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Klaus Mainzers „Die Berechnung der Welt“ : Datenmuster erklären noch nichts

Eine Maschine zur Erzeugung sehr vieler Daten - und zur Prüfung einer Theorie: Ein Detektor des Large-Hadron-Colliders am Europäischen Kernforschungszentrum bei Genf Bild: ddp

Jenseits maschineller Rechenleistungen: Klaus Mainzer erklärt Konzepte der Berechenbarkeit von Prozessen - oder sogar der ganzen Welt.

          „Das Ende der Theorie“, so lautet der Titel eines vor sechs Jahren erschienenen Essays von Chris Anderson, damals Chefredakteur von „Wired“. Die These war einfach zugeschnitten: Angesichts der sich rasant vervielfachenden Datenmengen und Kapazitäten zu ihrer Verarbeitung - also des Regimes von Big Data - könne man sich aufwendige Theorien und mit ihnen verknüpfte Modelle in Hinkunft sparen. Korrelationen genügen, denn sie würden unter den nun eingetretenen Bedingungen, wo nicht mehr aus Stichproben gefolgert werden muss, sondern Gesamtkollektive nach Mustern durchforstet werden können, zum unüberbietbaren Prognoseinstrument. Die maschinell bearbeitete Empirie der Daten ersetzt die theoretische Erklärung.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass sich die Theorie so schnell nicht verabschieden lässt, liegt zwar auf der Hand - aber als provokanter Einwurf funktionierte Andersons Text vorzüglich. Zumal man dabei auch gleich an andere Entwürfe denken konnte, etwa an eine dank maschineller Rechenleistungen empirisch verfahrende Mathematik oder an eine digitale Physik, deren maschinell ausgetestete Empirie in verblüffend reichen, dabei aber nach ganz einfachen Regeln generierten Datenmustern besteht: Stephen Wolframs „neue Wissenschaft“ der zellulären Automaten, die dem deutschen Computerentwickler Konrad Zuse bereits Ende der sechziger Jahre vorschwebte.

          Anspruchsvoller Parcours

          Klaus Mainzer, Wissenschaftstheoretiker und Philosoph an der TU München, dem man auf mathematischem wie physikalischem Terrain kein X für ein U vormachen kann, geht in seinem neuen Buch von solchen antitheoretischen Ambitionen als Kontrastfolie aus - um vor Augen zu führen, warum auf Theorie und Modelle nicht zu verzichten ist. Der Weg, den er dazu einschlägt, führt nur am Rande auf direkte Auseinandersetzung mit diesen Ambitionen. Mainzer legt vielmehr eine bündige historische Darstellung vor, die Konzepte der Berechenbarkeit von Prozessen - oder gar: der Welt - Revue passieren lässt, und zwar von Euklid bis zu neuesten Entwicklungen auf dem Feld der Berechnung sozialer Prozesse mit Big-Data-Methoden.

          Der Weg des Autors ist also historisch weitläufig, doch durchmessen wird er im Stechschritt knapp abgezirkelter Erläuterungen. Wozu gehört, fügen wir es gleich warnend an, dass sehr viele technische Begriffe auf denkbar knappe Weise vorgestellt und dann gleich in Verwendung genommen werden - so dass Leser ohne einige Semester in Mathematik und Physik vermutlich leicht ins Trudeln kommen. Auf einem Parcours, der so anspruchsvoll ausfällt, dass wir uns hier mit einigen Stichworten begnügen: von der physikalischen Standardtheorie zurück zur klassischen Mechanik, ein Seitenblick auf Chaos und dynamische Systeme, dann weiter zur Quantenwelt, vorher aber Abzweigung zu Hilberts axiomatischem Programm der Mathematik als Auftakt zu Gödel, Turing und John von Neumanns Automaten, schließlich über einen Abriss der Wahrscheinlichkeitstheorie zum Regime von Big Data, soziotechnischen Systemen und den „Berechnungen“ unserer selbst als gesellschaftliche Akteure.

          Auf diesem Parcours ist viel Handfestes zu lernen, und ernst zu nehmen ist auch die Warnung des Autors, die Empirie der Korrelationen als Paradigma und Praxis nicht durchgehen zu lassen - wozu es den ganzen historischen Durchgang freilich nicht unbedingt gebraucht hätte. So ist die Versicherung des Verlags, dass das Buch Hintergrundwissen zur Ausforschung der Gesellschaft und zum NSA-Skandal gibt, zwar nicht falsch, bloß muss man sich dieses Wissen wirklich sehr hintergründig vorstellen. Man möchte ja gelingende Aufklärung über den militärisch-wirtschaftlichen Überwachungskomplex eher nicht an die Bedingung knüpfen, dass die Gödelschen Unvollständigkeitssätze, Turings Halteproblem, zelluläre Quantenautomaten oder der zentrale Grenzwertsatz verstanden sind.

          Andererseits kann das natürlich auch nicht schaden, zumal die Konzepte von Berechenbarkeit, die dabei ins Spiel kommen, faszinierend sind - als Beispiele der technischen Bändigung hoch ansetzender und ziemlich spekulativ klingender Fragen. So wie jene, bei der Mainzer zuletzt landet, bei der allerdings Formalisierung nicht mehr weiterhilft, nämlich warum die Mathematik offenbar so gut auf die Welt passt. Je nach Perspektive kann man sie als falsch gestellt oder sehr tief ansehen. Auch nicht gerade etwas, dem man wegen der NSA nachsinnen muss - aber schon interessant.

          Klaus Mainzer: „Die Berechnung der Welt“. Von der Weltformel zu Big Data. Verlag C. H. Beck, München 2014. 340 S., Abb., geb., 24,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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