http://www.faz.net/-gr3-7jms4

Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte : Erfundene Landkarten müssen genau sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

Von Atlantis über Eldorado bis nach Ultima Thule: Umberto Eco führt durch Länder und Städte, die nirgendwo liegen und gerade deshalb höchst anziehend sind.

          Könnten wir einen Blick in Umberto Ecos Kopf werfen, wir sähen nicht Gewebe und Nervenstränge, sondern eine Bibliothek. Endlose Reihen von Bücherregalen stünden da, bis zum Rand gefüllt mit jenen altmodisch papiernen Datenträgern, die manch einer schon voreilig ins Reich der Geschichte verbannt hat. Und welche Vielfalt würde sich uns präsentieren! Da stünden Abhandlungen zur aristotelischen Naturphilosophie und Studien über mittelalterliche Ästhetik gleichberechtigt neben Klassikern der literarischen Moderne und Ian Flemings James-Bond-Romanen. Mitten im geordneten Chaos fänden sich auch manche seltenen Ausgaben von Werken aus vergangenen Epochen.

          Ecos späte Bücher sind vollgepackt mit Wissen, wunderbar detailreich und liebevoll komponiert. Nur wenn, wie in den jüngsten Romanen bisweilen geschehen, Eco, der Erzähler, gegenüber Eco, dem Gelehrten, arg weit ins Hintertreffen gerät, wünscht man sich als Leser ein wenig Mäßigung - und bleibt doch entzückt. Da sich aber selbst die umfangreichen Romane nur begrenzt aufnahmefähig zeigen, hat Eco in der Vergangenheit immer wieder auch andere Wege beschritten. So erschien vor knapp zehn Jahren eine „Geschichte der Schönheit“ und drei Jahre später folgerichtig das Gegenstück, die „Geschichte der Hässlichkeit“. Beide Bücher meiden jeden akademischen Jargon. Zweifellos haftet den reichillustrierten Bänden auch etwas Anachronistisches an. Aber Eco ist kein Nostalgiker. Vielmehr ist er ein Connaisseur, der ungeachtet seiner Kennerschaft nie in Routine verfällt.

          Geschichtsschreiber und Erzähler

          Davon zeugt auch das jüngste Werk „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“. Legendär sind für Eco solche Orte, an die sich „heutzutage oder in der Vergangenheit Hirngespinste, Utopien und Illusionen geknüpft haben, weil viele Menschen wirklich glaubten, dass sie irgendwo existierten oder existiert hätten“. Manche dieser Orte, wie die ägyptischen Pyramiden oder das Jerusalem der Bibel, lassen sich tatsächlich bereisen. Aber Eco geht es vornehmlich um die mit diesen Orten verbundenen Vorstellungen und Phantasien, um die Längen- und Breitengrade in den Köpfen der Menschen. So legt er dar, welche Theorien sich um die wahre Route des Odysseus ranken, nur um dann zu dem Schluss zu kommen, dass alle Versuche, die „Odyssee“ auf einer modernen Karte nachzuzeichnen, nur neue Sagen hervorgebracht haben: „Das Faszinierende ist, dass man sich durch die Jahrhunderte hindurch von einer Reise bezaubern ließ, die nie stattgefunden hat.“

          Der Begriff „Geschichte“ ist seinerseits sowohl als Historie als auch als Erzählung zu verstehen. Historiographisch geht Eco vor, wenn er ausführliches Quellenstudium betreibt, seine zahlreichen Funde akribisch belegt und jedem Kapitel Auszüge aus Originaltexten beifügt. So kann man im Wortlaut nachlesen, was Johannes von Hildesheim in der „Historia de gestis et translatione trium regum“ von 1477 über die Herkunftsländer der drei Weisen aus dem Morgenland zu berichten weiß oder wie der römische Dichter Vergil die elysischen Gefilde beschreibt. Die zahlreichen farbigen, teils doppelseitigen Abbildungen vervollständigen das Kompendium und machen die Lektüre auch zu einem visuellen Erlebnis. An eine klassische Erzählung erinnert hingegen die spürbare Freude, mit der Eco vom Schlaraffenland oder von Avalon, dem Hort des heiligen Grals, fabuliert.

          Die Wahrheit sagt nur die Literatur

          Überhaupt: die Realität des Imaginären. Bekannt mutet dem mit Eco vertrauten Leser nicht nur die Fülle an, die sich auf jeder einzelnen Buchseite präsentiert. Das listige Spiel um Wahrheit und Illusion zieht sich wie ein roter Faden durch Ecos Werk, es findet sich in seinen literaturtheoretischen Arbeiten ebenso wieder wie in den Romanen. Dass die suggestive Kraft der Fiktion mitunter verhängnisvolle Folgen haben kann, davon handelte zuletzt „Der Friedhof in Prag“. In dem Roman erfindet ein windiger Fälscher die „Protokolle der Weisen von Zion“, jene unheilvolle Hetzschrift, die Antisemiten bis heute ideologische Munition liefert.

          „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“, die, wie es im Vorwort heißt, von der „Wirklichkeit von Illusionen“ handelt, stellt so gesehen einen optimistischen Gegenentwurf dar und vielleicht auch ein Eingeständnis: dass die Fiktion, nimmt man sie für bare Münze, zwar allerlei Unheil anzurichten vermag. Dass wir aber umgekehrt der Fiktion, um deren Schein wir wissen, darum nicht weniger, sondern höchstens auf andere Art verfallen. Die schönste Lüge hört auf den Namen Literatur. Aber gerade weil in den möglichen Welten der Literatur „absolute Gewissheit herrscht“, so Ecos Pointe, vermitteln sie uns zugleich „einen sehr starken Begriff von Wahrheit“.

          Umberto Eco: „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“. Übersetzt von Martin Pfeiffer und Barbara Schaden. Carl Hanser Verlag, München 2013. 480 S., Abb., geb., 39,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Erdogan legt im Streit mit Amerika nach Video-Seite öffnen

          „Keine Demokratie“ : Erdogan legt im Streit mit Amerika nach

          Recep Tayyip Erdogan hat bei einer Rede in Istanbul gesagt, dass Amerika keine Demokratie sein könne. In den Vereinigten Staaten werden derweil Sicherheitskräfte Erdogans verklagt, weil sie bei einem Amerika-Besuch des türkischen Präsidenten gewalttätig gegenüber Demonstranten geworden sein sollen.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchzugreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.