26.08.2007 · Yasmina Reza hat Nicolas Sarkozy ein Jahr lang begleitet und ein grandioses Buch über ihn und männlichen Selbstbetrug geschrieben
Der Horizont ist bloß ein dünner Strich, ein kleiner, dunkelhaariger Mann läuft ihm wie verrückt entgegen, in den Händen und über seinem Kopf hält er einen altmodischen Blasebalg, mit dem er die schwarzen Wolken wegpusten will: Nicolas Sarkozy, wie er auch noch gegen das schlechte Sommerwetter vorgeht - diese Zeichnung des Karikaturisten Cardon in Frankreichs führender satirischer Wochenzeitung "Le Canard enchaîné" vom vergangenen Mittwoch reflektiert treffend das allgemeine Erstaunen, auch die Rührung über die nahezu existentielle Dimension, mit der das Einwandererkind im Élysée sein Amt bekleidet. Hat es so einen Furor des Regierens, des Sich-Ausstellens, und sei es durch unfassbares Fehlverhalten, je gegeben, dass einer in nur hundert Tagen nicht nur das französische, sondern gleich auch das europäische und selbst amerikanische Sommerloch ausfüllt und ins Bizarre weitet wie sonst nur verirrte Haifische vor Florida oder Krokodile in Baggerseen?
Die bulgarischen Krankenschwestern, die bezahlten Luxusferien in Neuengland, darin die Unterepisoden von Cécilias vorgetäuschter Angina und den wegretuschierten Fettpolstern, eine Geschichte jagte die nächste in diesen langweiligen Monaten, und jede brachte neues Material zur Erörterung der brennendsten aller Sarkozy-Fragen: Ist der Mann noch bei Sinnen?
Das Sarkozy-Material wütet wie rasend durch Fernsehsendungen, und die Presse, die professionellen Deuter und Kommentatoren sind schon ausgelastet damit, dem jeweils letzten Coup hinterherzuschreiben, angesichts der Fülle und der Geschwindigkeit des Phänomens kann eigentlich nur noch die Literatur ihre Zuständigkeit behaupten, nur noch jemand auf der Höhe der Zeit und der Kunst kann mit dem Gesamtkunstwerk Sarko einigermaßen fertig werden, und das Tollste ist: Das Buch muss gar nicht erst wie der "große Wenderoman", der "große 9/11-Roman" von Kritikern herbeigenörgelt werden, es ist bereits geschrieben, wurde am 24. August ausgeliefert und ist ein Meisterwerk: Yasmina Rezas "L'aube le soir ou la nuit". Es ist kein großer Roman; schließlich, stellt die Autorin fest, fehlen Sarkozy zehn Zentimeter für ein wahrhaft internationales Charisma, also muss auch ein Buch über ihn eine entsprechende Länge haben - auf keinen Fall über zweihundert Seiten -, einen ganz eigenen Ton und ein neues Genre erfinden.
Im Frühjahr letzten Jahres hatte Yasmina Reza, die mit ihrem Stück "Kunst" weltberühmt wurde, den damaligen Innenminister und prospektiven Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy angesprochen und die Idee vorgetragen, ihn ein Jahr lang zu begleiten, seinen Sieg und Einzug ins Präsidentenamt zu beschreiben oder eben seine Niederlage. "Sie wollen also da sein", hat er gesagt und zugestimmt. Damit begann ein Projekt, das es auf dieser Ebene noch nie gegeben hat, eine Begegnung zwischen Literatur und Politik, die mal in Tanz ausartet - während eines Schlagers hält es Sarko nicht mehr in seinem Sessel, und er schwingt mit der Autorin durch den VIP-Raum des Studios -, mal, natürlich, im Duell. Yasmina Reza ist keine Parteigängerin und kein Fan von Nicolas Sarkozy. In wenigen, raffiniert schonungslosen Passagen macht sie klar, dass der unermüdliche Ehrgeizling zwar mehr und mehr Macht sammelt, dass es aber letztlich die Literatur ist, die die Welt deutet und somit auch den französischen Staatspräsidenten.
