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Ulrich Herberts „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ : Sonderweg? Was für ein Sonderweg?

Schwergewichtig: Ulrich Herbert legt eine beeindruckende Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert vor - eine Bilanz politischer Entscheidungen in Zeiten technokratischer Raserei.

          Am 21. März 1933 traten die Abgeordneten des am 5. März gewählten Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche zusammen. Mit diesem Festakt in Anwesenheit des Reichspräsidenten Hindenburg stellte sich der seit dem 30. Januar regierende Reichskanzler Hitler in die Tradition der preußischen Militärmonarchie. Die Gewaltmaßnahmen, die von der neuen Regierung nach dem Brand des Reichstags am 28. Februar ergriffen worden waren, sollten im Lichte dieser propagandistischen Inszenierung als Handlungen zur Wiederherstellung der alten staatlichen Ordnung verstanden werden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am selben Tag nahm auch der britische Botschafter in Berlin, Sir Horace Rumbold, eine historische Einordnung des Regierungswechsels vor. In seinem Bericht an den liberalen Außenminister Sir John Simon setzte er vergleichend an. Die meisten Revolutionen gingen mit einer Schreckensherrschaft einher; an diesem Standard gemessen, seien die Methoden des Umsturzes in Deutschland noch milde zu nennen. „Obwohl zweifellos viele unschuldige Menschen ermordet, eingekerkert oder misshandelt wurden und Deutschlands guter Name als der eines zivilisierten Landes im Ausland ernsthaft gelitten hat, so hätte der Übergang doch blutiger sein können.“

          Ein Erzempiriker

          Diese Einschätzung, die Ulrich Herbert in seiner „Deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert“ zitiert, ist geeignet, den Leser zu verblüffen. Ein paar Seiten vorher hat Herbert aus der Predigt zitiert, die Generalsuperintendent Otto Dibelius am 21. März in der Nikolaikirche vor den evangelischen Abgeordneten hielt: „Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt.“ Spontan wird man geneigt sein, diesen Satz für ein typisches Zeugnis deutscher Vergötzung der Obrigkeit zu halten. Doch dann lernt man, dass der britische Botschafter in seiner Beurteilung der deutschen Lage ebenfalls von der Normalität unfriedlicher Neuanfänge im Leben der Staaten ausging.

          Herbert ist einer der weltweit angesehensten Fachleute für Theorie und Praxis der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Seine Freiburger Schüler ließ er untersuchen, wie die Deutschen sich nach dem Untergang des Hitlerstaates der westlichen politischen Kultur zuwandten. Jetzt führt er im klassischen Format der nationalgeschichtlichen Erzählung beide Interessen zusammen. Seine deutsche Geschichte handelt aber nicht von der Ankunft in einem Westen, der spätestens seit 1776 von der absoluten Geltung der Menschenrechte überzeugt gewesen sei. Solche Idealisierungen, die ein älterer Historiker wie Heinrich August Winkler aus dem politologischen Demokratieunterricht der Nachkriegszeit in die Gegenwart gerettet hat, sind dem Erzempiriker Herbert fremd. Der Begriff des deutschen Sonderwegs kommt bei ihm auf 1450 Seiten nicht vor.

          In der Einleitung spricht er von zwei Argumentationsbögen. Zum einen stellt er die politische Entwicklung Deutschlands mit der Zäsur von 1945 dar, zum anderen erörtert er am deutschen Beispiel den kontinuierlichen Wandel der Industriegesellschaft. Er behauptet, die beiden Bögen stünden zueinander „in Widerspruch“ - das ist eine kuriose Formulierung, denn wenn zwei Argumente sich widersprechen, muss ja (mindestens) eines von beiden falsch sein.

