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Hörbuch über Tom Jones’ Leben : Der breitbeinige Waliser

  • -Aktualisiert am

Der britische Popsänger Tom Jones bei einem Auftritt in der Alten Oper in Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann

Nichts für schwache Nerven: Der britische Sänger Tom Jones beschönigt wenig in seiner Lebensbeichte. Jetzt gibt es seine Autobiographie als Hörbuch.

          Wer Kraftausdrücke nicht allzu gern hört, dem sei vom Vortrag dieser Autobiographie von Tom Jones abgeraten. Doch wer einen Blick werfen will auf eine Kindheit und Jugend im Arbeitermilieu von Wales in den vierziger und fünfziger Jahren, wer den erstaunlichen Aufstieg eines Außenseiters zum Weltstar verfolgen möchte, der findet in diesem Hörbuch erstaunlich gute Unterhaltung. Und schlägt ein kleines Kapitel Populärmusikgeschichte auf. Sollte Tom Jones das Buch selbst geschrieben haben – ein Ko-Autor wird auf dem Cover des Hörbuchs nicht erwähnt, der „Daily Express“ nennt den Journalisten und Exmusiker Giles Smith als Ko-Autor –, dann hat er auf jeden Fall Humor, Selbstironie und bei Pointen Sinn für Timing. Gelesen wird die Übersetzung von David Nathan. Seine englische Aussprache ist zwar nicht perfekt („love“ hört sich bei ihm ein bisschen an wie „laugh“), aber die lebenslustige, lachbereite, breitbeinige, nicht selten auch latent aggressive Art des Walisers gibt er treffend wieder.

          Der Sänger wurde als Thomas John Woodward 1940 in einem Kaff namens Pontypridd in Wales geboren. Im Gegensatz zur PR-Legende war er nie Bergarbeiter wie der Vater, sondern verdiente als junger Mann sein Geld als Zuschneider in einer Handschuhfabrik. Die Schule hatte der Legastheniker – den Begriff kannte man damals in Pontypridd überhaupt noch nicht – ohne Abschluss verlassen. Mit siebzehn heiratet er seine schwangere Freundin, die beiden bleiben ein Leben lang zusammen; der Weiberheld schreibt voller Respekt über sie. Scham- oder rücksichtsvoll verschweigt er seine Affären, deren Zahl von der englischen Presse auf „Hunderte“ geschätzt wird.

          Tom Jones aus der Nähe

          Wer die Art seiner Bühnenpräsenz nicht mehr recht in Erinnerung hat, mag auf Youtube einen Eindruck nachholen. Es handelt sich jedenfalls nicht um dezente körpersprachliche Aufforderungen zum Phantasiesex. Und so wird der Sänger mit dem kraftvollen Bariton von seinen weiblichen Fans seit jeher verstanden. Nachdem eine Frau in einer New Yorker Bar, während er singt, ihren Slip auf die Bühne wirft, macht sich diese sonderbare Spendenbereitschaft breit, nach den Konzerten fegen die Hausmeister ganz unromantisch die Textilien wieder zusammen. Später in Las Vegas sind es dann die Hotelzimmerschlüssel. Manchmal werden die Damen im Nahkampf so zudringlich, dass Jones einen Leibwächter an die Seite gestellt bekommt. Als er die Verfilmung des „Paten“ sieht, erkennt er einen von ihnen wieder: Es ist der Mann, der den Killer Luca Brasi spielt. Das Hörbuch setzt effektvoll 1983 ein. Da hat Jones Engagements in amerikanischen Dinner Shows. Gewiss, auch die sind gut besucht, doch der hartnäckige Goldkettenträger, der einst riesige Säle in Las Vegas füllte, hat nun schon seit Jahren keinen Hit mehr, der Lack bröckelt, daheim geistern Gattin Linda und Sohn Mark durch ihr gigantisches Haus in Los Angeles. Eines Tages klopfen dort Michael Jackson und dessen Schwester La Toya an. Als Jones ihnen Fotos zeigt mit Frank Sinatra, den Beatles und Elvis Presley, quäkt Jackson: „Wow, Tom, du hattest eine tolle Karriere.“ Nie war ein Imperfekt verletzender.

          Jones erzählt, wie er es dann schafft, wieder an die Spitze zu kommen. Langweilig ist das nicht einen Moment. Was auch daran liegen mag, dass sich Jones nie zu verstellen scheint. Er steht zu seiner Herkunft aus dem Arbeitermilieu, seinem Image als zu Geld gekommener Prolet, den Rolls-Royces, den immer riesigeren Häusern mit sieben Bädern, großen Auffahrten, klotzigen Kaminen. Jones beschönigt wenig, schon gar nicht seine Abneigung gegen Engelbert Humperdinck. Nebenbei erfährt man, und das ist ja der wahre Reiz solcher Autobiographien, eine Menge über Stars aus der Nähe. Der größte heute lebende Star, die Queen, hat ihn geadelt, und er hat ihr, obwohl man das nicht darf, eine Frage gestellt. Sie antwortete ihm. Ein anderer, Frank Sinatra, will unbedingt Jones’ Eltern kennenlernen und unterhält sich angelegentlich mit ihnen (und Jones lässt einen interessanten Satz fallen, dass nämlich der Ruhm bei den meisten dazu führt, die Neugierde auf andere Menschen versiegen zu lassen).

          Man hofft, dass es nicht zu Ende geht

          Eines Tages kommt Elvis in die Suite des Kollegen, will ihm unbedingt einen Song empfehlen. Irgendwann fragt Presley: „Was nimmst du, um nicht verrückt zu werden? Welche Droge hilft dir?“ Doch den harten Sachen geht Jones nach eigener Darstellung aus dem Weg, auch wenn im Hause eines der Gibbs-Brüder von den Bee Gees das Kokain inklusive Strohhalmen bereitsteht. Der Waliser bleibt bei herkömmlichen Genussmitteln, bei Bier, Wein und Champagner, offenbar nie zu knapp.

          Musikalische Erkenntnisse darf man sich von dem Hörbuch nicht erhoffen. Auch keine tiefen Einblicke ins Musikgeschäft, das Management hat Tom Jones erst Gordon Mills, dann seinem Sohn Mark überlassen und sich weitgehend den Regie- und Scriptvorschriften des amerikanischen Fernsehens gefügt, das ihn groß gemacht hat. Aber zu besichtigen ist die unglaubliche Karriere eines Mannes, der eine gute Stimme hat, an ein paar tolle Songs gerät und der sich nicht verstellt. Bester Unterhaltungsstoff. Man guckt auf das Display und hofft, dass es nicht so schnell zu Ende geht. Solange man nicht zimperlich ist.

          Tom Jones: „Over the Top and Back“. Autobiographie. Ungekürzte Lesung von David Nathan. Random House Audio Verlag, München 2016. 2 MP3-CDs, 737 Min., 24,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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