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: Verfälschte Dokumente?

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Ohne Johannes Lepsius, so die These des Bandes, spräche heute niemand von einem Völkermord an den Armeniern. Erst die Edition des deutschen Armenierfreundes, erschienen 1919, habe die Grundlage für diesen "Mythos" geschaffen. Lepsius aber habe die Dokumente aus den Akten des Auswärtigen Amts nicht ...

          Ohne Johannes Lepsius, so die These des Bandes, spräche heute niemand von einem Völkermord an den Armeniern. Erst die Edition des deutschen Armenierfreundes, erschienen 1919, habe die Grundlage für diesen "Mythos" geschaffen. Lepsius aber habe die Dokumente aus den Akten des Auswärtigen Amts nicht nur zugunsten der deutschen Politik manipuliert, um das Kaiserreich reinzuwaschen von seiner Mitverantwortung für jenen Mord, den sein Verbündeter im Ersten Weltkrieg, das Osmanische Reich, in den Jahren 1915/16 an den Armeniern beging. Der Pfarrer und Missionar habe vielmehr, argumentiert der türkischstämmige Verfasser, die Dokumente auch "zugunsten der Armenier" verfälscht. Das sei der Beginn einer "langen Tradition von systematischen Fälschungen und Manipulationen" gewesen, die die Historiographie der Armenierfrage bis heute präge.

          Diese aus Sicht des Autors zweifelhafte Geschichtsschreibung zeichne das "Abbild eines Völkermordes". Alle anderen Meinungen würden wahlweise "konsequent ignoriert" - vor allem, wenn es sich um türkische Autoren handele - oder mit einer "Schlammschlacht" überzogen - vornehmlich dann, wenn sich die Kritik gegen internationale Verfasser richte. Der Band ist bemüht, sich selbst einen seriösen, quellenkritischen Anstrich zu geben und die Vertreter der herrschenden wissenschaftlichen Meinung als dogmatisch und voreingenommen hinzustellen. "Als wissenschaftlich arbeitender Mensch" könne man es nur mit Verwunderung und Verärgerung zur Kenntnis nehmen, daß Autoren wie Wolfgang Gust, der die "Faktizität des Völkermordes" anerkenne, trotz der Abweichungen Lepsius' von den Originaldokumenten an der Lepsius-Edition als Quelle festhielten. Der Verfasser attestiert Gust sogleich ein "verklärtes Armenierbild". Insofern erscheint die Behauptung in der Einleitung, der Band wolle lediglich jenes historiographische "Abbild eines Völkermordes" beschreiben und die Frage "Völkermord - ja oder nein?" gar nicht beantworten, als durchaus zweifelhaft. Denn die Antwort des Verfassers heißt eindeutig: Nein, einen Völkermord an den Armeniern hat es nicht gegeben.

          Der Band betont, die Zahl der Toten von 1915 sei signifikant geringer gewesen als jene 1,5 Millionen, von denen viele Forscher ausgehen. Andererseits sei eine hohe Opferzahl ohnehin noch nicht Beweis für einen Genozid. Dafür brauche es eine strategische Vernichtungsabsicht und einen systematischen Vollzug der Vernichtung. Beides sei mit Blick auf die Armenier nicht gegeben. Lepsius, in dessen Werk sich eine "unheilvolle Synthese" von Kulturprotestantismus und Sozialdarwinismus zeige und in dessen Schriften Armenier zu Ariern würden, wird weiterhin ein "tiefsitzender Vaterkomplex" attestiert: Möglicherweise habe der Sohn seine Liebe zu den Armeniern entwickelt, um sich von der Ägypten-Faszination seines gelehrten "Über-Vaters" Richard Lepsius abzugrenzen, des Begründers der wissenschaftlichen Ägyptologie in Deutschland.

          Weiterhin sei es "die Regel", daß sich Vertreter dessen, was der Verfasser die "Genozidthese" nennt, einer Analogie zum Holocaust bedienten: Der Mord an den Armeniern habe für jenen an den Juden eine Art Vorbildfunktion gehabt. Welche Historiker sich dieser Analogie in welchen Werken bedienten, wird nicht nachgewiesen. In der entsprechenden Fußnote heißt es bloß: "Immer wieder liest oder hört man das berühmte vermeintliche Hitlerzitat: ,Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier.'" Apropos ahistorische Vergleiche: Im Vorwort von Udo Witzens heißt es, angesichts der Vertreibung von "15 Millionen Ostdeutschen mit mehr als zwei Millionen Toten" spreche ja auch niemand von Völkermord. Und an anderer Stelle schreibt der Autor, die "Genozidthese" stütze sich allein auf "literarische" Dokumente, während Auschwitz mit "real existenten Gaskammern und Leichenbergen" nachgewiesen werden könne.

          Richtig ist sicher, daß die deutschen Konsuln - wie Walter Rößler in Aleppo - das Morden nicht mit eigenen Augen gesehen haben und sich in ihren Berichten für Berlin auf Augenzeugen stützten: auf das, was Armenier und Mitarbeiter der Orientmission des Johannes Lepsius ihnen erzählten oder schrieben. Aber so ist es nun einmal mit historischen Quellen: Sie sind nicht immer so gut, wie sich das der Forscher wünschte. Aus der Tatsache der indirekten Überlieferung auf ein "engmaschiges proarmenisches Propagandanetzwerk" zu schließen erscheint gerade angesichts der Bündnispartnerschaft des Deutschen Reichs mit dem Osmanischen Reich fraglich. Ein zweiter Band ist in Arbeit. Vielleicht wird der Autor darin sagen, was seiner Meinung nach 1915 tatsächlich geschehen ist. Im ersten Band sagt er nur, was seiner Ansicht nach nicht geschah.

          Cem Özgönül: "Der Mythos eines Völkermordes". Eine kritische Betrachtung der Lepsius-Dokumente sowie der deutschen Rolle in Geschichte und Gegenwart der "Armenischen Frage". Önel Verlag, Köln 2006. 317 S., 19,80 [Euro].

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