Letztlich weiß er das, darum ist "L'aube" auch ein bemerkenswerter und seltener Ausweis von Demut seinerseits, denn in vielen Szenen sieht Sarko ganz schlecht aus, im wörtlichen Sinne: Reza schenkt der physischen Präsenz, der Gestalt der Männer große Aufmerksamkeit, was dazu führt, dass jedes nervöse Zucken, der hinkende Gang, das obsessive Fummeln am Mobiltelefon des Kandidaten sehr überzeugend als Indiz seiner Unbehaustheit in der Welt erscheinen. "Manchmal", resümiert Reza nach einer tonlosen Beschreibung eines Krankenhausbesuchs, bei der Sarkozy plan- und ahnungslos die Stationen abklappert, "habe ich den Eindruck, dass er einfach irgendwohin geht." Wenn er sich ärgert, beachtet er niemanden mehr und starrt sie bloß an, "die nutzlosen Menschen, die nutzlosen Landschaften" ist die Formel, die Reza dafür findet. Manchmal erschüttert Sarkozy die von ihm selbst verursachte Erschütterung. Als eine Krankenschwester vor Aufregung zu weinen anfängt, flüchtet er sich in Geschichten aus seiner Kindheit, "als meine Mama ihre Wohnung gekauft hat", "als meine Mama mal krank war" - er gerät völlig aus der Fassung.
Berlin terrorisiert mich
Reza findet eine zeitgemäße, distanzierte, manchmal humorvolle, oft aber auch von allgegenwärtiger Seelenlosigkeit bedrückte Sprache, die dem Pomp der Wahlkampfmaschinen effektiv den Boden entzieht. "Ich werde ein Präsident des 21. Jahrhunderts sein", deklamiert Sarkozy während einer Besprechung mit seinem Redenschreiber. Reza lacht ihn aus. Später kommt er mehrmals auf sie zu und fragt, was daran so komisch sei, aber ihre Erklärungsversuche sind im Buch nicht enthalten, vermutlich hat sie gar keine gemacht.
Sarkozy und Reza sind in einem ähnlichen Alter - ihres variiert je nach Quelle um bis zu fünf Jahre -, ihre Eltern sind nicht in Frankreich geboren, beide tragen seltsame Namen, beide sind reich und pure Pariser Gewächse, doch während der Politiker einiges darauf verwendet, auch auf dem Land und bei den kleinen Leuten gut anzukommen, kultiviert die Literatin ihre Freude an der Differenz: Immer, wenn sich Sarkozy in den Reden auf seine Nähe zu den Mönchen, ja zu Johanna von Orléans beruft, lacht sie ihn abermals aus.
Sarkozy stammt, wie Yasmina Reza, aus einer jüdischen Familie. Einmal spricht sie ihn darauf an, dass er sich doch bestimmt, wie sie selbst auch, im Mittelmeerraum wohler fühlt als beispielsweise in Oslo, da korrigiert er sie: wohler als in Berlin. "In Berlin bin ich terrorisiert. Auch in Frankfurt!"
Eine Begegnung mit Wolfgang Schäuble wird geschildert, in der er seinem Amtskollegen von seinen Plänen einer vereinfachten EU-Verfassung berichtet. "Das willst du der Angela vortragen?", fragt Schäuble. "Es sei denn, du sagst, das geht nicht. Dann gehe ich eben den ganzen Tag in den Zoo und esse Apfelstrudel. Aber in der Freundschaft", belehrt Sarkozy seinen im Rollstuhl sitzenden Kollegen, "muss man einen Schritt nach vorne tun."
Die Bundeskanzlerin wird, wie überhaupt die Frauen in der Politik, von Reza nur am Rande beschrieben, da notiert die Schriftstellerin die Kleidung Merkels und zeigt sich überrascht von deren "wiegendem Gang", den sie ihr gar nicht zugetraut hatte.
Wie in allen Werken von Yasmina Reza steht im Mittelpunkt des Geschehens eine Abwesenheit, in "Kunst" war es das monochrom weiße Bild, im "Gott des Gemetzels" sind es die Kinder, über die nur geredet wurde, die aber nie auftraten. In "L'aube" sind es gleich zwei Personen: Cécilia, die das Buch insofern prägt, als ihr Mann nicht aufhören kann, von der einen, der großen Liebe zu reden, wozu Reza bemerkt, dass er nie schlimmer schwafelt als zu diesem Thema, und ein Mann, Rezas Freund oder der, von dem sie gerne hätte, dass er ihr Freund sei, und der nur als Buchstabe vorkommt, G. Der Großbuchstabe ist auch Politiker, nicht auf dem Niveau und nicht im politischen Lager von Sarkozy, aber das scheinen nur minimale Unterschiede zu sein. G ist meistens fern, und es scheint, als sei all die Arbeit, die Reza in die Exploration des Kandidaten steckt, eigentlich ihm gewidmet, als wollte sie verstehen, was Sarkozy, ihren G, was die Männer also in die Versammlungssäle, zu Krankenhaus- und Fabrikbesuchen treibt, wo sie unter enormem Aufwand an Geld, Zeit und Energie so gut wie gar nichts kapieren, sehen, erleben.
