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: Viel Feind, viel Mär

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Ein herzerwärmend kühles Buch zu einem heißen Thema: Ist jene Organisation, die sich selbst "Church of Scientology International" nennt, eine "Religionsgesellschaft" oder ein Mammutwirtschaftsunternehmen in den Geschäftsbereichen Seelenmassage und Gehirnwäsche? Da Scientology, gegründet 1954 in ...

          Ein herzerwärmend kühles Buch zu einem heißen Thema: Ist jene Organisation, die sich selbst "Church of Scientology International" nennt, eine "Religionsgesellschaft" oder ein Mammutwirtschaftsunternehmen in den Geschäftsbereichen Seelenmassage und Gehirnwäsche? Da Scientology, gegründet 1954 in den Vereinigten Staaten, inzwischen in über 120 Staaten tätig ist, seit 1971 auch in Deutschland, ist die Frage politisch erheblich. Im Grunde ist sie aber nicht zu beantworten. Sie ist selbst religiös. Daß religiöse Wahrheiten und Heilmittel nicht gewinnbringend verkauft werden dürften, ist eine christlich-pietistische Ansicht ziemlich jungen Datums, die der Dominikanerpater Johann Tetzel, der für Albrecht von Hohenzollern, Erzbischof von Mainz, Ablaßbriefe zu Geld gemacht hat und von Luther "Marktschreier" gescholten wurde, gewiß nicht geteilt hat.

          Die vorsichtige Zurückhaltung, mit der der Verfasser zu Werke geht, entspricht daher dem Gegenstand und macht seine Beschreibung um so überzeugender. Werner erhebt keine theoretischen Ansprüche und gesteht zu, daß seine Ermittlungen nicht vollständig sein können, zum Beispiel, weil Scientology jede Kooperation verweigert habe. Er will nur den Gerichten, die sich mit "Psychogruppen" beschäftigen müssen, eine durchdachte Kontrolliste mit geordnetem und überprüfbarem Material vorlegen, in und an dem sie sich orientieren können. Das ist ihm glänzend gelungen.

          Scientology wird gleichsam entblättert. Zuerst zeigt Werner, wie sich die Organisation selbst versteht und darstellt: als Heilslehre. Dann skizziert er den Stand der kriminologischen, psychiatrischen und psychologischen Diskussion. Die anschließende "Sachverhaltsermittlung" gibt wieder, was er über die Organisation herausgefunden hat. Sie nimmt fast die Hälfte des Buches ein, geordnet nach den beiden Hauptquellen: eigene Publikationen von Scientology und Äußerungen von ehemaligen Teilnehmern, also von Aussteigern. Schon die Beschaffung der Literatur war nicht einfach. Scientology wollte nichts herausrücken, weil sie Eingriffe in die eigene religiös-weltanschauliche Sphäre nicht unterstützen wollte. Werner beklagt sich zu Recht nicht darüber. Er weiß, daß die Organisation allen Mitgliedern die Unterstützung von Gegnern der Organisation streng untersagt. Am Schluß wird der Sachverhalt im wesentlichen überzeugend verfassungs-, straf-, zivil- und vereinsrechtlich gewürdigt.

          Gerade weil Werner unüberhörbar betont, seine Erkenntnisquellen seien notgedrungen einseitig, wirkt seine Darstellung glaubwürdig. Der Leser hat die Möglichkeit, die Plausibilität der Aussteigerberichte an der Selbstdarstellung der Organisation zu überprüfen. Spektakuläre Abweichungen ergeben sich nicht. Eine ständig mitlaufende Schwierigkeit wird aber deutlich. Ganz sicher läßt sich selten sagen, ob die Organisation ein Mitglied oder einen "Kunden" geschädigt oder unterdrückt hat oder ob der Teilnehmer freiwillig geleistet, gedient und oft viel Geld gezahlt hat. Aber schockierend hoch sind die "Spenden", Kursgebühren und Arbeitsleistungen nicht, wie drei Tabellen belegen. In einem repräsentativen Fall hat jemand in zwanzig Jahren 200 000 Mark an die Organisation gezahlt. Das sind weniger als eintausend Mark im Monat. So viel verlangen private Krankenversicherungen auch.

          Insgesamt gewinnt man den Eindruck, als seien die Gefahren, die von Scientology ausgehen, nicht so groß wie allgemein angenommen. Gelegentlich wirken die Kritiker etwas uninformiert, so, wenn das Bundesarbeitsgericht meint: "Gegen die Annahme eines religiösen Charakters sprechen zudem die ,menschenverachtenden Anschauungen' in der Lehre der Scientology, die mit dem Menschenbild des Grundgesetzes nicht vereinbar sind." Offenbar hat das Gericht noch nie von religiösem Fundamentalismus und den strengen Regeln mancher Mönchsorden gehört. Religion kann erheblich stören und bleibt doch Religion. Man muß ihr eben zubilligen, daß sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt und deshalb absoluten Gehorsam fordert. Von allen Menschen in allen Richtungen Zweifel zu verlangen ist übrigens auch Religion, nur eine, die sich vor der Anstrengung des Begriffes drückt.

          Zur realistischen Einschätzung gehört, daß gegen Scientology inzwischen viele Ermittlungsverfahren eingeleitet, aber nur wenige Anklagen erhoben worden sind. Das läßt auf ein abgrundtiefes Mißtrauen der Öffentlichkeit schließen. Scientology kann dieses Mißtrauen nicht ausräumen, in gewisser Weise muß sie es sogar schüren. Denn die Organisation lebt davon, daß sie sich als etwas Besseres von der Gesellschaft distanziert. Sonst werden ihr ihre Heilsversprechen nicht abgenommen. In ihrem Sendungsbewußtsein wird sie bestätigt, wenn die Politik sie bekämpft und die Wissenschaft ihr ein falsches Bewußtsein bescheinigt. Gegen staatliche Eingriffe hat die Organisation daher nur zwei Abwehrmittel: radikale Nutzung der formalen Rechtsschutzmöglichkeiten auf der einen und Schweigen, also Abbruch aller Kommunikationen mit der Außenwelt auf der anderen Seite. Das erklärt, warum Scientology unbedingt eine religiöse Gruppe sein will. Religion ist Privatsache. Darüber braucht man mit niemandem zu sprechen.

          GERD ROELLECKE

          Raik Werner: "Scientology im Spiegel des Rechts". Strukturen einer subkulturellen Ordnung zwischen Konformität und Konflikt mit den staatlichen Normen. Neue kriminologische Studien, Band 24. Wilhelm Fink Verlag, München 2002. 439 S., br., 50,- [Euro].

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