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Utz Maas: Was ist deutsch? Hochdeutsch ist ein politisches Projekt

Vom republikanischen Geist der Grammatik: Der Grazer Germanist Utz Maas führt im Rückwärtsgang durch die Geschichte der deutschen Sprache - und verheddert sich in der Leitkulturdebatte.

© Verlag

Goethe diktierte viel, las das Niedergeschriebene aber oft erst Jahre später. Dabei stieß er dann auf manch erstaunlichen Unsinn, den er sich erst durch mühsames Rekonstruieren erklären konnte: Aus Goethes „Pyriten“ hatte der Schreiber „beritten“ gemacht, der „Tugendfreund“ war zum „Kuchenfreund“ geworden, und Daniels „Löwengrube“ hatte sich in eine „Lehmgrube“ verwandelt. Was Goethe als „Hörfehler“ seiner Sekretäre verbuchte, war in Wahrheit die Verschriftung seiner eigenen Frankfurter Sprachfärbung. Noch zur Zeit der Weimarer Klassik, als sich bereits eine überregionale deutsche Schriftsprache herausgebildet hatte, sprachen auch die gebildeten Stände noch mit starkem Dialekteinschlag, löste die Frage nach den Normen und Regeln der Hochsprache Streit und Unsicherheit aus.

Wie wenig selbstverständlich die Existenz der hochdeutschen Standardsprache ist, die heute den Schulunterricht und die überregionale Kommunikation zwischen Nordseeküste und Südtirol dominiert, wie sehr sie das Ergebnis einer kollektiven, sich über Jahrhunderte erstreckenden Anstrengung von Kanzleischreibern, Schriftstellern, Druckern, Grammatikern, Geistlichen und Lehrern darstellt, schildert der Grazer Germanist Utz Maas. Der Titel seines Buches „Was ist Deutsch?“ stellt eine jener scheinbar einfachen Fragen, die sich als immer komplexer entpuppen, je weiter man ihnen nachgeht.

Von der Mündigkeit entfernt

Maas nimmt den Leser mit auf einen Gang durch die deutsche Sprachgeschichte, der in der multikulturellen Gegenwart beginnt und in der germanischen Vorzeit endet. Diese Richtung, dem Zeitpfeil entgegen, hat den didaktischen Vorteil, das Publikum im Hier und Jetzt „abholen“ zu können. Allerdings müssen dadurch auch die historisch-kausalen Abläufe von den Ergebnissen her aufgerollt werden. Das macht die Darstellung mitunter etwas unbefriedigend, weil der Leser immer wieder einmal zur genaueren Erklärung auf noch kommende Kapitel verwiesen wird.

Maas erhebt nicht den Anspruch, Neuigkeiten mitzuteilen; worum es ihm geht, ist die Perspektive: Er zeichnet die Entwicklung hin zur Hochsprache als einen Prozess gesellschaftlicher Arbeit, die darauf abzielt, die Ressourcen, die die Wortschätze, grammatischen Strukturen und Lautinventare der Mundarten boten, zu einem Medium auszubauen, das es erlaubt, auch differenzierteste Gedankengänge zu formulieren und über alle provinziellen Begrenzungen hinweg zu vermitteln.

Für Maas ist das, was wir heute „Hochdeutsch“ nennen, eine Schriftsprache, die sich von der Mündlichkeit, in der sie wurzelt, strukturell so weit entfernt hat, dass sie längst etwas Eigenes darstellt - kein irgendwie gewachsenes Gebilde, sondern ein zutiefst politisches, ja ein eigentlich „republikanisches“ Projekt, an dessen Horizont die Partizipation aller Bürger am demokratischen Diskurs aufscheint.

Romantische Ursprünglichkeit

In seinen besten Momenten bietet das Buch so etwas wie eine politische Ökonomie der Grammatik. Maas illustriert seinen Rückwärtsgang durch die Geschichte mit einer Fülle von Quellen, deren Analysen er durch Übersetzungen und Annotationen auch für diejenigen nachvollziehbar macht, die des Althochdeutschen, Lateinischen, Jiddischen oder Niederdeutschen nicht mächtig sind. Im Satzbau bäuerlicher Testamente, dem Vokabular fürstlicher Kanzleien oder der Orthographie geistlicher Predigten zeigt Maas die Spracharbeit von Menschen, die natürlich nicht die Schaffung einer Standardsprache zum Ziel hatten, die aber zu ihrer Entstehung beitrugen, indem sie sich bemühten, die Ausdruckskraft, Verständlichkeit und Reichweite ihrer Worte und Sätze zu optimieren.

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