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: Trocken hält länger

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So stoßen wir auf eine weitere Schwäche des Buches: Es wertet allzu biedersinnig nur aus der Perspektive Thomas und Katia Manns. Und kaum erfahren wir mehr als das, was woanders schon gründlicher recherchiert und schöner beschrieben wurde, sei es aus der biographischen oder autobiographischen Literatur. Doch immerhin ist Hildegard Möllers Buch munter zu lesen, allerdings nicht ganz frei von kleinen Banalitäten: "Nach der Rückkehr aus dem Urlaub am 18. Oktober war zu Hause wieder allerlei los." Dieser Satz inspiriert zu einem neuen Titelvorschlag. Statt "Die Frauen der Familie Mann" hätte das Buch besser heißen sollen "Was der Familie von Thomas Mann so alles passiert ist". Aber auch unter diesem Titel müßte man traurig konstatieren, daß die Möllersche Schilderung eines achtköpfigen Familienunternehmens, in dem neben Tragik und Schmerz sowohl freiwillige wie unfreiwillige Komik durchgehend herrschten, humorfrei bleibt.

In sachlicher Hinsicht können wir einzig den siebenseitigen Epilog hervorheben, der hauptsächlich um "den besonders gelungenen Lebensentwurf" Elisabeth Mann-Borgeses kreist. Doch macht sie es jeder Darstellung auch am leichtesten, da sie die letzte Überlebende der Familie war und zumal in Breloers Film ausgiebig zu Wort kam. Aber Hildegard Möllers Buch springt zu spät auf einen fahrenden Zug - siehe oben - und verunglückt mithin schwer. Ob dies nur der Autorin oder auch einer in diesem Falle zu populistischen Verlagspolitik zu verdanken ist, sei dahingestellt.

Verspricht Möllers Titel mehr, als er hält, so liegen die Dinge bei einer ganz anderen Neuerscheinung zur Familie Mann umgekehrt: Die Lektüre von Michael Stübbes "Die Manns. Genealogie einer deutschen Schriftstellerfamilie" verspricht staubtrocken zu werden und berührt dann merkwürdig tief. Dies ist ja auch nicht verwunderlich, machte Thomas Mann doch beim Verfassen seiner "Buddenbrooks" ausgiebig von erhaltenen Familienchroniken und mündlichen Erzählungen Gebrauch. Gerade in jenem Roman machte der Autor von einem Prinzip Gebrauch, das wir sehr frei nach Goethe nennen können: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um daraus einen Roman zu schreiben. Es ist also keineswegs sinnlose Faktenhuberei, wenn Stübbe jeder nur möglichen Verästelung der mecklenburgischen Namensträger nachgeht und übrigens die in der Familie genährte und auch schon veröffentlichte Legende zurückweist, die Manns stammten einem Nürnberger Geschlecht ab.

Vom ersten nachweisbaren Vorfahren, dem 1611 geborenen Kaufmann Johann Mourer Mann zu Parchim bis zu heute noch ganz jungen Enkeln Fridolin Manns, der im "Doktor Faustus" als Vorbild für den früh dahingerafften "Echo" stand, sind alle verfügbaren Vor- und Nachfahren Thomas und Heinrich Manns nicht nur aufgelistet, sondern auch, soweit irgend möglich, mit präzisen Kurzbiographien geschildert - auch die angeheirateten Frauen beziehungsweise Männer. Und wenn die Quellen schweigen, wird dies akribisch verzeichnet. Stübbe zitiert immer dann die "Buddenbrooks", wenn dort ein Vorfahre literarisch traktiert wird, und lädt damit zum Lesen des Werks ein. Dies beglückt schon deswegen, weil es zeigt, daß professionelle Familienforschung über sich hinauszuverweisen vermag. Es ist absehbar, daß, wenn hinkünftig über Thomas und Heinrich Mann lebensgeschichtlich geforscht wird, nur noch vom "Stübbe" als Standardwerk die Rede sein wird. Thomas hätte es wohl als "buchenswert" bezeichnet.

MARTIN THOEMMES.

Hildegard Möller: "Die Frauen der Familie Mann". Piper Verlag, München Zürich 2004. 419 S., Abb., geb., 19,80 [Euro].

Michael Stübbe: "Die Manns". Genealogie einer deutschen Schriftstellerfamilie. Verlag Degener & Co., Neustadt/Aisch, 2004. 112 S., Abb., br., 14,80 [Euro].

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