http://www.faz.net/-gr3-uudi

: Unfassbar kenntnisreich

  • Aktualisiert am

"Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts." Der Satz von Hanns Eisler klagt ein, was nicht nur in Opernführern, die sich auf Inhaltsangaben beschränken, verschwiegen wird, sondern auch in werkanalytischen Einzeldarstellungen wie Pipers unverzichtbarer "Enzyklopädie des Musiktheaters" ausgeklammert ...

          "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts." Der Satz von Hanns Eisler klagt ein, was nicht nur in Opernführern, die sich auf Inhaltsangaben beschränken, verschwiegen wird, sondern auch in werkanalytischen Einzeldarstellungen wie Pipers unverzichtbarer "Enzyklopädie des Musiktheaters" ausgeklammert wird: dass die Geschichte der Oper mit der Ideen-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte ebenso untrennbar verbunden ist wie mit der Geschichte der Ideologien.

          Genau dies wird in dem Mammutwerk deutlich, das Ulrich Schreiber unter dem Titel "Opernführer für Fortgeschrittene" nun mit dem fünften Band abschließt. 25 Jahre Arbeit hat der kürzlich verstorbene Theater- und Musikkritiker (F.A.Z. vom 18. Juni) in dieses Werk hineingesteckt, das er selbst lieber die "Die Kunst der Oper" genannt hätte. Sei es, dass die tragédie lyrique in mythischen griechischen Helden den Sonnenkönig glorifiziert, zugleich aber aufklärerische Konterbande einschmuggelt; dass die Händelsche opera seria für "den im Sinne der Fürstenspiegel zu verstehenden Sieg der Vernunft" kämpft; dass die opera buffa "Klänge aus der Arbeitswelt" aufnimmt - schier endlos ließe sich mit Beispielen fortfahren, die zeigen, welche Haupt-, Seiten- und Nebenwege Ulrich Schreiber im Labyrinth der Oper erkundet hat und welche Bezüge oder Vernetzungen er, immanent musikalisch wie ideengeschichtlich, herzustellen weiß. Doch setzt seine Darstellung - ein Epochenwerk - den Typus eines Lesers voraus, der, im Sinne Brechts, fortschreiten will. Als der dritte Band über "Das 20. Jahrhundert" widerlegt der fünfte dieser Enzyklopädie sowohl durch die Fülle des Materials als auch durch den Blick auf die Praxis des Musiklebens die weitverbreitete, aber bequeme und oft reaktionäre Ansicht, das neunzehnte sei das Jahrhundert der Oper.

          Behandelt werden darin Russland und seine Satelliten unter besonderer Berücksichtigung des von der Politik ausgeübten ästhetischen Terrors; die Oper in Ost- und Südosteuropa; Komponisten aus Portugal, Spanien, Belgien und Skandinavien; der amerikanische Weg vom Wagnerismus bis zur Broadway-Opera. Seine Weltumsegelung führt Schreiber in den Fernen Osten, nach Australien und Afrika und damit auch zu der Entdeckung, dass die Oper "die letzte glaubwürdige Religion" ist - eine Feststellung des englischen Regisseurs Ken Russell ("Mahler"), den er seinem vierten Band als Motto voranstellte. Igor Strawinsky als dem "Proteus der Weltmusik" wie Leos Janácek mit seiner "Weltmusik aus der Provinz" sind Großkapitel gewidmet - wie in früheren Bänden über das vorige Jahrhundert Giacomo Puccini, Richard Strauss und Benjamin Britten.

          Schreiber ist weder Hoherpriester jener "Religion" noch ein Dogmatiker wie einige Vertreter der Avantgarde, die sich die vom deutschen Theater- und Rundfunksystem subventionierte Erfolglosigkeit leisten konnten. Aber er betont auch, dass die Akzeptanz schwieriger und sperriger Werke ein Gradmesser ist für die Tolerenz der Politik und der Medien, ohne die künstlerische Experimente nicht möglich sind und Kultureinrichtungen nicht überleben können. Zumindest implizit kann ein "fortschreitender" Leser daraus erkennen oder schließen, dass es nicht nur politische Normenkontrollen gibt wie einst in der Sowjetunion oder während des Dritten Reichs, sondern auch eine Gängelung durch Bigotterie wie in der jungen Bundesrepublik oder eine kapitalistische Marktkontrolle, welche gnadenloser denn je die Einschaltquote und damit die Einfaltsquote zum Kunstrichter macht.

          Weitere Themen

          Glück mit dem Gaukler

          Neue Rossini-Editionen : Glück mit dem Gaukler

          Vor 150 Jahren starb Gioachino Rossini. Zwei große Editionen seiner Opern, Lieder und Kirchenmusik belegen, dass es endlich wieder die Sänger gibt, durch die wir seine Musik neu lieben lernen.

          Topmeldungen

          Vereinigte Staaten : Wer kann Donald Trump besiegen?

          Sollen die Demokraten nach links rücken oder doch lieber die Mitte besetzen? Die Welt verfolgt gebannt den Ausgang des Richtungskonflikts in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige hoffen auf eine Empfehlung des ehemaligen Präsidenten Obama.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.