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Top-Tipps für Snobs auf Stütze

Der verarmte Schriftsteller Bernd Wagner hat ein Luxusproblem. Er erfährt endlich die Aufmerksamkeit, die er sich jahrelang gewünscht hat. Aber es ist die falsche Aufmerksamkeit. Wagner möchte als Poet gesehen werden. Doch die Medien in Berlin treiben ihn nun durchs Dorf, weil er "der Mann ist, der ...

Der verarmte Schriftsteller Bernd Wagner hat ein Luxusproblem. Er erfährt endlich die Aufmerksamkeit, die er sich jahrelang gewünscht hat. Aber es ist die falsche Aufmerksamkeit. Wagner möchte als Poet gesehen werden. Doch die Medien in Berlin treiben ihn nun durchs Dorf, weil er "der Mann ist, der den Hartz-IV-Ratgeber geschrieben" hat.

"Berlin für Arme" heißt das Buch (Eichborn, 8,95 Euro), das Wagner mit seiner Tochter Luise herausgegeben hat. Neulich hat er den "Stadtführer für Lebenskünstler" in einem Kaufhaus für Second-Hand-Klamotten vorgestellt. Die Presse sprang an, von "Hartz-IV-Kult" ist die Rede. Das Buch passt wie die Faust auf die Zeit: Die Agenda 2010 ist gerade fünf Jahre alt geworden. Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hat Hartz-IV-Empfängern just vorgerechnet, dass man sich mit dem Regelsatz von 347 Euro durchaus "vollständig, gesund und wertstoffreich ernähren" könne; 3,76 Euro reichten schon für eine Hauptmahlzeit aus Bratwurst (38 Cent), Kartoffelbrei (25 Cent), Sauerkraut (zwölf Cent), Gewürzen und Öl (zwanzig Cent). Dazu morgens und abends ein paar Stullen, sogar ein Kaffee und eine Banane wären noch drin - trotzdem bleibe man mit 3,76 Euro unter dem für Nahrungsmittel vorgesehenen Tagessatz von 4,25 Euro, behauptet Sarrazin.

Als Gegenentwurf kommt Wagner mit seinem Buch und der dazugehörigen Internetseite (www.berlinfuerarme.de) gerade recht. Dem Sechzigjährigen geht es weniger um brutalstmögliches Haushalten als um die Frage, wie man es schafft, ohne Arbeit und mit wenig Geld in der Großstadt "ein würdevolles und genussreiches Dasein" zu führen. Dazu liefert das Buch praktische Hinweise und ein Stück tröstlicher Lebensphilosophie: "Armut schändet nicht", ist Wagner überzeugt, sie sei der "natürliche Zustand" des Menschen. Dieser Zustand lasse sich besser ertragen, wenn man sich einigermaßen pfiffig anstellt, glaubt er. Die Stadt biete dem Armen nahezu alles, was er brauche. Bärlauch, Pilze, Beeren und Mirabellen lieferten städtische Park- und Waldanlagen im Überfluss. In den Berliner Seen oder den Zuchtteichen im Umland könne man prima angeln und unauffällig Enten erlegen. Ein im Antiquariat erhältlicher DDR-Kochbuch-Klassiker helfe bei der ökonomischen Zubereitung. Und wenn man Lust auf Exotisches habe, könne man sich an einem der Nationalfeiertage an den Buffets ausländischer Botschaften durchfuttern; besonders empfehlenswert seien Mexiko und Äthiopien. Auf feine Garderobe brauche man auch nicht zu verzichten, dafür gebe es günstige Second-Hand-Läden. Der Autor rät dem Arbeitslosen zum ganzwöchigen Sonntagsstaat: "Arbeitskleidung", zu der die Jeans "in all ihren Abarten" zähle, solle man gleich den "Besserverdienenden" überlassen.

Wagner wünscht sich den Armen als eine Art Snob auf Stütze. Auf Kultur brauche der ebenfalls nicht zu verzichten, schließlich komme man mit dem Sozialticket für drei Euro ins Theater oder in die Oper und zu manchen Zeiten kostenlos ins Museum. Zudem empfiehlt Wagner die Erschleichung eines Journalistenausweises. Damit erhalte man fast überall umsonst Zutritt und könne sich außerdem kostenlose Bücher als Rezensionsexemplare bestellen. Aus rechtlicher Sicht sind einige von Wagners Überlebenstipps mehr als grenzwertig: Schwarzfahren hält der Autor für ebenso legitim wie das Durchtrennen fremder Fahrradschlösser mit dem Bolzenschneider - falls das Rad subjektiv zu lange an einem Ort angeschlossen war. Nicht zuletzt aufgrund seiner ethischen Flexibilität titulierte die Boulevardpresse Wagner als "Berufs-Schnorrer" und "Luxus-Schnorrer". Der weist diese Vorwürfe ebenso von sich wie die Kritik, er sei ein Zyniker, der auf dem Rücken von Hartz-IV-Empfängern Erfolge feiere.