"L'aube" wird als ein Buch über Nicolas Sarkozy rezipiert und beworben, aber sein eigentliches Thema ist der Blick einer Frau auf angeblich besonders männliche, besonders aktive und oft genug auch besonders bescheuerte Männer. Ganz schlimm wird es, wenn sie unter sich sind, Sarkozy und sein Redenschreiber, der stets überambitionierte Henri Guaino. "Manchmal sitzen wir uns gegenüber und haben Tränen in den Augen", berichtet Sarkozy gerührt von den nächtelangen Arbeitssitzungen, Reza verzeichnet das als endgültigen Ausweis fehlgeleiteter und rein selbstbezüglicher Sentimentalität, denn was in den Reden steht, hat mit Sarkozy, wie er bei ihr vorkommt, nichts zu tun. Überhaupt gilt Rezas schärfstes Urteil der vagen, routinierten und pompösen Sprache der Politik. Welche unendliche Müdigkeit, fragt sie, mag Männer dazu verleiten, permanent von einer Herausforderung der Gestaltung der Zukunft von Morgen zu reden?
Ja nichts verpassen
Fünf Wahlkampfteams kümmern sich um den kleinen Mann, doch niemand erreicht ihn wirklich, weil sein Gefolge damit beschäftigt ist, sich gegenseitig zu bekriegen. So wird er auf die Schiene, auf die Straße, in die Provinz geschickt, aber sein Interesse an den Menschen und Dingen, die ihm begegnen, ist rein funktional, oft auch bloß geheuchelt. Das fällt nicht nur der Autorin auf. Gleich mehrere Begegnungen mit Wählern, Arbeitern oder Wissenschaftlern schildert Reza, in denen sich die Lustlosigkeit des Kandidaten in offene Aggressivität erst seinerseits, dann auch von Seiten des Publikums wandelt. Eine Runde von Wissenschaftlern fragt er, wer unter ihnen der Leiter sei, wer hier bestimme. Eine Professorin erklärt ihm daraufhin die Struktur der akademischen Selbstverwaltung und schließt freundlich lächelnd: "Ihre Frage nach der Leitung ergibt also gar keinen Sinn." Sarko grinst vor Schreck und verliert sich in Rettungsversuchen, aber der Tag ist, wie so viele, gelaufen. Er scheint, diesen Zug verzeichnet Reza allerdings als rührend und liebenswert, den Erfolg auch gar nicht zu erwarten. Er kämpft immer aus der Position des Herausforderers, "er rechnet nicht damit, dass der Himmel ihm zu Hilfe kommt".
Am Ende des Buches - die Wahlnacht und die Amtseinführung beschreibt sie als unendlich trostlose und zwanghafte Angelegenheit - erörtert Yasmina Reza wieder die Frage, weshalb Männer in der Politik sich den Kalender derartig vollknallen: "Sie opfern", sagt sie dem Präsidenten in ihrer letzten Begegnung, "Augenblicke, die nie zurückkehren, verbrennen Tage, die Sie nie kennen werden." Sarkozy hat darauf keine gute Antwort. Ebenso wenig ihr G: Als die Wahl gelaufen ist, rattert er ihr am Telefon eine lange Liste von Städten und Daten herunter, lauter Termine. "Diese Männer", schreibt Reza, "suchen nicht das Glück, sie warten auf ihre Gelegenheit in der Schlacht." Ihr Fazit steht an anderer Stelle, in einem Kommentar zu einem Baudrillard-Nachruf: "Der Wunsch, nichts vom Leben zu verpassen, kann zum exakten Gegenteil führen."
NILS MINKMAR
Yasmina Reza: "L'aube le soir ou la nuit". Flammarion 2007, 190 Seiten, 18 Euro