Home
http://www.faz.net/-gr6-113rh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verkürzte Perspektive und gefühlte Plausibilität

28.11.2008 ·  Angekommen: Mit dem abschließenden fünften Band führt Hans-Ulrich Wehler seine deutsche Gesellschaftsgeschichte an die unmittelbare Gegenwart heran. Die schon immer politisch engagierte und kritisch-normative Analyse von politischer Herrschaft, sozialer Ungleichheit, Wirtschaft und - inhaltlich stets ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Angekommen: Mit dem abschließenden fünften Band führt Hans-Ulrich Wehler seine deutsche Gesellschaftsgeschichte an die unmittelbare Gegenwart heran. Die schon immer politisch engagierte und kritisch-normative Analyse von politischer Herrschaft, sozialer Ungleichheit, Wirtschaft und - inhaltlich stets reduziert - Kultur gewinnt damit autobiographische Züge, ohne freilich ins Erzählen zu geraten. Denn Wehler präsentiert bewusst eine systematische Analyse mit immer neuen Unterpunkten, aber ohne erzählerische Linie. So ist die DDR in der Darstellung bereits mit der Bundesrepublik "fusioniert", bevor sie sich unter Honecker "konsolidiert". Die gesamte Perspektive ist weniger auf Entwicklung und Veränderung denn auf Strukturen angelegt, und so gewinnt das Bild der deutschen Nachkriegsgeschichte langfristige und in hohem Maße statische Züge.

Im Schnittpunkt der Linien steht das Herzstück seiner Deutung: die soziale Ungleichheit. Stets drängt sich angesichts ihrer eindringlichen Präsentation die Frage nach dem inhärenten normativen Maßstab auf. Er bleibt aber letztlich unklar, zumal Wehler keineswegs ein Egalitarist ist und er auch den überbordenden umverteilenden Sozialstaat scharf kritisiert; am ehesten schwebt ihm wohl Chancengleichheit in einer Leistungsgesellschaft vor, ohne dass er dies aber wirklich ausspricht.

Dafür wartet seine scharf geschnittene Darstellung auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Forschungen, vor allem der Elitensoziologie, mit dezidierten Urteilen auf. Die Befunde sind nicht neu, doch stellt Wehler deutlicher als alle anderen übergreifenden historischen Deutungen die fortwirkende Bedeutung materieller Schichtungskriterien und die Ungleichheit der verfügbaren Mittel und - besonders - der Lebenschancen heraus: "Die Konzentration des Vermögens und Einkommens auf das oberste Fünftel, sogar auf die oberen 10 Prozent der Besitzenden und Steuerpflichtigen ist unübersehbar scharf ausgeprägt. Umgekehrt fallen Vermögen und Einkommen des untersten Quintils steil ab. Ebenso deutlich ist aber in der Tat der allgemeine Fahrstuhleffekt, der das Vermögen und das Einkommen in allen sozialen Klassen oberhalb der Unterklassen in einer beispiellosen Wohlstandssteigerung angehoben hat" - wobei allerdings auch der Lebensstandard der Armen und Unterschichten, auf deren fortdauernder Existenz Wehler zu Recht besteht, mit dem allgemeinen Wohlstand anwuchs. "Dieser Konsolidierungserfolg mildert in ihrer Kollektivmentalität offensichtlich die eklatanten Disparitäten ab, die im Verhältnis zum oberen Fünftel unentwegt bestehen, ja sich weiter ausdehnen, da die plutokratische Vermögens- und Einkommenselite sich ständig in einem Prozess weiter abhebt, der bereits in den 1890er Jahren begonnen, in der späten Bundesrepublik aber ein atemberaubendes Tempo gewonnen hat."

Dies zielt auf ein Kernelement der bundesdeutschen Selbstbeschreibung: die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", die Helmut Schelsky bereits in den fünfziger Jahren ausgerufen hatte. Eine Mittelschichtengesellschaft war die bundesdeutsche in der Tat, insofern sich die mittleren Schichten in sozialer Stratifikation ebenso wie im Selbstverständnis immer weiter ausdehnten, aber sie war eben nicht nivelliert. Und mehr noch: Auch die Bildungsreformen der sechziger und siebziger Jahre hätten - so Wehlers scharfe, teils aber auch überscharfe Revision liebgewordener Vorstellungen, die Intentionen und Wirkungen verwechseln - eben nicht dazu beigetragen, eine aufstiegsoffene Gesellschaft zu schaffen, sondern seien nur bestimmten Teilen (vor allem der Mittelschichten) zugutegekommen, während der Soziologe Michael Hartmann in den Oberschichten der wirtschaftlichen Elite gar zunehmende Abschließungstendenzen festgestellt hat.

