“. Er macht einen „Zitatweiterfresser-Schaden“ aus, manchem Täter attestiert er spöttisch eine gewisse „Plagiierungsvarianz“. Und beim „Zeitnotplagiat“ meint man zwischen den Zeilen ein gewisses menschliches Verständnis des sonst strengen Autors zu lesen. Die Fälle sind alle so klar, dass man gar nicht ins Grübeln kommt, wo quantitativ das Plagiat beginnt, und Rieble ist zu sehr Traditionalist, um sich auf Diskussionen über das Verschwinden des Autors und „Remix“ ernsthaft einzulassen.

          Dem Autor geht es nicht um eine erheiternde Fallsammlung neuerer Verfehlungen und trübe Ausblicke in eine digitale Zukunft, in denen die informationelle Verfügbarkeit vermutlich die technischen Schleusen öffnet. Den Vorwurf des Systemversagens, den er im Kern erhebt, begründet erst sein scharfer Blick auf die Summe vieler Details. Als Jurist macht er sich auf die Suche nach bestehenden Rechtsnormen, findet allerlei zwischen den Hochschulgesetzen der Länder und universitären Satzungen, dazu kommen urheberrechtliche Bestimmungen sowie schließlich auch die (Verlags-)Verträge oder authentifizierenden Erklärungen, die Autoren unterschrieben haben.

          Persönliche Verantwortung der Wissenschaftler

          Doch selbst die bestehenden Vorschriften, seien sie so scharf formuliert wie die nordrhein-westfälischen Regelungen für Hochschulprüfungen, helfen nicht weiter, wenn die Verantwortlichen kein Interesse am Normvollzug haben. Und gerade hier sind die Belegstücke Riebles bedrückend. Warum das so ist, wäre eine interessante wissenschafts- oder rechtssoziologische Frage. Rieble vermutet „falsch verstandene Solidarität“ etwa unter den Juristen, lässt sich aber nicht weiter auf die Frage ein. So bleibt die Frage der persönlichen Verantwortung des Wissenschaftlers, die teils eine ethische, teils eine rechtliche ist, hinter der fundamentalen Kritik am System zurück.

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