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: Völlig aus dem Reim gegangen

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Wer ihn kennt, hat es sich ja denken können: Wenn der Publizist und Schriftsteller Fritz J. Raddatz einmal seine Memoiren schriebe, würden in den Feuilletons die Fetzen fliegen. Und so ist es denn auch gekommen. Noch bevor das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stand in der "Zeit", deren Feuilletonchef ...

          Wer ihn kennt, hat es sich ja denken können: Wenn der Publizist und Schriftsteller Fritz J. Raddatz einmal seine Memoiren schriebe, würden in den Feuilletons die Fetzen fliegen. Und so ist es denn auch gekommen. Noch bevor das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stand in der "Zeit", deren Feuilletonchef Raddatz von 1977 bis 1985 gewesen ist, eine herbe Zurechtweisung von Theo Sommer, der ihm vorwarf, die Beschimpfungen seiner früheren Mitstreiter gerieten zur "unfreiwilligen Selbstbespiegelung".

          Unfreiwillig nun gerade nicht. Das alles hat der "Unruhestifter" - so der Titel seines Buchs - schon sehr bewußt, wenn auch sehr rücksichtslos und rückhaltlos, aufgeschrieben; denn Raddatz setzt ein mit einem Motto aus Jean-Jacques Rousseaus "Bekenntnissen": "Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein." Rousseaus rückhaltlos ehrliche Bekenntnisse und Selbstanalysen sollten der Welt den Menschen als für alle anderen erkenntnisfähiges Grundmuster vorführen - und gerieten dann doch zur baren Selbstdarstellung, einer Mischung aus Klage und Anklage, hergestellt aus verzeichneter Wirklichkeit und ungerechten Urteilen. Rousseau stellte sich dar als das mißgeleitete Produkt einer schlechten Welt.

          Fritz J. Raddatz' Erinnerungen beginnen, was die eigene Rolle im Weltganzen betrifft, relativ zurückhaltend, auch wenn er gleich auf der zweiten Seite anmerkt: "Auf mich hat sich nie etwas gereimt. Die deutsche Sprache kennt keinen Reim auf Mensch." Aber auf viele andere macht er sich seine Reime, auf Siegfried Lenz, Helmut Schmidt und Günter Grass, Rolf Hochhuth, Hans Mayer und Willy Brandt, Erich Kästner, George Tabori und Hans Magnus Enzensberger, auf García Márquez, Henry Miller und die Knef, Rudolf Augstein, Ernst Rowohlt und Walter Höllerer, Hrdlicka und Paul Wunderlich, Wapnewski und Joachim Kaiser, Inge Feltrinelli, Updike, Ledig-Rowohlt, Kempowski, Johnson, Baumgart - sie alle und noch viel mehr spielen in diesen Erinnerungen ihre Rollen, und in ihnen spiegelt er sich. Und damit wir auch sehen können, in welch illustren Kreisen er sich sein Leben lang bewegt hat, finden wir sie alle, jeweils abgebildet mit Raddatz, vorn und hinten in den Klappen des Buchs.

          Diese Erinnerungen beginnen einigermaßen moderat, zeichnen bei aller Subjektivität eine objektiv erkennbare Realität: Sie entwerfen ein farbiges Panorama von der sich entwurzelnden Kriegs- und einer turbulenten Nachkriegszeit (man erkennt manche gewagten Bilder wieder aus Raddatz' Erzählung "Kuhauge") und erzählen interessant auch die Erfahrungen in den zehn Jahren von 1948 bis 1958 in der DDR, die Raddatz ab 1953 als stellvertretender Cheflektor des Verlags Volk und Welt gemacht hat, samt allen Kämpfen und Intrigen - bis hin zum Verrat des Wolfgang Harich an dem auch in der DDR unbequemen Unruhestifter Raddatz, der 1957 in sein Tagebuch schrieb: "Alles, was mit Kunst oder Literatur zu tun hat, ist in einem Chaos der Unkultur untergegangen. (...) Ich sprach gegen eine Wand - hinter der das Magnetophon stand. Immerhin hat man sich genauso scharf, wie ich es war, entblößen müssen: Wir wollen nicht Qualität, wir wollen Parteilichkeit."

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