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Turit Fröbe: Die Kunst der Bausünde : Ein Lob der Bausünde

Bild: Quadriga Verlag

Geschmäht und gehasst: Was Architekten im Auftrag ihrer Kunden bisweilen verbrechen, lässt die Gemüter nicht kalt. Die Kunsthistorikerin Turit Fröbe verhilft der Bausünde jetzt zu ihrem Recht.

          Das Phänomen gibt es auf der ganzen Welt, aber das passende Wort gibt es nur auf Deutsch: „Bausünde“. Die anderen europäischen Sprachen kennen es nicht, sie müssen es mühsam umschreiben. Am nächsten kommt noch das Französische, welches ein „désastre architectural“ kennt, was aber nicht wirklich das Gleiche ist.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Berliner Kunsthistorikerin Turit Fröbe, Jahrgang 1971, hat nun eine Lücke im akademischen Betrieb erkannt und diese schnell besetzt, indem sie sich zur Retterin der Bausünde aufschwingt. Dazu benötigt sie, wie ihr kompakter Bildband zeigt, nur ein Minimum an architekturgeschichtlichem Überbau, ein Querschnitt aus ihrem privaten Bildarchiv genügt, um die aberwitzigsten Scheußlichkeiten aus deutschen Landen zu dokumentieren.

          Das Schöne im Hässlichen

          Die Scheußlichkeiten auch so zu nennen hieße aber, an den Absichten der Autorin vorbeizugehen. Denn sie fordert ja genau das Gegenteil. Eine „gut gemachte Bausünde“ sei „heute genauso schwer zu finden wie gute Architektur“, davon ist sie überzeugt. Auch weil die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde „fließend“ ist: Mancher Bau eines zeitgenössischen Stararchitekten werde in zwanzig Jahren schon mit ganz anderen Augen gesehen werden. Denn diese Gebäude verbinde mit den Bausünden der Umstand, dass sie spontanes Unverständnis beim Betrachter auslösten und als (negative) Identifikationsfiguren im Stadtbild herhielten. Man nehme etwa den Berliner Versuch, an die Epoche des Art déco anzuknüpfen: das Alexa am Alexanderplatz. Das ist nicht rundum geglückt, weshalb es beim Bürgermeister in Ungnade fiel und im Volksmund „Pharaonengrab“ oder „rosaroter Hochbunker“ genannt wird. Mit dieser 2007 errichteten Shoppingmall beginnt Fröbe ihre Reise durch das Land, weil für sie das Alexa „zu den besten Bausünden der letzten Jahre“ zählt.

          Die Bilder des Bandes über die besten Sünden sind eine Augenweide: Wohnhäuser aus den siebziger Jahren in Nürnberg, die an mittelalterlichen Trutzburgenbau erinnern; ein norddeutsches Backsteinhäuschen in Glücksburg mit Spiegelverglasung; ein Wüstengarten in Frankfurt/Oder, ein Osnabrücker Steingarten; eine Toskana-Villa im Grunewald, Schmuckfassaden an der Frankfurter Hauptwache, eine Entchenskulptur in Unterhaching, ein Potsdamer Neubau, bei dessen Anblick seinem Vorbild Palladio das Herz stehenbliebe - die Liste ließe sich fortsetzen: 120 deutsche Städte hat die Autorin erkundet, überall ist sie fündig geworden. Ihr Geheimtipp: Braunschweig.

          Der Gesellschaftskritiker Karl Kraus wusste, das man der Sünde keine Moral anschminken dürfe, deshalb sollte man diese Kollektion verfehlten Bauens auch als das nehmen, was sie ist: ein augenzwinkernder Hinweis auf Verfehlungen, für die keiner verantwortlich sein will. Denn ansonsten müssten die Bauherren und -damen, die Investoren und Stadtplaner ihre Bausünden bekennen, bereuen und Buße tun - das sind in den christlichen Religionen die Gegenmaßnahmen, um sich aus dem Zustand der Sünde zu befreien. Davon aber rät Turit Fröbe dringend ab.

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