Forderung nach dem Feuereifer der anderen bei eigener Freihändigkeit.

Wehlers Stärke liegt in der konsequenten klassischen materiellen Schichtungsanalyse, während er mit kultursoziologischen Modellen zur Gesellschaftsbeschreibung im Zeichen von sozialen Lagen, Lebensstilen und neuen Milieus nicht viel anzufangen weiß und nicht viel anfangen will. Ausgiebig arbeitet er sich an den methodisch-theoretischen sozialwissenschaftlichen Debatten seiner Zeit der siebziger und achtziger Jahre ab, und er hat zweifellos recht, wenn er die auch in dieser Zeit virulenten, höchstens latent gewordenen materiellen Ungleichheiten hervorhebt, die manche kultursoziologische Überspitzung voreilig eliminierte, wobei die reflektierten Vertreter dieser Richtung dies auch nicht wirklich taten. Wehler macht es sich dabei, apodiktisch wie immer, zu einfach, und er verkürzt seine eigene Perspektive unnötig um die gesamte Dimension der Sozialkultur, die diesen Namen verdient - und die sich mit der materiellen Sozialstruktur auf eine Weise verbindet, die gerade das Charakteristikum jener bundesdeutschen Gesellschaft in den siebziger und achtziger Jahren ausmacht. Wie will man sie denn ohne den Wertewandel verstehen, zu dem die sozialwissenschaftliche Forschung valide Ergebnisse hervorgebracht hat - solider jedenfalls als Wehlers Spekulationen über den fortwirkenden Leistungsfanatismus des Nationalsozialismus, der das Wirtschaftswunder beflügelt habe.

Überhaupt die Kategorien: Der Autor, der stets mit Feuereifer gerade von anderen theoretische Fundierung und Methodenstrenge einfordert, gönnt sich eine zuweilen geradezu atemberaubende Freihändigkeit in der Konstruktion gefühlter Plausibilität. Und es ist nicht zuletzt diese Willkürherrschaft - auch das muss man am Ende einer so bedeutenden Gelehrtenleistung sagen -, die das Fach und seine Diskussionskultur in hohem Maße vergiftet hat, die man freilich - auch dies - erst einmal erringen muss.

Zurück zur bundesdeutschen Gesellschaft: Sie bleibt ohne jene neuen sozialen Milieus, deren Erklärungskraft die Werbewirtschaft jedenfalls in klingender Münze zu nutzen weiß, sie bleibt ohne die konstitutive Bedeutung von Freizeit und ohne die pluralisierten und individualisierten postmodernen Lebenswelten. Damit hat es Wehler, mit Jürgen Habermas im Banne des hoch normativen "Projekts Moderne", nie gehabt. Der abschließende Band der deutschen Gesellschaftsgeschichte ist das Manifest jener "postumen Adenauerschen Linken" (Heinrich August Winkler), an der die Postmoderne und das Ende der "alten Bundesrepublik" vorübergegangen sind.

Dies gilt nicht zuletzt für das Bild der DDR. Wehlers deutliche Worte über die "sowjetische Satrapie", das System der totalitären Zwangsherrschaft und der Misswirtschaft sind ebenso treffend wie viele andere Beobachtungen, die mit einer stupenden Fakten- und Literaturkenntnis in einer Perspektive gebündelt und mit Zahlen, Zahlen und nochmals Zahlen untermauert werden. Treffend sind seine Befunde zum überbordenden Sozialstaat, der das "Anspruchsdenken gegenüber dem Interventionsstaat" um den Preis der "Entmündigung der Bürger" immer tiefer implementierte, treffend ist auch seine Darstellung der Wiedervereinigung im Inneren, wobei die Sammelfußnoten die übernommenen Gedanken keineswegs immer hinreichend kenntlich machen. Zudem fehlt der Darstellung, an diesem Punkt und generell, weitestgehend die internationale Dimension, zumal des Ost-West-Konflikts, die doch die deutsche Nachkriegsgeschichte so wesentlich geprägt hat. Darüber geht Wehler manche Einschätzung daneben. Wenn er Helmut Kohl, mit der lichten Ausnahme seiner Wiedervereinigungspolitik, nichts als "Provinzialismus" zuschreibt, dann ist dem Autor (so auch im entsprechenden Sachkapitel) die politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der europäischen Integrationspolitik in den späten achtziger Jahren - wie immer man sie beurteilen mag - völlig entgangen.

