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Handbuch über Komik : Palim, palim!

Er ist kein Kabarettist, der seinem Publikum vorbetet, was politisch schiefläuft: Dieter Hallervorden ist ein Komiker, der mehr kann als nur blödeln. Bild: Dirk Demel

Was reimt sich auf Adorno? Uwe Wirth zeigt in seinem interdisziplinärem Handbuch, wie die Geisteswissenschaften das Thema Komik in den Griff bekommen.

          Kann man denn auch nicht lachend sehr ernsthaft sein?“ Minna von Barnhelm stellt diese Suggestivfrage in Lessings gleichnamigem Stück, um sofort zu ergänzen, Lachen erhalte uns „vernünftiger als der Verdruss“. Wer wollte da widersprechen? Geisteswissenschaftler natürlich. Witzigkeit kennt bei ihnen klare Grenzen, sowohl im Habitus als auch in Bezug auf Forschungsinteressen. Beabsichtige man, die eigene Karriere in den Sand zu setzen, so raunt nicht nur der akademische Nachwuchs beim Tagungskaffee, sei die Beschäftigung mit Lustigem besonders empfehlenswert. Der Gießener Germanist Uwe Wirth bleibt davon unbeeindruckt und hat nun ein „Handbuch Komik“ herausgegeben, in dem er mit dreiunddreißig Mitstreitern zeigt, dass das Komische keine kulturelle Nebensächlichkeit ist.

          Die spaßfeindlichen Hürden, die es dabei zu nehmen gilt, haben es allerdings in sich. Bibel-Leser wissen mehr: Gott lacht nicht, Jesus lacht nicht, ein „Narr lacht überlaut; ein Weiser lächelt ein wenig“ (Jesus Sirach 21, 29). Sodann verrät ein Blick in die Kunst- und Literaturgeschichte, wie salonfähig Mord und Totschlag sind. Heitere Genremalerei? Nichts im Vergleich zu mythologischen Sujets. Die Komödie? Das schlechte Gewissen der Tragödie. Karl Heinz Bohrer erkennt zwischen Ästhetik und Gewalt sogar ein „Bedingungsverhältnis“, während Horkheimer und Adorno mit ihrem Diktum „Fun ist ein Stahlbad“ allen humorbegabten Zeitgenossen auf ewig im Nacken sitzen.

          Wie funktioniert eigentlich Lachen?

          Aber hier geht es schon durcheinander, denn was genau ist eigentlich Humor, was zeichnet eine Komödie aus, was passiert beim Lachen? Solche Grundbegriffe des Komischen werden im ersten Teil des Handbuchs auf ihren theoretischen Gehalt abgeklopft. Darauf aufbauend, geht es im zweiten Abschnitt um methodische Zugänge zum Komischen, wie sie zum Beispiel von der Philosophie, der Anthropologie oder der Psychologie angeboten werden. Der dritte Teil widmet sich medialen Formen des Komischen, wobei das Themenspektrum von der Musik über die Malerei bis hin zum Rundfunk reicht.

          Den Auftakt macht Tom Kindt, der in dialektischen Schleifen argumentiert. Während er anfänglich hervorhebt, bei Komik handle es sich um eine Eigenschaft, die Gegenständen zugeschrieben wird, lesen wir wenig später von der Einsicht, dass Komik „keine manifeste Eigenschaft von Gegenständen“ sei.

          Alles eine Frage der Macht

          Dazwischen informiert Kindt über die drei Faktoren, mit denen man Komik gemeinhin zu erklären versucht: Inkongruenzen, Überlegenheitsansprüche und Entlastungsfunktionen. Gelächter kann mithin von der Verbindung nicht zusammenpassender Elemente ausgelöst werden, es kann sich als aggressives Verlachen offenbaren oder als Ventil für Spannungen dienen.

          Arne Kapitza, der über die Beziehung von Komik, Gesellschaft und Politik nachdenkt, kommt zum gleichen Fazit wie Helga Kotthoff, die sich um Humor und Geschlechterverhältnisse kümmert – alles eine Frage der Macht. Kotthoff zufolge hat jede Scherzkommunikation eine „sozialindikative Potenz“, was etwa stenographische Bundestagsprotokolle belegen: „‚Sie sehen besser aus, als Sie reden, Frau Kollegin!‘ (Herr Glos von der CDU/CSU an Frau Martiny-Glotz )“. Das Gegenteil solcher Frechheiten ist eine um sich selbst kreisende Kunstsprache. Christian Maintz illustriert an Beispielen aus der Lyrik, wie Neologismen und überraschend miteinander verknüpfte Worte Komik entfalten. So reimt Heine „widersetzig“ auf „aristokrätzig“, Ringelnatz „froher“ auf „sowiesoer“, Rühmkorf „Adorno“ auf „Hardcoreporno“.

          Das Handbuch sorgt für Struktur ohne zu vereinfachen

          Angesichts der Reichhaltigkeit des Handbuchs überrascht eine Leerstelle: Es fehlt ein Eintrag zur Stand-up-Comedy. Zwar geht Hans Rudolf Velten in seinem kenntnisreichen Artikel zum Spaßmacher kurz auf die Figur des Comedians ein. Zu brauchbaren Ergebnissen gelangt er dabei aber nicht. Velten unterscheidet zwischen dem Kabarettisten, der uns mit Ironie ins Stammbuch schreibt, was politisch schiefläuft, und dem Komiker vom Schlage Hallervorden, der bewusst dilettantisch vor sich hin blödelt. Damit ist zum einen die mit dem Handbuch abgebaute Trennung zwischen E und U wiederhergestellt, zum anderen bleiben wichtige amerikanische Comedians wie Jerry Seinfeld, George Carlin oder Louis C.K. unerwähnt.

          Insgesamt gelingt es den Autoren, das von ihnen sondierte Terrain zu strukturieren, ohne den handbuchtypischen Fehler zu begehen, einen kanonischen Text nach dem anderen auf das Allernötigste herunterzubrechen. Wer eine systematische Aufbereitung der Komikforschung sucht, der wird hier erstmals fündig, und das, obwohl bereits 1976 der Band „Das Komische“ in der renommierten Reihe „Poetik und Hermeneutik“ erschienen ist. Gewiss wurde seitdem manches über Komik geschrieben, dies jedoch oft im Schatten von Trendkategorien wie „Raum“ und „Performanz“. Das Handbuch leistet daher einen gebotenen Beitrag zur Nobilitierung von Komik und Gelächter in den Geisteswissenschaften.

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