"Ich gebe denen doch ein Medium", sagt Wagner und korrigiert das "denen" dann in "uns". Damit hat er unfreiwillig viel erzählt. Denn Wagner hat zwar bis vor kurzem Hartz IV bezogen, doch den belesenen Flaneur, der sich halb freiwillig in die Armut fügt, trennen Welten von den Massen des bildungsfernen Prekariats, denen es nicht frei steht, aus Arbeitslosigkeit philosophischen Gewinn zu ziehen. Wagner sieht das durchaus. Er habe einmal einen Ein-Euro-Job in einem Behindertenheim gehabt, erzählt er, da sei ihm klar geworden, dass seine Ein-Euro-Job-Kollegen "wohl eher nicht zu denen gehörten, die für drei Euro ins Theater gehen". Aber sein Buch heiße schließlich auch nicht "Berlin für Dumme", sondern "Berlin für Arme" und richte sich weniger an die Masse der Hartz-IV-Empfänger als an jüngere Leute im Alter seiner Tochter (um die dreißig), die mit der neuen Instabilität der Arbeitswelt leben müssten und für die periodische Erwerbslosigkeit zum Alltag gehöre.

Wagner wurde im sächsischen Wurzen geboren, sein Vater war Hufschmied. Bis Ende der siebziger Jahre arbeitete er in der DDR als Dorfschullehrer, danach wurde er freier Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift "Mikado". 1985 reiste er in den Westen aus. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die meisten sind heute vergriffen. Seinen 1997 erschienenen Roman "Paradies" lobte Hans-Christoph Buch damals in der "Zeit" als "den großen Roman der Wendezeit", auf den alle gewartet hätten. Leben konnte Wagner vom Schreiben trotzdem nicht. Wenn er darüber spricht, gibt er sich Mühe, nicht bitter zu klingen. Es seien selten die besten Schriftsteller, die vom Schreiben leben könnten, sagt er. Für den Literaturbetrieb und sein Stipendien-Karussell sei er vielleicht "nicht stromlinienförmig" genug, für die Arbeit als freier Journalist "inzwischen eigentlich zu alt".

Wagner raucht Zigarillo in seiner Kreuzberger Wohnung, die so aussieht als stehe sie im Prenzlauer Berg anno 1984: ein unrenovierter Altbau mit bemaltem Treppenhaus, Parkett, Stuck und Tapeten, die die Ofenheizung vor langem ausgetrocknet hat. Dazu Bilder von Künstlerfreunden an den Wänden. In schlichten Regalen vergilbende Bücher und ordentliche Stapel mit Manuskriptblättern, eine solide Staubschicht auf dem Plattenspieler. Auf dem Bett liegen Montaignes Essays. Hier wohnt ein armer Poet. Eine Zeitlang hat er sich noch als Vermessungshelfer verdingt, dann ging es gesundheitlich nicht mehr. Da habe er "den ständigen Kampf ums Dasein in der Schlangengrube aufgegeben" und beschlossen, sich "innere Ruhe zu gönnen": Er beantragte Hartz IV.

Bernd Wagner ist aus der Zeit herausgefallen. Im Flur liegen Telefonbücher. Einen "konservativen Anarchisten" nennt er sich und meint damit wohl den Spagat, den jemand aushalten muss, der zwar Schwarzfahren und GEZ-Prellen in Ordnung findet, aber ansonsten gern den Sittenverfall beklagt, wie er sich im Verzehr von Speisen in der U-Bahn, "exhibitionistischer" Handy-Nutzung, mangelnder Höflichkeit und zeitgenössischem Regie-Theater niederschlage. Er ist sich nicht ganz sicher, was er aus dem ihn überrollenden Medieninteresse nun machen soll. Fortsetzungen ("Berlin für ganz Arme", "London für Arme") auf den Markt werfen? Das will er eigentlich gar nicht. Er schreibt seit einer Weile an einem "sächsischen Heimatroman". Und er wünscht sich dafür einen Verlag, der wenigstens auch ein paar seiner alten Bücher wieder auflegt. Dass Bücher inzwischen "die gleiche Verfallszeit haben wie Schuhe", das wurmt ihn. "Wenn ein Buch ein halbes Jahr nicht gelaufen ist, wird es verramscht, gehört nicht mehr zum geistigen Erbe der Nation." Dabei habe das Leben der Reichen die Poesie doch genauso nötig wie das Leben der Armen. "Wir brauchen nicht mehr Geld, wir brauchen mehr Poesie", sagt Bernd Wagner, erfolgreicher Ratgeberautor wider Willen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 63

 
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