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Ulinka Rublack: Die Neue Geschichte : Die Welt, von Cambridge aus betrachtet

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Bild: S. Fischer Verlag

Geschichtsschreibung heute? Ulinka Rublack hat sechzehn Historiker der angloamerikanischen Welt in einem Band mit dem Titel „Die Neue Geschichte“ versammelt. Er hat mehr Lücken als Vorzüge.

          In den letzten Jahren ist in der Bundesrepublik eine stattliche Reihe von Einführungen in die Geschichtswissenschaft erschienen, in denen die diversen Disziplinen mit ihren Problemen präsentiert werden. Die Qualität fällt denkbar unterschiedlich aus, aber sie stehen durchweg den aktuellen Problemen des Fachs aufgeschlossen gegenüber. Voller Neugier wendet man sich daher einem Sammelwerk zu, für das die am St. John’s College in Cambridge lehrende deutsche Frühneuzeit-Historikerin Ulinka Rublack sechzehn Beiträge unter dem Titel „Neue Geschichte“ zusammengestellt und zugleich auch in deutscher Übersetzung vorgelegt hat. Der Konstanzer Globalhistoriker Jürgen Osterhammel hat ein sehr freundschaftliches Vorwort beigesteuert.

          Die acht Autorinnen und acht Autoren stammen ausnahmslos aus der englischen und amerikanischen Universitätswelt, vertreten auch nicht selten, offenbar absichtlich, deren modische Strömungen. In Rublacks vollmundigen Worten verkörpern sie die „wichtigsten Richtungen und Themen der gegenwärtigen Geschichtsschreibung“. Tatsächlich ist das, wie sich zeigen wird, eine rundum verfehlte Behauptung.

          Ein souveräner Kenner der Materie

          Um das Urteil vorwegzunehmen: Dieser Band kombiniert eine heterogene Mischung von einigen exzellenten Essays mit einer Mehrzahl enttäuschender Beiträge. Insgesamt wird der Anspruch, eine (nirgendwo präzis definierte) „Neue Geschichte“ vorzustellen, nicht erfüllt. Die drastischen Lücken übertreffen bei weitem die Vorzüge der lohnenden Stücke, die schnell aufgezählt sind. Unter der Überschrift „Geschichte schreiben“ steht in einem ersten Abschnitt, völlig zu Recht, der glänzende Essay von Christopher Bayly (Cambridge) über die derzeitige Globalgeschichte, deren vorderste Forschungsfront er selbst repräsentiert.

          In der außerordentlich spannenden Kontroverse zwischen der „Kalifornischen Schule“ der Verteidiger von Chinas Modernität bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts und den Verfechtern von Europas jahrhundertealten Wettbewerbsvorteilen rückt er dank seiner Spitzenstellung die Proportionen zugunsten des europäischen Vorsprungs, verbunden mit einer Kritik an der Überschätzung chinesischer Leistungen, wohltuend zurecht, wie das nur ein derart souveräner Kenner der Materie tun kann.

          Diffus und nicht überzeugend

          Dagegen ist der folgende Aufsatz von R. Bin Wong (Los Angeles) ziemlich diffus: erst in seiner Kritik, dann in seiner Befürwortung des kausalen Denkens, ohne das jede analytische Argumentation in der Historikerzunft schlechterdings nicht auskommen kann. Die Erörterung des „Status des historischen Wissens“ aus der Feder der Herausgeberin ist unbefleckt von einer genauen Kenntnis der langlebigen Diskussion von Droysen über Dilthey und Max Weber bis in unsere Zeit. Übrigens führt Foucault im Namensregister die zitierten Größen des „Wissens“ an, wie das ja häufig passiert, ohne dass eine theoretische Anregung irgendwo überzeugend verarbeitet wird.

          Der lexikographische Abriss über die Geschichte der Historiker (Donald Kelley und Bonnie Smith, Rutgers University) eilt im Geschwindschritt von Herodot bis zur Gegenwart, ohne doch die Entwicklung der Historiographie als Wissenschaft am Beispiel profilierter Figuren überzeugend erfassen zu können.

          Informatives neben Unvollständigem

          Der zweite Abschnitt enthält unter der Überschrift „Themen und Strukturen“ zwölf Beiträge zur Problematik der völlig überwiegenden Neuzeitgeschichte - ohne eine Hierarchie. Auch hier sind die anregenden Stücke leicht zu erkennen. Hoch informativ ist der Essay von Kenneth Pommeranz (Irvine), zurzeit Präsident der Amerikanischen Historikervereinigung und Spitzenfigur der „Kalifornischen Schule“. Er behandelt den Fernhandel im weitesten Sinne und darf damit den einzigen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte beisteuern, die hier, so Osterhammel, „kühn auf Handel reduziert“ wird. Christopher Clark (Cambridge) traktiert kenntnisreich auf vertrautem Gelände die Machtpolitik der europäischen Staaten. Das ist freilich ein seit der Barockhistoriographie geläufiges Thema, keineswegs eine Innovation der neuen „Richtungen“. Vorzüglich ist auch Peter Burkes (Cambridge) kompetenter Überblick über die Dimension der Kommunikationsgeschichte.

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