Home
http://www.faz.net/-gr6-6li1s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Viktor Mayer-Schönberger: Delete Der Speicherplatz ist viel zu billig

Viktor Mayer-Schönberger überlegt, wie sich dem totalen digitalen Gedächtnis das Vergessen abringen lässt. Eine Patentläsung gibt es nicht, aber viele gute Ansätze.

© Berlin University Press Vergrößern

Vergessen ist lästig, manchmal auch peinlich. Nicht zu vergessen ist jedoch ein echtes Handicap. „Da sind all diese Weggabelungen, Momente, in denen man sich entscheiden muss - und zehn Jahre später grübele ich immer noch darüber nach, ob ich richtig gewählt habe“: A. J. hat ein beinahe vollkommenes Gedächtnis, es ist eine Bürde, keine Begabung.

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Vergessen normal und das Erinnern, Speichern und Weitergeben von Informationen teuer und deshalb beschränkt. Geschichten mussten auswendig gelernt, Bücher abgeschrieben, Bilder gemalt werden: so blieben nur wenige kostbare Ausschnitte der Vergangenheit erhalten. Im digitalen Zeitalter hat sich das Verhältnis nun umgekehrt, schreibt der Jurist, Programmierer und Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger. Speichern ist billig, auswählen und löschen dagegen zeitaufwendig und teuer geworden. Die Standardeinstellung der Gesellschaft lautet deshalb: alles merken! Google wirbt damit, der Kunde müsse nie wieder eine E-Mail löschen, Yahoo stellt gleich unbegrenzten Speicherplatz zur Verfügung.

Zur Rettung des Vergessen-dürfens

Damit tilgen wir einen der grundlegendsten Verhaltensmechanismen der Menschheit aus unserer täglichen Praxis. Mayer-Schönberger erzählt die Geschichte des Speicherns und Vergessens nach, reflektiert die Folgen des von keinem Rauschen verzerrten Erinnerns und macht Vorschläge, wie das Vergessen zu retten sei. Denn dass es gerettet werden muss, steht für den Autor außer Frage.

Da ist die fertig ausgebildete Lehrerin, die nicht eingestellt wird, weil sie ein albernes Foto, betitelt „Betrunkene Piratin“, von sich ins Internet gestellt hat, da ist der Psychotherapeut, der nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen darf, weil er in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erwähnt hatte, einmal LSD probiert zu haben. Der Mausklick eines Grenzbeamten oder Arbeitgebers holt Ereignisse in die Gegenwart, die eine analoge Gesellschaft längst vergessen oder nie gefunden hätte und die für das Leben des Einzelnen vielleicht längst keine Rolle mehr spielen. Menschen verändern sich, ihre Vorlieben, ihre Meinungen, doch im Netz sind sie zeitlos und kontextfrei dokumentiert.

Das digitale Gedächtnis führt zur Selbstzensur

Doch es ist immer noch unsere Entscheidung, in welcher Welt wir leben wollen, erinnert der Autor, die Technik kommt nicht einfach so über uns. Wollen wir eine Welt, in der Schüler nicht mehr frei für ihre Schülerzeitung schreiben können, weil Jahrzehnte später ein Personalchef oder, schlimmer noch, eine totalitäre Regierung jeden Satz nachlesen kann? Wollen wir damit leben, dass millionenfach umfassende Datenprofile gespeichert und gehandelt werden?

Dass Suchmaschinenbetreiber genau wissen, wann wir ein Haus gekauft, uns über eine Krankheit informiert oder einen Anwalt gesucht haben? Dass Gesetzgeber private Datensammler zwingen, ihre Bestände den Geheimdiensten zugänglich zu machen? Soll Vorsicht und vorauseilender Gehorsam Facebook-Einträge, Buchbestellungen oder Meinungsäußerungen bestimmen? Das Buch könnte kaum aktueller sein, empfahl doch jüngst eine Fakultät der Columbia University ihren Studenten, keine Wikileaks-Dokumente zu zitieren, um ihre Karrierechancen nicht zu ruinieren.

Auf der gesellschaftlichen Ebene erzeugt das digitale Gedächtnis für Mayer-Schönberger ein Klima der Selbstzensur, das das Fundament der Demokratie untergräbt; und dem Einzelnen nehme es den notwendigen Spielraum, um Individualität zu entwickeln.