Und verkürzt ist eben auch das Bild der DDR, die neben Zwangsherrschaft und Misswirtschaft zugleich Lebenswelt, Erfahrungsraum und Sozialisationshintergrund für Millionen war, deren Biographien sie unhintergehbar prägte, wie es Lothar de Maizière in seinem Kampf um Würde und Selbstbehauptung der Ostdeutschen im Einigungsprozess zu vermitteln suchte. Es ist aber ebendiese Erfahrungsdimension der Geschichte, die einer Geschichtsschreibung im "stahlharten Gehäuse der Moderne" entgeht. Und zugleich entspricht Wehlers DDR-Bild jenem Denken, mit dem die alte Bundesrepublik die Wiedervereinigung gestaltete: Wenn man den "marxistisch-leninistischen Baum", wie das "Handelsblatt" einmal schrieb, gefällt habe, bleibe höchstens der grüne Pfeil zum Rechtsabbiegen übrig. Dass das Kalkül, die Übertragung der westdeutschen Ordnung auf die DDR werde ein neues Wirtschaftswunder in Gang setzen und die Erfolgsgeschichte des "Modells Deutschland" noch glänzender fortschreiben, längst nicht wie erwartet aufgegangen ist, sollte - bei aller Alternativlosigkeit der meisten Sachentscheidungen im Einzelnen - ein Grund zum Nachdenken über die Grundlagen dieser Annahmen sein.

Der Anspruch der "Totalgeschichte"wird vom Autor nicht eingelöst.

Am Ende kommt Wehler dann noch einmal auf den deutschen "Sonderweg" zurück, der über die Jahre hinweg freilich recht holprig geworden und zu einem "Kranz von restriktiven Bedingungen" mutiert ist, wie es unter Wechsel der Metapher nun heißt. Vom fulminanten ursprünglichen Erklärungsanspruch für den deutschen Weg in die Abgründe der Geschichte ist nicht viel geblieben. Stattdessen stellt der "Sonderweg" nun die "Folie" dar, von der sich "die erstaunliche Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik ... umso heller" abhebt. Auch wenn Wehler es leugnet: Die alte Bundesrepublik ist dann doch das Ziel, das gewünschte Ende der Geschichte, wenn auch mit den Schönheitsfehlern der verfestigten sozialen Ungleichheit, was in dieser Zuspitzung freilich abermals recht deutsch gedacht ist.

Der abschließende Epilog endet mit politischen Positionen, über die sich wie immer gewinnbringend zu diskutieren lohnt: die mangelnden Bildungsausgaben, die überfällige Reform des "exzessiv aufgeblähten Sozialstaats", die notwendige Zähmung der Macht der Großunternehmen und der Globalisierung. Vom finalen "Rückblick und Ausblick" einer über fast drei Jahrhunderte gespannten Gesellschaftsgeschichte hätte man freilich eine weitere Perspektive erwarten mögen. Letztlich hat sich der Anspruch der "Totalgeschichte", mit dem Wehler sein großes Unternehmen vor über zwanzig Jahren begonnen hat, weniger als erwartet einlösen lassen. Vielmehr macht das bedeutende Gelehrtenwerk die Grenzen einer so dezidiert theoriegeleitet-normativen und somit zeitverhafteten Geschichtsschreibung sichtbar.

Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band: Bundesrepublik Deutschland und DDR 1949-1990. C.H. Beck Verlag, München 2008. 529 S., 34,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2008, Nr. 279 / Seite L20
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel