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Ulrich Johannes Schneider: Die Erfindung des allgemeinen Wissens : Als das Alphabet das Kommando übernahm

Bild: Akademie Verlag

Ulrich Johannes Schneider mustert Beispiele enzyklopädischen Schreibens im Zeitalter der Aufklärung.

          Bücher halten sich bekanntlich Leser, um neue Bücher hervorzubringen. Zum einen, weil sie ein Publikum brauchen, zum anderen, weil in Letzterem auch die Autoren stecken, die aus den alten Büchern die neuen zusammenmischen. Diese Feststellung gilt zwar ziemlich allgemein, aber trotzdem kann man Genres von Büchern ausmachen, in denen sich dieser Mechanismus eher unverstellt und fast ohne ablenkende Nebeneffekte zeigt.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Gemeint sind vor allem Werke, die den Anspruch erheben, bestimmte oder auch mehrere Wissensgebiete mehr oder minder handlich und jedenfalls benutzerfreundlich zu präsentieren: Sachwissen in bündiger Form, extrahiert aus Büchern - zumindest bis vor nicht allzu langer Zeit - und natürlich selbst Stoff, von dem sich die nächste Generation der Bücher ihres Genres nährt. Enzyklopädien und Lexika also, so ihre meist im Titel gegebene Gattungsbezeichnung seit dem achtzehnten Jahrhundert. Davor traten sie unter einer ganzen Reihe von sprechenden Bezeichnungen auf, in denen sich die Aspekte von Sammlung, übersichtlicher Präsentation und Nützlichkeit des zusammengestellten Wissens niederschlugen: Theater, Schauplatz, Thesaurus, Museum, Archiv, Palast, Schatzkammer, Rüst- und Bücherkammer, Florilegium, Garten oder auch Messe.

          Eine Welt wie ein großes Puzzle

          Tatsächlich waren diese Bücher manchmal mit Sammlungen von Dingen verknüpft: von Naturalia wie Artefakten, welche die Kuriositätenkabinette und Wunderkammern der Frühen Neuzeit zusammenführten. Aber wichtiger noch war das Fortfallen einer anderen Grenzziehung, nämlich zwischen Texten und Sachen. Die frühen Enzyklopädien gediehen in einer Kultur des Wissens, für die Lektüre, Exzerpieren, Zusammenstellen und Umschreiben von Texten die selbstverständlichen Voraussetzungen intellektueller Produktion waren. Schreiben war eine fortgesetzte Form umfassender Lektüre (was in der modernen akademischen Produktion ja auch nicht einfach abbricht). Das enzyklopädische Wissen, so resümiert es Ulrich Johannes Schneider in seinem neuen Buch, „indexiert Texte, um aus dem so geschaffenen Register eine neue Welt der Dinge in der Form von Texten aufzubauen - eine Welt wie ein großes Puzzle“.

          Schneider ist ein exzellenter Kenner dieser frühneuzeitlichen Wissenskultur und der Übergänge zu ihren modernen Formen. Dem Historiker der Philosophiegeschichte und Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek sind die großen ideengeschichtlichen Linien dieser Umbrüche ebenso vertraut wie die ganz konkreten Facetten der Buchproduktionen, in denen sich die verschiedenen Regime des Wissens niederschlugen. Im Mittelpunkt seines Buches steht das „Grosse vollständige Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste“, das Johann Heinrich Zedler ab 1732 herausgab. Es ist die früheste von drei großen und universell angelegten, nunmehr alle Wissensgebiete übergreifenden Enzyklopädien des achtzehnten Jahrhunderts.

          Der Enzyklopädist als Therapeut

          Von 1751 an erscheint in Paris die „Encylopédie“, ab 1768 in London die „Encyclopedia Britannica“. An Umfang freilich sticht das Zedlersche „Lexicon“ sie aus: 1751 war der Abschluss mit 64 stattlichen Folio-Bänden erreicht, dem noch Supplemente folgten, 284 000 Artikel waren da zusammengekommen. Im Umfang spiegelt sich der neue Anspruch, dem Schneiders Interesse insbesondere gilt: alle Wissensgebiete zusammenzuführen und für jede Sachfrage Antworten zu bieten. Ein Anspruch, der den systematischen Aufbau - mit dem d’Alembert in der Einleitung zur „Encyclopédie“ sogar noch kokettiert - zur Seite drängt: Das Alphabet übernimmt als arbiträres System der Anordnung definitiv das Kommando, und dem System der Verweisungen - Sorgenquell aller Lexikographen - ist es überlassen, Beziehungen zwischen den Einträgen zu stiften.

          Weil wenig bekannt ist über die Redaktion des „Zedler“, seine Autoren zudem anonym blieben - erst die „Encylopédie“ wird die Autorsignaturen einführen -, zeigt Schneider anhand einiger Lektüren quer durch die Bände und Sachgebiete, wie das allgemeine und gleichzeitig nützliche Wissen in ihm hergestellt werden sollte. Der Enzyklopädist, so sein Resümee, tritt hier als Therapeut auf, der sich empirisch gibt, dem Leser keine wissenschaftlichen Wahrheiten um die Ohren schlägt und ihn mit philosophischen Begriffszergliederungen verschont, statt dessen verbürgtes und aktuelles Wissen zusammenträgt, um es anwendbar zu machen. In der versprochenen Aktualität liegt freilich auch des Enzyklopädisten Fluch, denn er weiß bereits, dass sein Projekt selbst schon als vergangenes Wissen gelten muss, wenn es endlich beim letzten Band angekommen ist.

          Ob man sich wirklich eine „Zedler-Forschung“ wünschen soll, steht dahin. Sie wäre zumindest kaum mehr etwas für das allgemeine Publikum, zu dem Schneiders kleiner eleganter Streifzug, nicht zuletzt wegen der Seitenblicke auf viele andere Lexikon-Projekte, doch noch den Kontakt hält.

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