Plädoyer für die Löschung von Daten

Doch so muss es nicht sein: Wir könnten digitale Abstinenz üben. Wir könnten strengere informationelle Selbstbestimmungsrechte durchsetzen. Wir könnten alle Daten mit Metadaten ausstatten, in denen festgelegt wird, wer sie zu welchem Zweck verwenden darf. Vielleicht könnten wir auch einfach darauf hoffen, dass die Generationen, die von Kindesbeinen mit dem Internet aufwachsen, in einer Art kognitivem Anpassungsschub schon lernen werden, mit dem totalen Erinnern umzugehen. Oder enthält das Netz vielleicht noch viel zu wenig Informationen, müssten wir sie vielmehr in weitere Kontexte einbetten, damit ein realistischeres Bild entsteht?

Alle diese Ansätze haben ihre Schwächen, führt der Autor aus, sie sind technisch kompliziert oder verlangen zu viel Einsatz vom Benutzer. Mehr als ein kurzes Nachdenken und zwei Mausklicks darf der Datenschutz realistischerweise nicht kosten. Mayer-Schönberger plädiert deshalb für Verfallsdaten von Informationen. Sie sollen das Vergessen wieder ein klein wenig leichter machen als das Erinnern und so das alte Verhältnis wieder herstellen, mit dem wir Jahrtausende gelebt haben. Ein normaler Schnappschuss könnte so nach drei Jahren automatisch wieder aus dem Netz verschwinden, bei einem historischen Ereignis könnte man den Speicher auf „100 Jahre“ stellen.

Keine Patentlösung in Aussicht

Der Gesetzgeber könnte Obergrenzen festlegen oder Fristen für bestimmte Informationstypen vorgeben, sie könnten aber auch zwischen Transaktionspartnern ausgehandelt werden. Auch hier gibt es technische Schwierigkeiten zu überwinden, und das Thema Datenschutz ist damit keineswegs erledigt. Doch solche Verfahren würden die Menschen, so meint der Autor, auf die Problematik des digitalen Gedächtnisses aufmerksam machen. Er könne sich sogar ein „rostendes“ digitales Gedächtnis vorstellen, bei dem das Aufrufen älterer Informationen schwieriger ist als das neuerer Daten.

Mayer-Schönfelder verspricht keine Patentlösung, er stößt eine überfällige Diskussion an und plädiert für eine Zukunft, die die menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten anerkennt. Unser Gedächtnis ist keine tote Ablage, sondern ein lebendiges Konstrukt, das unter dem Eindruck veränderter Lebenserfahrung und verstrichener Zeit immer weder umgebaut wird. Vielleicht ist es aber doch von Vorteil, wenn das digitale Gedächtnis sich deutlich vom natürlichen unterscheidet: Dann wissen die Menschen immerhin, woran sie sind.

Viktor Mayer-Schönberger: „Delete“. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten. Aus dem Amerikanischen von Andrea Kamphuis. Berlin University Press, Berlin 2010. 264 S., geb., 24,90 Euro

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Big Data Google weiß, wo die Grippe lauert

Milliarden von Suchanfragen gehen jeden Tag bei Google ein. Daraus lässt sich eine ganze Menge lernen. Zum Beispiel, wie sich das Grippevirus verbreitet. Berlin ist als Erstes dran. Mehr Von Corinna Budras

15.11.2014, 19:23 Uhr | Wirtschaft
Datenschutz im Parkhaus Autonummern werden öfter gespeichert

In hessischen Parkhäusern sind Kameras zur Regel geworden. Dass sie Kennzeichen erfassen, halten Datenschützer für unverhältnismäßig. Mehr Von Paul Bartmuß

18.11.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main
Studie zum Computerwissen Wir vergeuden das Potential einer ganzen Schülergeneration

Eine internationale Studie über das Computerwissen von Zwölf- bis Dreizehnjährigen sorgt bei FAZ.NET für Diskussion. Studienleiterin Birgit Eickelmann antwortet auf die wichtigsten Punkte. Mehr

21.11.2014, 16:34 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.12.2010, 16:45 Uhr