          Der Autor will die Geschichte der deutschen „Wirtschaftswunder“ - er belegt, dass schon Hitlers Aufschwung mit diesem Wort bezeichnet wurde - nicht auf einen Fall aus dem Lehrbuch der sozioökonomischen Modernisierung (Kapitel: Nebenkosten) reduziert wissen. Er identifiziert das Tempo der Umstellung auf die Industriewirtschaft im Kaiserreich als die wichtigste Ursache aller politischen Fehlentwicklungen, beugt jedoch für den Fall vor, dass diese Deutung zu schlüssig erscheinen könnte. Der kulturkritisch überspitzenden Rede von der mörderischen Dynamik des Kapitalismus möchte er keine Munition liefern. In seinem nüchternen Hinweis, dass die Formel vom industriellen Massenmord nicht alle statistisch erheblichen Methoden der Judenvernichtung abdeckt, steckt die Warnung vor einem entlastenden Klischee.

          Die grausame Zivilisierungsmission

          Rumbolds Zwischenbilanz von Hitlers Revolution markiert den Punkt, in dem die beiden Linien von Herberts Darstellung zusammentreffen: Die Bögen des imposanten Argumentationsgebäudes stützen einander. Wenn der Botschafter die Ermordung vieler Unschuldiger als normale Begleiterscheinung eines Machtwechsels verbuchen konnte, spricht daraus die Erfahrung der Gewaltsamkeit der modernen sozialen Verhältnisse. Das politische Denken des bürgerlichen Zeitalters steht im Bann des Kampfgedankens, wissenschaftlich ausbuchstabiert im Sozialdarwinismus. Arbeitskämpfe waren an der Tagesordnung, und die Ungleichheit der Lebenschancen wurde als factum brutum hingenommen.

          Dass Hitlers Deutschland den Namen eines zivilisierten Landes nicht ein für alle Mal verspielt habe, konnte Rumbold annehmen, weil Zivilisation und Gewalt nicht als Gegensatz galten. Eindrucksvoll zeigt Herbert, wie die nationalsozialistischen Pläne der Erschließung von Lebensraum im Osten von der Idee der Nachahmung des Imperialismus der Briten und Franzosen gespeist wurden. Dass den Deutschen nennenswerte eigene Erfahrungen in der Kolonialherrschaft fehlten, verstärkte den abstrakten Zug dieses Ausgreifens in Riesenräume, die man sich menschenleer dachte.

          Den „Generalplan Ost“, den der SS-Chef Himmler bei „einer Gruppe hochrangiger Wissenschaftler“ bestellt hatte, würdigt Herbert als „ein Projekt der Modernisierung und Zivilisierung“. Die zwangsumgesiedelten deutschen Bauern sollten „ein modernes System von Ober- und Mittelzentren“ aus dem Boden stampfen. Einen Beleg „für die fortgeltende Tradition der Zivilisierungsmission“ findet Herbert in der Charakterisierung der Russen in einem Feldpostbrief vom 1. August 1941: „Es ist ein Volk, das langer und guter Schulung bedarf, um Mensch zu werden. Charakter und Wesen gehören noch viel mehr ins Mittelalter als in die Neuzeit.“

          Einen Mitarbeiter des „Generalplans Ost“ führt uns Herbert nach der erfolgreichen Resozialisierung vor: Hans Bernhard Reichow baute für die gewerkschaftliche Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat den Hamburger Stadtteil Hohnerkamp, eine „durchgrünte Siedlung“ fern vom Schmutz und Lärm der Fabriken. Das neue Bauen, das dann in den sechziger Jahren das Gartenstadtidyll durch den Traum von der urbanen Verdichtung ersetzte, wurde „als ein Stück Entnazifizierung verstanden“, obwohl die Abrissbirne nicht die Repräsentationsbauten und Siedlungen der Hitlerjahre traf, sondern die innenstädtischen Arbeiterviertel aus der Kaiserzeit, die einer großen Koalition von Konservativen und Sozialdemokraten als Schandfleck erschienen.

