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: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft

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Es gab da allerdings noch die Nietzsche-Kritik von Georg Lukács. Ihm galt Nietzsche als der Vater der irrationalistischen Tradition der deutschen Philosophie. Er war der Haupttäter im Prozeß der Zerstörung der Vernunft. Das Buch von Lukács, 1954 erschienen, war mit grober Feder geschrieben; mit seiner polternden Polemik gehörte es noch in die Gruppe der Abrechnungsliteratur. Da Adorno nicht müde wurde, sein Dictum zu wiederholen, das Buch von Lukács über die Zerstörung der Vernunft beweise nichts als die Zerstörung seiner eigenen, war die Nietzsche-Kritik von Lukács auch bei westdeutschen Linken um jede Autorität gebracht, selbst als unsere Achtundsechziger sich dem ungarischen Philosophen zuwandten, der schließlich seine antistalinistische Position inzwischen bewiesen hatte. In der DDR hielten sich die Vorbehalte gegen den Antisozialisten Nietzsche länger; in der Bundesrepublik umschwärmten Theologen beider Konfessionen den Atheisten Nietzsche liebevoll als Gottsucher.

Niemand überschaut die Zahl von Publikationen zu Nietzsche. Inzwischen schreibt bei uns jeder Privatdozent, der beim Lesen des Zarathustra rotglühende Ohren bekommen hat, ein begeistertes Büchlein über Nietzsche. Ich muß es also mit Vorbehalt sagen: Die gründlichsten Untersuchungen gelten seit 1960 den Problemen der Sprache, der Interpretation, des Perspektivismus und der Kunst; der politische Philosoph Nietzsche, der von 1930 bis 1950 im Vordergrund gestanden hatte, trat immer mehr zurück. Ganz übergangen worden ist er nicht: Henning Ottmann schrieb über Philosophie und Politik bei Nietzsche (1987); Ernst Nolte versuchte 1990 eine historisch-politische Einordnung; zu beachten bleibt Urs Martis Buch über Nietzsches Auseinandersetzung mit Revolution und Demokratie (1993). Das waren wichtige Korrekturen, aber insgesamt herrscht - nicht nur in Deutschland - noch immer der antimetaphysische Metaphysiker, der Anschluß bietet an "postmoderne" und dekonstruktivistische Gegenwartsfragen.

Gegen dieses Gesamtbild legt nun Domenico Losurdo massiv-gelehrten Einspruch ein. Sein Nietzsche ist ein ganz und gar politischer Denker, auch noch in seinen abstraktesten Passagen. Als bloße Behauptung wäre das nicht neu; aber Losurdo führt seine These in einer minuziösen Analyse des Gesamtwerks Nietzsches durch. Dies macht die Bedeutung dieses 1200-Seiten-Buches aus. Sein Verfahren ist konsequent philologisch-historisch; es bleibt handwerklich korrekt, auch wenn es auf eine Nietzsche-Kritik im Sinne von Lukács hinausläuft. Losurdo rekonstruiert Lektüren und Zeitereignisse; er integriert die biographische Forschung und wägt sorgfältig Kontinuität und Diskontinuität in der Denkentwicklung Nietzsches ab. Er kennt ausgezeichnet die philosophisch-politischen Debatten des neunzehnten Jahrhunderts, auch die in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten. Er sieht den politischen Denker Nietzsche im Kontext der intellektuellen Auseinandersetzungen mit den Revolutionen von 1789, von 1830 und 1848. Sein Ergebnis: Nietzsches Denken stellte sich durchgängig gegen den Zyklus der Revolutionen; bei aller Verschiedenheit der einzelnen Phasen seines Philosophierens zeigt sich als durchgehendes Motiv der "aristokratische Radikalismus". Diese Formel ist alt; Georg Brandes hat sie 1887 geprägt; Nietzsche hat sie mit Enthusiasmus begrüßt. Bei Losurdo wird sie zum Leitfaden einer überaus detaillierten Recherche. An deren Ende steht ein neues Nietzsche-Bild: der Philosoph einer aristokratischen Reaktion, der sein Denken - darin ähnlich wie Marx - als Übergang zur "That" verstand, allerdings anders als dieser als einen "Kampf" für die "Partei des Lebens". Alle scheinbar rein theoretischen Einwände gegen Sokrates, Jesus, Luther und Rousseau, alle moralphilosophischen Argumente gegen die Sklavenmoral waren demnach theoretische Prämissen einer politischen Option. Sie dienten der Abwehr von Revolution, Sozialismus und Demokratie, die Nietzsche über die Aufklärung hinaus auf die christlich-sokratischen Ideen und zuletzt auf das nachexilische Judentum zurückführt. Auch die pädagogischen Interessen Nietzsches, insbesondere seine Ablehnung des preußisch-deutschen Schulwesens, stehen in diesem Zusammenhang: Wenn jede Kultur auf Sklaverei beruht, kann der Wahn einer sozial verbreiterten Allgemeinbildung nur schaden. Das Lesenkönnen erleichtert den Sklavenaufstand.

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