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: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft

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Nietzsche hat Sätze geschrieben, die auch seine Bewunderer "entsetzlich" nennen müßten, wenn sie an ihnen nicht konsequent vorbeiläsen. Gemeint sind damit nicht die Wahnsinnszettel, die er kurz vor seinem Zusammenbruch gekritzelt hat, sondern nüchtern formulierte Parolen, auf die er mehrfach zurückgekommen ist.

          Nietzsche hat Sätze geschrieben, die auch seine Bewunderer "entsetzlich" nennen müßten, wenn sie an ihnen nicht konsequent vorbeiläsen. Gemeint sind damit nicht die Wahnsinnszettel, die er kurz vor seinem Zusammenbruch gekritzelt hat, sondern nüchtern formulierte Parolen, auf die er mehrfach zurückgekommen ist. Sein vermutlich berühmtester Ausspruch allerdings gehört vielleicht nicht zu diesen Roheiten. Wenn er, der Antifeminist, den Mann ermahnt, die Peitsche nicht zu vergessen, wenn er "zum Weibe geht", dann mag dabei ein gewisser Wortwitz mitspielen. Es gibt bei ihm Schlimmeres, zum Beispiel den Preis der "blonden Bestie", die Verteidigung der Sklaverei als Bedingung jeder Kultur, den Aufruf zur Härte, den Kampf gegen das Mitleid, das Programm der Menschenzüchtung und der Ausrottung der "Minderwertigen". "Die Schwachen und Mißratenen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen." Noch ein Beispiel: "Der Mann soll zum Krieger erzogen werden und das Weib zur Erholung der Krieger: alles Andere ist Torheit."

          Was fangen Nietzsche-Erklärer mit solchen Sätzen an? In den Jahren 1945 bis 1950 schoß eine Nietzsche-Literatur ins Kraut, die Nietzsche als Verführer brandmarkte. Die Zeit der Abrechnung schien gekommen. Hitler selbst hatte Nietzsche als Vordenker gerühmt und seiner Schwester Elisabeth einen feierlichen Besuch abgestattet; Goebbels hatte erklärt, er lese Nietzsche bis tief in die Nacht. Alfred Baeumler hatte im Anschluß an Alfred Rosenberg die nationalsozialistische Nietzsche-Begeisterung in akademische Prosa umgesetzt. Nietzsche galt daher in den ersten Nachkriegsjahren der Bundesrepublik als Wegbereiter des Zusammenbruchs. Heute sind diese vielen Broschüren vergessen; das Nietzsche-Bild wurde inzwischen neutraler und ruhiger.

          Bewies nicht das Interesse vieler Franzosen und Italiener an Nietzsche seine politische Unschuld? So schien er endlich entnazifiziert. Erfolgsbewußte Autoren nähern sich heute Nietzsche als Biographen; nach den Pionierarbeiten des Baslers Curt Paul Janz kann jeder leicht ein biographisches Nietzsche-Buch schreiben; setzt er noch forsch den Akzent auf Homosexualität oder auf Nietzsches übertriebene Ängstlichkeit, entsteht im Handumdrehen ein "interessantes" Sachbuch. Manche treiben es toll: Mit ihrer psychologisierenden Einfühlung prämieren sie noch das unausgeglichene Nebeneinander widersprechender Ideen; sie rühmen Nietzsches Seele als Schlachtfeld von Unvereinbarkeiten. Postmoderner Polyzentrismus findet in ihm seinen Klassiker. Gelegentlich erhalten selbst Nietzsches Grobheiten und seine sozialdarwinistischen Aussprüche ihren Platz.

          Mit Lukács gegen Adorno.

          Der Königsweg der deutschen Universitätsphilosophie war freilich seit den sechziger Jahren ein anderer. Heideggers Nietzsche, 1961 erschienen, hat ihn gewiesen. Er führte heraus aus den Niederungen der Psychologie und der Politik. Nietzsche wurde jetzt gedacht als letzter Höhepunkt und Selbstauflösung der abendländischen Metaphysik, als Antiplatoniker, der vom Erbe Platons zehrte. Die Leitfrage der Philosophie, sagte Heidegger, laute: Was ist das Seiende? Nietzsche habe sie beantwortet mit: Der Wille zur Macht. Dabei habe er der Kunst eine ausgezeichnete Stellung zugewiesen. Damit war die weltgeschichtliche Bedeutung Nietzsches gesichert und die deutschsprachige Nietzsche-Literatur auf ein abstraktes Plateau gestellt. Nietzsche-Bücher mit akademischem Anspruch handelten nun von Nihilismus, Perspektivismus, von Philosophie der Kunst oder der Sprache. Die politischen Peinlichkeiten verschwanden in Anmerkungen. Oder einfacher noch: Sie wurden mit philosophischer Konsequenz ignoriert.

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