          Die Dynamik des sozialen Wandels macht Herbert daran fest, dass schon im Kaiserreich die Epoche Bismarcks zur guten alten Zeit verklärt wurde, zum Inbegriff einer bürgerlichen Lebenswelt, die es so angeblich nie gegeben hat. Ein Bewusstsein für das Fiktive an den Traditionsmomenten der bürgerlichen Sittlichkeit möchte Herbert auch bei den konservativen Nachkriegssoziologen Schelsky, Gehlen und Freyer ausmachen, deren Kritik der Moderne sich in seinem Referat als Programm zu ihrer technokratischen Abstützung liest: „Gerade weil sich die - als unaufhaltsam angesehene - technische Industrialisierung so rasend vollendete, war es umso notwendiger, gegen die damit verbundenen vermassenden und verrohenden zivilisatorischen Erscheinungsformen anzugehen.“

          Schon um die Wende von den fünfziger zu den sechziger Jahren, mit der Konsolidierung des Parteiensystems und der Einführung der dynamischen Rente, verloren laut Herbert „die Leitbilder der Jahrhundertwende ihre kompensierende und stabilisierende Bedeutung“. Plötzlich kamen Rechten wie Linken die Mietskasernen hässlich vor, nachdem sie so lange, über alle Katastrophen von Krieg und Geldentwertung hinweg, das Ideal der Sekurität des gemeinsamen Lebens gepflegt hatten. Ironischerweise sind Gründerzeitbauten heute ein Sehnsuchtsort für ein neues Bürgertum, das seinen Hedonismus postmateriell camoufliert.

          Bei Herbert ist es nicht der Mentalitätswandel, der eine Anpassung der politischen und wirtschaftlichen Verfassung nach sich zieht. Umgekehrt sind es politische und wirtschaftspolitische Veränderungen, die mentale Krücken zunächst nützlich und später entbehrlich machen. Herberts anderthalbtausend Seiten werden nie zäh, weil er eine kompakte Geschichte der politischen Entscheidungen bietet, ohne die tautologischen Umständlichkeiten der „Gesellschaftsgeschichte“ aus Bielefeld.

          Geschichte als gewollter Sachzwang

          Durch den Verzicht auf anekdotischen Zierrat tritt hervor, wie das politische Handeln auf seine Bedingungen zurückwirkt. Konrad Adenauer wird von Herbert bescheinigt, er habe durch seine robuste Machtausübung zugleich die Grundlage für die Kritik an seinem Regierungsstil geschaffen. Zunächst mag man diese dialektische Figur für allzu scharfsinnig halten. Überzeugend ist dann aber die Bekräftigung durch die Gegenprobe, den Vergleich mit der Weimarer Republik. In der Kanzlerdemokratie bedeutet Kritik am Kanzler nicht sofort Kritik an der Demokratie. „Jedenfalls wurde angesichts des autoritären politischen Führungsstils des Kanzlers das Verlangen nach kooperativen Formen der Machtausübung stetig stärker. In der Weimarer Zeit war es gerade andersherum gewesen.“ Solche schlagenden Querverweise findet man öfter.

          Den darstellerischen Höhepunkt bietet die Regierungszeit des allmächtigen Kanzlers, der ohne jede politische Rücksichtnahme handelte - nicht nur im Sinne der Verachtung für Recht und Moral, die nicht das Singuläre an Hitler war und ihre Apologeten unter entschieden modern gestimmten Intellektuellen hatte. Hitler war zur Kooperation ganz einfach unfähig, vereitelte etwa durch seine Verachtung der Kollaboration jeden Ansatz zum Ausgleich mit den von Deutschland besetzten Staaten.

          Mit erschütternder Klarheit zeigt Herbert, wie sich in einer Kette gewollter Sachzwänge der Beschluss zur Ermordung der Juden wie von selbst ergab, gemäß einer wahnhaften Logik des Unbedingten, die sich den Feind herbeidefinierte. Hitlers Gewalt war kein politisches Mittel wie in den Gegenrevolutionen, unter die der britische Botschafter die Machtergreifung einsortieren wollte. Was 1933 begann, war in Herberts Worten „in den traditionellen Kategorien von Restauration und Reaktion nicht zu verstehen“.

          Ulrich Herbert: „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“. C. H. Beck Verlag, München 2014. 1451 S., geb., 39,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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