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: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft

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Losurdo hat die Nietzsche-Kritik von Georg Lukács auf eine neue methodische Basis gestellt. Sein Buch ist ein Studienwerk mit strengstem historischen Anspruch, geschrieben mit guter Kenntnis der deutschen Sprache und der deutschsprachigen Literatur. Zugleich ist es ein Thesenbuch mit hämmernder Polemik gegen die Unschuldshermeneutik, die in Nietzsche nur den Theoretiker der unendlichen Interpretation sieht. Die extremen politischen Aussagen lassen sich keineswegs zu seiner Entlastung nur auf Nietzsches Schwester Elisabeth zurückführen. Als Nebenwirkung seiner gelehrten Studien entlastet Losurdo das "Lama" und kritisiert das Eindringen der Entschuldungsrhetorik in die Textfassung bei Colli-Montinari und in italienische Nietzsche-Übersetzungen. Nietzsches Verteidigung der Sklaverei, sein eugenisches Programm und sein Antifeminismus sind seine eigenen Thesen, sie sind mehr als ein metaphorisches Spiel. Ohne Nietzsche zum Vorläufer Hitlers zu machen, gibt Losurdo zu bedenken: Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Denker in rationaler Argumentation die Gemeinsamkeit der menschlichen Natur zugunsten männlicher Herrenmenschen aufgibt. Nietzsche opfere die Allgemeinheit argumentativer und ethischer Verbindlichkeit zugunsten des Machtwillens der Wohlgeratenen.

Losurdo hat ein hartes, ein klares Buch geschrieben. Schroff setzt er Nietzsche als politischen Denker gegen die jahrzehntelange Entpolitisierung von dessen Werk. Zuweilen neigt er zu abstrakter Etikettierung philosophischer Positionen; gelegentlich entgeht ihm ein wichtiges Buch wie das genannte von Urs Marti. Aber diese Schwächen macht er wett durch enorme Quellenkenntnis. Es gibt nicht viele Bücher über Nietzsche, aus denen man so viel lernen kann wie aus diesem. Losurdo verschweigt nicht, daß er von Lukács herkommt und mit Manfred Buhr zusammengearbeitet hat. Dies gibt seinem Buch eine linke Einfärbung. Ein italienischer Freund, den ich nach Losurdo fragte, verglich ihn mit einem sibirischen Mammut, der in der ideengeschichtlichen Landschaft herumtobe und seine historischen Perspektiven den Beschlüssen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion entnommen habe. Ich widerspreche hiermit meinem witzigen Freund, der das Nietzsche-Buch nicht kannte. Losurdo hat keinen Parteitraktat geschrieben, aber der europäischen Nietzsche-Gemeinde einen massigen Stein in den Vorgarten geworfen. Es wird vergnüglich sein zu sehen, wie man sich an ihm zu schaffen macht.

KURT FLASCH.

Domenico Losurdo: "Nietzsche, il ribelle aristocratico". Biografia intellettuale e bilancio critico. Bollati Boringhieri, Turin 2002. 1167 S., geb., 68,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2003, Nr. 44 / Seite 42

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