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: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft

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Der Unzeitgemäße, zeitgebunden.

Nun war immer schon beobachtet worden, daß Nietzsche von 1866 bis 1872 eine wagnernahe, deutschtümelnde und judenfeindliche Politik gefordert hatte und daß er 1888 auf seine politischen Interessen pointiert zurückgekommen ist. Aber Losurdo, ein besserer Historiker als Ernst Nolte, bietet dafür eine historische Erklärung: Die revolutionäre Situation in Paris hatte sich seit der blutigen Unterdrückung der Commune im Lauf der siebziger Jahre konsolidiert; die Sozialgesetzgebung Bismarcks und erst recht das soziale Kaisertum Wilhelms II. und seines Hofpredigers Stöcker forderten den "aristokratischen Radikalismus" heraus.

Losurdo unterscheidet wie die ältere Forschung drei Etappen der intellektuellen Entwicklung Nietzsches. Das erste Stadium - von etwa 1869 bis 1876 - steht im Zeichen Schopenhauers und Wagners; Aufklärungskritik, tragische Metaphysik und judenfeindliche Deutschtümelei bestimmen die philosophischen Texte des jungen Baseler Professors. Es folgt der Zeitabschnitt, den man mit Einschränkungen "aufklärerisch" nennen könnte. Diese Jahre, von etwa 1876 bis 1881, brachten die Öffnung zur historischen und naturwissenschaftlichen Empirie. Der Abwendung von Wagner und Schopenhauer entsprach die Zuwendung zu den französischen Moralisten. Es ist die Zeit der fröhlichen Wissenschaft, des neuen Perspektivismus, der Metaphysikkritik und des aphoristischen Stils. Noch fehlt die Idee der Ewigen Wiederkehr und die Formel vom Willen zur Macht. Diese finden sich in den Verkündungsreden des Zarathustra (1883/1885) und in den Arbeiten, die zwischen 1885 und 1888 zu dem nie vollendeten Hauptwerk "Willen zur Macht" führen sollten.

Diese Dreiteilung der intellektuellen Entwicklung Nietzsches ist weder neu noch im Grundriß bestritten, aber Losurdo konkretisiert sie durch konsequente Auswertung der Briefe. Er korreliert Nietzsches Philosophieren mit zeitgenössischen politischen Ereignissen und Debatten. Dabei gibt er instruktive Hinweise auf geschichtsphilosophische, moraltheoretische und rassenpolitische Rechtfertigungen der europäischen Revolutionen, der amerikanischen Sklavenbefreiung und der englischen Kolonialherrschaft, die Nietzsche gekannt hat und auf die er sich bezog. Nietzsche erscheint dadurch weniger einsam und weniger "unzeitgemäß", als er sich selbst stilisiert hat. Bei aller Differenzierung nach Themen und Stadien erscheint sein Werk einheitlicher als bei den postmodernistischen Adepten und weniger abstrakt-spekulativ als im Gefolge Heideggers. Sein "Pathos der Distanz" bezog sich auf die entstehende Massengesellschaft und ihre Theoretiker, insbesondere auf den Sklavenaufstand des internationalen Proletariats. Nur ging es Nietzsche dabei, Losurdo zufolge, um die Abwehr der Egalisierung und Demokratisierung, und zwar durch Analyse ihrer Rechtfertigungen im Namen der Aufklärung, der Moral, des Sokratismus oder des Christentums. Nietzsches Vernunftkritik, sein Immoralismus und sein Antichristentum zeigen nur unter dem Gesichtspunkt der politischen Philosophie ihren gemeinsamen Grund. Sie sind divergierende Facetten der konsequenten Begründung des radikalen Aristokratismus und seiner Kritik der Moderne. Nietzsche selbst hat es im Blick auf den Pariser Arbeiteraufstand vom Frühjahr 1871 so formuliert: Ihn erschrecke, schrieb er am 21. Juni 1871 an seinen Freund Carl von Gersdorff, der "internationale Hydrakopf, der plötzlich so furchtbar zum Vorschein kam, als Anzeiger ganz anderer Zukunftskämpfe". Es handle sich hier um "das Verbrechen eines Kampfes gegen die Cultur", aber dieses Verbrechen sei nicht den unglücklichen Pariser Arbeitern anzulasten. Diese seien "nur Träger einer allgemeinen Schuld", über die "viel zu denken ist". Nietzsches Philosophie war die Analyse dieser jahrtausendealten Schuld.

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